Deutsche Märkte geschlossen

Kinobetreiber rechnen mit desaströsem Jahr

Die Kinos haben zwei Monate lang auf Einnahmen verzichten müssen. Nun stehen die Wiedereröffnungen an. Die Branche warnt vor ersten Insolvenzen.

Mit einer Geschichte von 125 Jahren ist das Kinogeschäft eines der ältesten Gewerbe – und aktuell in einer großen Krise. Foto: dpa

Gregory Theile führt das Familienunternehmen Kinopolis in der vierten Generation, aber so etwas wie jetzt habe es noch nie gegeben in der Firmengeschichte, sagt er. Innerhalb weniger Tage habe er seinen Betrieb „auf null“ herunterfahren müssen. „Die Einnahmen sind komplett weggebrochen“, sagt Theile. Sein Unternehmen gehört mit bundesweit 17 Standorten zu den größten inhabergeführten Kinobetreibern Deutschlands. Doch der Besuch eines Kinos ist im Coronajahr keine einfache Sache.

Zunächst wurden Ende März bundesweit alle Lichtspielhäuser bis auf Weiteres geschlossen. Pro Woche hat dies zu Ertragsverlusten von rund 17 Millionen Euro geführt, wie es der Branchenverband HDF Kino errechnet hat. Nun stehen die Wiedereröffnungen der Kinos in Deutschland an. Doch die Branche, die mit einer Geschichte von 125 Jahren eines der ältesten Gewerbe darstellt, ist unzufrieden. Sie befürchtet, dass die Kinolandschaft nach der Coronakrise eine gänzlich andere sein wird als zuvor.

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„Bund und Länder haben nach zwei Monaten noch immer keine umfassende finanzielle Unterstützung für die Kinos bewilligt. Die ersten Insolvenzen stehen direkt vor der Tür“, sagt Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Verbands HDF Kino. Sie ist sich sicher: „Den Kinos steht das Wasser bis zum Hals. Mit den nächsten Mietzahlungen zum ersten Juni werden Kinos in die Knie gehen, wenn jetzt nicht sofort etwas sowohl in Richtung finanzieller Unterstützung als auch einer gemeinsamen Lösung in Richtung Wiedereröffnung geschieht.“

Statt einer einheitlichen und verbindlichen Regelung steht die Branche vor „einem föderalen Flickenteppich anstehender Wiedereröffnungen“, kritisiert Berg. 16 Bundesländer, 16 unterschiedliche Regelungen. Einzelne Bundesländer wie Schleswig-Holstein und Hessen haben bereits eine Öffnung der Häuser erlaubt, andere Länder stellen dies nach und nach in Aussicht. Eines ist sicher: Eine einheitliche Regelung wird es nicht geben.

„Jeder Kinokenner weiß, dass die Kinos in Anbetracht bundesweit geplanter Filmstarts im Prinzip nur einheitlich aufmachen können. Sonst ist den Kinos wirtschaftlich kaum geholfen“, meint Verbandschefin Berg. Es ist eine Branche, die von Abhängigkeiten geprägt ist. Die Kinobetreiber sind auf die Belieferung mit neuen, Aufsehen erregenden Spielfilmen angewiesen. Verleiher wie Paramount, Disney oder Constantin wiederum geben erst dann die großen Blockbuster in den Markt, wenn eine flächendeckende Vermarktung möglich ist.

Geschlossene Türen überall: Kinos waren lange geschlossen. (Bild: Getty Images)

30.000 Leinwände für einen pünktlichen Kinostart

Zwei besonders starke Kinofilme stehen in den Startlöchern, werden der Branche quasi „wie eine Karotte vor die Nase gehalten“, meint Berg. Da ist zum einen „Mulan“, die Realverfilmung des Disney-Zeichentrick-Klassikers. Und da ist „Tenet“, der neue Thriller von Star-Regisseur Christopher Nolan. „Tenet“ kommt eine Schlüsselrolle zu. Der Film soll das Comeback des Kinos Mitte Juli zelebrieren. Nolan selbst, der als kein großer Streaming-Fan gilt, soll auf diesen Termin weiterhin bestehen.

Doch bei der verantwortlichen Filmproduktionsfirma Warner sollen sich Branchenberichten zufolge inzwischen Bedenken breitmachen, die große Auswirkungen auf alle Filme hätten. Die später geplanten Filme müssten ebenfalls weiter nach hinten verlegt werden, wenn „Tenet“ erst im August startet.

Wie das US-Branchenmagazin „Deadline“ berichtet, brauche das Studio für ein Festhalten am Kinostart mindestens 80 Prozent geöffnete Kinos auf der Welt. Das sind umgerechnet 30.000 Leinwände. Erst dann sei die Gewinnschwelle des kostspieligen Films erreicht, heißt es. Werden diese Ziele nicht erreicht, steht eine Verschiebung von „Tenet“ im Raum.

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„Wir brauchen einen Vorlauf von sechs bis acht Wochen“, meint Kinoexpertin Berg. Werbekampagnen müssen platziert werden – und das unter ohnehin erschwerten Bedingungen: Die klassischen Werbeplätze für Filme wie Trailer im Kino, Spots bei Live-Sport-Events oder große Plakatwände sind aktuell kaum nutzbar.

Das Kinogeschäft funktioniert in Wellen. Es gibt gute Zeiten, zu denen das vergangene Jahr gehört, in dem die deutschen Kinohäuser eine Milliarde Euro umgesetzt haben. Und es gibt schlechte Zeiten, zu denen 2018 gehört. Faktoren wie die Fußball-Weltmeisterschaft, schönes Sommerwetter und ein eher maues Filmangebot machen den Kinobesuch in solchen Zeiten wenig attraktiv. Das laufende Geschäftsjahr wird zu den schlimmsten Jahren in der Geschichte gehören, davon gehen Experten schon jetzt aus.

Geregelter Betrieb erst ab Juli

Bereits angelaufene Streifen werden in den ersten Wochen der Wiedereröffnungen reaktiviert. Einer der letzten großen Filme, die in diesem Jahr in den Kinos gezeigt wurde, war im März „Die Känguru-Chroniken“, eine Verfilmung des Bestsellers von Autor Marc-Uwe Kling. Doch die Geschichte des kommunistischen Kängurus lief nur drei Wochen lang in den deutschen Kinos, bevor die Häuser schließen mussten.

Rund eine halbe Million Zuschauer hatte sich den Film bis dahin angesehen. Das Potenzial des Films habe bei zwei Millionen Zuschauern gelegen, meint Berg, bei einem durchschnittlichen Ticketpreis von acht Euro bedeute dies einen Ausfall von zwölf Millionen Euro.

Berechnungen, die auch Kinopolis-Inhaber Theile tagtäglich anstellt. Zu den bekanntesten Häusern seines Unternehmens, in dem rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt sind, gehören das Mathäser und der Gloria-Palast in München. Normalerweise erzielt Kinopolis einen jährlichen Umsatz von 100 Millionen Euro und erwirtschaftet dabei einen ordentlichen Gewinn. In diesem Jahr ist alles anders.

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„Ich rechne mit einem Verlust in einstelliger Millionenhöhe“, meint Theile. Einen geregelten Betrieb sieht er frühestens ab Juli. Aber auch dann müssen zahlreiche Hygieneauflagen eingehalten werden, die an der Wirtschaftlichkeit eines Kinobetriebs nagen. Beispiel Abstandsregelung: Die 1,50 Meter Abstand zwischen den Besuchern müssen auch während der Vorstellung eingehalten werden. Muss einer der Zuschauer den Raum verlassen, darf er nicht dicht an den anderen Sitzen vorbeigehen. Stattdessen muss die Reihe davor freigehalten werden.

Und auch hier offenbart sich die Vielfalt des Föderalismus: „Wir müssen für jeden Standort mit dem lokalen Ordnungsamt Kontakt aufnehmen“, sagt Theile. Dabei falle schon jetzt auf, wie unterschiedlich die Behörden die Vorschriften auslegen. „Aber diese Vorgaben sind für uns essenziell“, sagt er. Normalerweise zählt die gesamte deutsche Kinobranche rund 60 Millionen verkaufte Tickets in den Kinos binnen eines halben Jahres. Nun müssen alle Kinobetreiber neu kalkulieren.

Das gilt auch für Gregory Theile. Der Kinopolis-Chef rechnet aufgrund der Vorgaben mit einer „theoretisch maximal möglichen Auslastung“ pro Vorstellung von 20 bis 30 Prozent. „Die tatsächlich erzielte Auslastung wird weit darunter liegen“, sagt er.

Theile bleibt optimistisch. „Es gibt einen großen Wunsch der Menschen, wieder ins Kino zu gehen“, sagt er. Derzeit weichen viele Cineasten aufs Autokino aus, sitzen in ihren Fahrzeugen und schauen getrennt altbekannte Filme. Kinopolis ist ebenfalls in diesem Geschäft dabei, allerdings nur als Kooperationspartner. „Aktuell sind die meisten Autokinos sicherlich wirtschaftlich, ich halte dies nur für kein nachhaltiges Geschäft“, meint Theile.

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