Deutsche Märkte schließen in 6 Stunden 4 Minuten
  • DAX

    15.685,51
    -42,16 (-0,27%)
     
  • Euro Stoxx 50

    4.156,06
    -2,08 (-0,05%)
     
  • Dow Jones 30

    33.823,45
    -210,22 (-0,62%)
     
  • Gold

    1.792,90
    +18,10 (+1,02%)
     
  • EUR/USD

    1,1925
    +0,0014 (+0,12%)
     
  • BTC-EUR

    31.688,61
    -1.437,06 (-4,34%)
     
  • CMC Crypto 200

    937,51
    -32,37 (-3,34%)
     
  • Öl (Brent)

    70,94
    -0,10 (-0,14%)
     
  • MDAX

    34.319,05
    +96,36 (+0,28%)
     
  • TecDAX

    3.516,80
    +8,84 (+0,25%)
     
  • SDAX

    16.191,42
    +21,07 (+0,13%)
     
  • Nikkei 225

    28.964,08
    -54,25 (-0,19%)
     
  • FTSE 100

    7.122,19
    -31,24 (-0,44%)
     
  • CAC 40

    6.675,01
    +8,75 (+0,13%)
     
  • Nasdaq Compositive

    14.161,35
    +121,67 (+0,87%)
     

Nach Kündigung eines Kollegen: Gorillas-Fahrer gehen in illegalen Streik

·Lesedauer: 4 Min.
Am Donnerstag versammelten sich in Prenzlauer Berg erneut rund 40 Leute vor einem Gorillas-Lager.
Am Donnerstag versammelten sich in Prenzlauer Berg erneut rund 40 Leute vor einem Gorillas-Lager.

Das gehypte E-Commerce-Startup Gorillas kommt nicht zur Ruhe: In der vergangenen Woche sorgte die Vorbereitung einer Betriebsratswahl für Unruhe, nun streiken die Fahrer mehrerer Berliner Warenlager. Sie setzen sich für die Wiedereinstellung eines Kollegen ein, dem am gestrigen Mittwoch kurzfristig gekündigt wurde, weil er zu spät zu seiner Schicht gekommen sei. „Solidarity with Santiago“ steht groß auf einem Banner geschrieben, das die rund 40 streikenden Fahrer am heutigen Donnerstag vor einem Lager in Prenzlauer Berg aufgehängt haben.

Der Streik wird vom Gorillas Workers Collective organisiert, das auch die Vorwahl zum Betriebsrat initiierte und sich bislang vor allem auf Twitter für Rechte der Angestellten des hochfinanzierten 10-Minuten-Lieferdienstes einsetzt. Das Kollektiv fordert nun, Santiago wieder einzustellen und setzt sich für mehr Transparenz und Sicherheit für die Fahrer ein.

Kündigung war kein Einzelfall

Gründerszene konnte am Rande des Protests in Prenzlauer Berg selbst mit dem betroffenen Fahrer sprechen. Er gab an, bislang noch keine schriftliche Kündigung erhalten zu haben. Seine Entlassung sei lediglich in einer Rundmail thematisiert worden. Daraufhin sprach ihn ein Gorillas-Manager an und bot ihm an, etwas zu unterschreiben, dann dürfte er am Freitag wieder arbeiten. Was genau er unterschreiben soll, ist unklar. Der Manager wollte sich gegenüber Gründerszene nicht äußern.

Gorillas bestätigte mitterweile, dass dem Fahrer wegen „Fällen groben Fehlverhaltens“ innerhalb seiner Probezeit gekündigt wurde. Man bemühe sich aktiv um einen sachlichen Dialog mit der Mitarbeitergruppe und eine Deeskalation der Lage vor Ort.

Ein Sprecher des Kollektivs gab gegenüber Gründerszene an, dass Santiago bislang noch nie verwarnt wurde. Weil er sich noch in der Probezeit befunden habe, habe er ohne Verwarnung entlassen werden können. Die Fahrerinnen und Fahrer würden bei Gorillas mit Jahresverträgen angestellt, die Probezeit betrage dabei sechs Monate. Weitere Forderungen des Kollektivs sind es deshalb, die Probezeit zu verkürzen und ein Verwarnungssystem einzuführen. So soll verhindert werden, dass auch Angestellte in der Probezeit ohne vorige Ankündigung entlassen werden können. Am Rande der Veranstaltung sagten Gorillas-Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen, dass es ihnen um mehr gehe als nur den konkreten Einzelfall. Denn in der Vergangenheit sei es immer wieder vorgekommen, dass Leute ohne erkennbaren Grund entlassen wurden.

https://twitter.com/GorillasWorkers/status/1402641910267891715

Das Kollektiv will seinen Streik fortsetzen, bis ihre Forderungen umgesetzt werden. Seit Mittwochnachmittag fordert die Gruppe alle Kollegen auf, ihre Arbeit ruhen zu lassen und sich ihnen anzuschließen. Am gestrigen Tag versammelte sich das Kollektiv zunächst am Lager am Checkpoint Charlie, im Berliner Bezirk Mitte – das Warenlager, in dem Santiago, der gekündigte Fahrer, bislang arbeitete. Gegen 20 Uhr sei man dann weiter gezogen zu dem Lager in der Torstraße, so ein Sprecher des Kollektivs zu Gründerszene. Das sei abends der geschäftigste Standort. Etwa 150 Leute sollen sich dort versammelt haben. Die Polizei war vor Ort, schritt aber nicht ein.

„Arbeiterinteressen stimmen nicht immer mit Arbeitsrecht überein“

Auch der Deutschland-Chef von Gorillas, Harm-Julian Schumacher, war in der Torstraße und versuchte zwischendurch selbst, Fahrräder zur Seite zu schaffen, um so die Blockade aufzulösen, jedoch ohne Erfolg. Gegen 21.30 Uhr gab das Management auf und ließ das Warenlager in der Torstraße schließen. Ein offizielles Statement zu dem gestrigen Vorfall und des andauernden Streiks von Gorillas gibt es noch nicht.

Der entlassene Fahrer Santiago (links) will nach einer fristlosen Kündigung wieder eingestellt werden.
Der entlassene Fahrer Santiago (links) will nach einer fristlosen Kündigung wieder eingestellt werden.

Gesetzmäßig zugelassen ist weder der gestrige noch der heutige Streik, das wisse auch das Gorillas-Kollektiv, so der Sprecher zu Gründerszene. „Die Interessen der Mitarbeiter stimmen nicht immer optimal mit dem deutschen Arbeitsrecht überein“, sagt er. Die Kollektiv-Mitglieder wollen den Streik so lang fortsetzen, bis ihre drei Forderungen umgesetzt werden.

Zu Streiks können laut deutschem Recht nur Gewerkschaften aufrufen. Weder die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die zunächst auch bei der Betriebsratswahl involviert war, noch Verdi hätten vorab von der Arbeitsniederlegung gewusst oder seien daran beteiligt, heißt es auf Gründerszene-Nachfrage. Die Freie Arbeiter Union (FAU), die vor allem Angestellte der Gig Economy vertritt, wird vom Deutschen Gewerkschaftsbund nicht als rechtmäßige Arbeitnehmervertretung angesehen, sodass auch diese Organisation keine Ermächtigung dazu hat.

Solch ein sogenannter „wilder Streik“ sei eine rechtswidrige Maßnahme, so ein Arbeitsrechtler zu Gründerszene. Solche Proteste habe es in Deutschland seit mehreren Jahren nicht mehr gegeben. Theoretisch gesehen könnte Gorillas daher allen Teilnehmenden fristlos kündigen und sogar Schadensersatz für die ausgefallenen Touren verlangen. Ob das Unicorn diesen Schritt gehen wird, ist aber fraglich. Das würde schließlich kein gutes Licht auf den Lieferdienst werfen, so der Anwalt.

Mitarbeit: Alex Hofmann

Update: Der Text wurde nachträglich um das Statement des Unternehmens Gorillas ergänzt.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.