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Kanada lehnt chinesische Übernahme einer Arktis-Goldmine ab

Braune, Gerd
·Lesedauer: 7 Min.

Das chinesische Unternehmen Shadong Mining hätte mit der Transaktion einen Hafen in der Nordwestpassage erhalten. Die kanadische Regierung lehnte das Angebot aus Sicherheitsgründen ab.

Die Hoheit über die Nordwest-Passage ist für Kanadier eine ganz sensible Frage. Foto: dpa
Die Hoheit über die Nordwest-Passage ist für Kanadier eine ganz sensible Frage. Foto: dpa

Die kanadische Regierung hat die Übernahme eines Rohstoffunternehmens in Kanadas Arktis durch das chinesische Unternehmen Shandong Gold Mining abgelehnt. Offenbar führten Sicherheitsbedenken zu dieser Entscheidung Ottawas.

Mit der Übernahme von TMAC Resources hätte Shandong eine Goldmine und einen Hafen in Hope Bay an der Nordwest-Passage, dem Schiffsweg durch Kanadas arktische Inseln, bekommen. Chinas Interesse an TMAC unterstreicht auch die wachsende globale strategische Bedeutung der Arktis.

Das kanadische Junior-Unternehmen TMAC gab die Entscheidung der Regierung von Premierminister Justin Trudeau vor den Weihnachtsfeiertagen bekannt. TMAC sei „enttäuscht“ über die Entscheidung der Regierung. Die Transaktion werde nun nicht stattfinden, teilte Unternehmenschef Jason Neal mit.

Das Ministerium für Innovation, Wissenschaft und wirtschaftliche Entwicklung, das nach dem „Investment Canada Act“ Anträge auf Übernahme kanadischer Unternehmen durch das Ausland überprüft, gab selbst keine Pressemitteilung heraus und wollte sich wegen der gesetzlich vorgeschriebenen Vertraulichkeit auch nicht äußern. Shandong Mining Co. Ltd. wollte für 1,75 kanadische Dollar pro Aktie 100 Prozent von TMAC Resources Inc. übernehmen.

Das hätte einen Marktwert zwischen 200 Millionen und 230 Millionen kanadischen Dollar, umgerechnet bis zu etwa 150 Millionen Euro, bedeutet. Die TMAC-Aktionäre hatten der Übernahme am 26. Juni mit einer überwältigenden Mehrheit von 97 Prozent zugestimmt.

Beziehung zwischen Kanada und China angespannt

Die chinesische Botschaft erklärte in einer Stellungnahme, Kanada solle „faire, offene und nicht-diskriminierende Marktbedingungen für Unternehmen aus aller Welt einschließlich China bieten“. TMAC fördert in Hope Bay nicht weit von der Gemeinde Cambridge Bay entfernt in seiner Doris-Goldmine das Edelmetall.

Der Wert der Transaktion ist im Vergleich zu anderen Akquisitionen im Rohstoffbereich eher gering. Aber das Geschäft war aus mehreren Gründen politisch brisant. Die Beziehungen Kanadas zu China sind angespannt, seitdem die Finanzchefin des chinesischen Telekommunikationskonzerns Huawei, Meng Wanzhou, im Dezember 2018 auf dem Flughafen von Vancouver aufgrund eines US-Auslieferungsbegehrens festgenommen wurde.

Gegen Meng läuft das Auslieferungsverfahren vor einem kanadischen Gericht. Unmittelbar nach der Festnahme von Meng Wanzhou waren die Kanadier Michael Kovrig und Michael Spavor aufgrund von Spionagevorwürfen in China festgenommen worden. Kanada wertet dies als Vergeltungsmaßnahme, während China jedwede Verbindung zwischen beiden Verfahren zurückweist.

Hinzu kommt, dass Shandong, das kanadische Medien als vom chinesischen Staat kontrolliert beschreiben, mit der Übernahme von TMAC inmitten der Nordwest-Passage eine Basis erhalten hätte. Erwartet wird, dass mit fortschreitendem Klimawandel die Nordwest-Passage schiffbar und so an Bedeutung für den internationalen Schiffsverkehr gewinnen wird.

In der engen Schifffahrtsroute durch das arktische Archipel Kanadas könnte für China eine Basis strategisch von großer Bedeutung sein. Sie könnte damit auch internationale Bedeutung haben. Für die Kanadier, deren Souveränitätsansprüche über die Wasserweg im hohen Norden immer wieder in Frage gestellt werden – auch von der Europäischen Union und den USA – ist die Hoheit über die Nordwest-Passage eine ganz sensible Frage.

USA sieht Chinas Arktispolitik kritisch

Daher ist auch ohne offizielle Bestätigung durch die Regierung in Ottawa plausibel, dass Sicherheits- und Souveränitätsüberlegungen die Abwägung zwischen ökonomischen und nationalen Interessen beeinflusst haben. Diese Abwägung muss nach dem „Investment Canada Act“ vorgenommen werden.

Die Tageszeitung Globe and Mail berichtet zudem von „Druck der US-Regierung“. Die US-Botschaft in Ottawa äußerte sich zunächst nicht zu der Entscheidung Kanadas. Die USA warnen seit einiger Zeit davor, dass China zivile Forschung in der Arktis, Investitionen im Rohstoffbereich und den Ausbau der Schifffahrt als Vehikel nutzen könnte, in der Arktis strategisch Fuß zu fassen und letztendlich seine militärische Präsenz zu stärken.

Darauf hatte US-Außenminister Mike Pompeo in einer sehr konfrontativen Rede am Rande der Beratungen des Arktischen Rats im Frühjahr 2019 im finnischen Rovaniemi hingewiesen. Pompeo sieht „ein neues Zeitalter strategischen Engagements in der Arktis, mit neuen Bedrohungen für die Arktis und für alle unsere Interessen in dieser Region“

2013 hatte der Arktisrat China den Beobachterstatus gegeben. 2018 formulierte China seine Arktispolitik und bezeichnete sich trotz der Distanz zwischen China und der Arktis als „near Arctic State“, als „Fast-Arktis-Staat“. Die Selbstbezeichnung unterstreicht das Interesse Chinas an der Region.

China will die Schiffsrouten nutzen und ist an den Rohstoffen der Arktis interessiert, zu denen nicht nur Öl und Gas, sondern auch Edelmetalle und Technologierohstoffe gehören. China sieht die Schifffahrt durch die Arktis als „polare Seidenstraße“.

Chinas neue Rolle in der Arktis

Sie soll dabei helfen, die Handelswege zu diversifizieren und eine mögliche Alternative für die südliche maritime Seidenstraße durch die Straße von Malakka, den Indischen Ozean, Suezkanal und Mittelmeer zu schaffen. Das US-Verteidigungsministerium spricht in seiner „Arctic Strategy“ vom Juni 2019 von einer „Ära des strategischen Wettbewerbs“ in der Arktis.

Wurde China in früheren Pentagon-Dokumenten zur Arktis eher am Rande erwähnt, wird nun die Beziehung zwischen ökonomischen Initiativen und der möglichen daraus resultierenden militärischen Präsenz beschrieben. Russland unterstrich im März 2020 ebenfalls mit einem von Präsident Putin unterzeichneten Dekret „Über die Grundlagen der Staatspolitik der Russischen Föderation in der Arktis für die Zeit bis 2035“ die Bedeutung der Arktis für die sozio-ökonomische Entwicklung des Landes.

Die russische Regierung macht darin deutlich, dass die Arktis für das Land von zentraler geo-ökonomischer und geo-politischer Bedeutung ist. Russland baut auf die Energierohstoffe, Metalle und Mineralien, die im Arktisboden und in Küstennähe im Meer liegen. Investiert werden soll in die ökonomische Infrastruktur, was durch den auftauenden Permafrostboden noch teurer wird. Der Ausbau der militärischen Infrastruktur genießt ebenfalls hohe Priorität.

Der kanadische Politikwissenschaftler Rob Huebert von der Universität Calgary spricht daher von einem neuen „strategischen Dreieck“, das von den USA, Russland und China gebildet wird und für das er eine griffige Abkürzung gefunden hat: NASTE, was für „New Arctic Strategic Triangle Environment“ steht. Spannungen in der Arktis würden nicht durch Konflikte über arktische Themen ausgelöst, sondern durch die Rivalitäten der Großmächte.

Er sieht die belasteten Beziehungen zwischen den USA und Russland bei gleichzeitigem Aufstieg Chinas, das die USA und möglicherweise auch Russland auf der Weltbühne herausfordert, als Grund für neuen strategischen und militärischen Aktivitäten in der Arktis.

Für ihn ist offensichtlich, dass für die USA und Russland die Arktis der beste Ausgangspunkt für Schläge gegen den jeweils anderen ist. Dies ist einer der Gründe, warum die Arktis eine „Region von überwältigender strategischer Bedeutung wurde, als die USA und Russland begannen, die Interessen des anderen im internationalen System herauszufordern“.

China macht Lage in der Arktis komplizierter

Es gehe nicht um den Konflikt „über die Arktis, sondern den Einsatz militärischer Macht aus der Arktis, was dieser Region ihre geopolitische Bedeutung gab“. Dass sich in diesem strategischen Feld nun China als „nahe-Arktis-Staat“ bezeichnet und im Wettbewerb zu den USA und längerfristig auch mit Russland trete, macht die Lage laut Huebert noch komplizierter.

Das historische bipolare System wird nun durch das Auftreten von drei Mächten geprägt, und dies mache die Region „bedeutender und gefährlicher“. Für TMAC geht es nach dem geplatzten China-Deal um die Sicherung des Fortbestands der Doris-Mine.

Sie war 2017 in Produktion gegangen, kämpft aber gegen technische und strukturelle Probleme. Für die Fortführung des Betriebs und Rückzahlung von Krediten benötigt TMAC Bargeldzufluss. „Der Hope Bay Goldgürtel hat erheblichen Wert“, sagt TMAC-Präsident Neal.

Im Gespräch mit den in Iqaluit, der Hauptstadt des Arktisterritoriums Nunavut erscheinenden Nunatsiaq News versicherte er, dass die Mine nicht „eingemottet“ werde. Er hatte gehofft, mit der Übernahme durch Shandong die Mine auf eine gesicherte finanzielle Grundlage stellen zu können.

Über die Gründe für die Ablehnung der Transaktion durch Kanadas Regierung wollte er nicht spekulieren, räumte aber ein, dass diese zeige, „dass die Beziehungen zwischen Kanada und China zur Zeit gar nicht gut sind“. Auch die Inuit-Organisation der Region setzt darauf, dass die Doris-Mine angesichts des Goldpreises, das Interesse inländischer Investoren und Finanzinstitutionen findet, damit die Mine ihren Betrieb fortführen kann und Arbeitsplätze für die Bevölkerung Nunavuts gesichert werden.