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„Es könnte sein, dass wir mit einer schwarzen Null rauskommen“

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Zehn Millionen Euro kostete der Umbau der Tennis-Anlage Hamburg Rothenbaum. Doch statt 10.000 dürfen nur 2300 Zuschauer kommen. Jetzt ruhen Hamburgs Hoffnungen auf zwei Dutzend Tennisspielern – und zwei Österreichern.

Sportfans in Hamburg sind derzeit eher nicht zu beneiden. Der HSV schmort weiter in der Zweitklassigkeit und verlor gerade spektakulär mit 1:4 im DFB-Pokal. Auch St.-Pauli-Anhänger haben wenig Grund zur Schadenfreude, denn der Kiez-Klub ist ebenfalls schon in der ersten Runde raus. Die erste Liga, die an diesem Wochenende in die Saison startet, scheint für beide erst einmal nur ein Wunschtraum.

Dass die Hansestadt dennoch nicht auf erstklassigen Sport verzichten muss, verdanken die Hamburger ausgerechnet einem rührigen Vater-Tochter-Gespann - aus Österreich.

Sandra und Peter-Michael Reichel sind die beiden Macher, die das traditionsreiche ATP-Tennisturnier am Hamburger Rothenbaum führen und dabei als eines der ersten sportlichen Großereignisse auch wieder zahlendes Publikum begrüßen können. Turnierauftakt ist an diesem Samstag.

Nicht mal 14 Tage vor dem ersten Aufschlag gab dazu die Hansestadt grünes Licht für ein Vergrößerung des Zuschauerkontingents, trotz Corona. Statt der ursprünglich erlaubten 1000 Tennisfans dürfen jetzt täglich 2300 Besucher auf die für zehn Millionen Euro komplett neu gestaltete Anlage, maßgeblich mitfinanziert von Sportmäzen Alexander Otto (ECE).

Sandra Reichel, eine der wenigen weiblichen Turnierdirektoren im internationalen Tenniszirkus, sieht darin einen Auftrag: „Wir wollen ein Vorbild sein auch für andere große Sportveranstaltungen und zeigen, was auch in Zeiten von Corona möglich ist.“

Für die Reichels wie für andere Sportveranstalter ist die Lage komplex. Schließlich haben sie erst im vergangenen Jahr die Organisation des Turniers übernommen. Ihr Vertrag mit dem Deutschen Tennis-Bund läuft über fünf Jahre; zuvor hatte sich Lokalmatador Michael Stich, ein ehemaliger Weltklassespieler, zehn Jahre lang um die Ausrichtung gekümmert. Das Verhältnis zum Lizenzgeber DTB galt lange als angespannt. Der Wechsel zur Agentur Matchmaker der Reichels war daher in der gesamten deutschen Tennisszene mit Argusaugen beobachtet worden. Und dann schlug ausgerechnet im zweiten Jahr unter ihrer Leitung das Corona-Virus zu. Der ursprüngliche Turnier-Termin im Juli war daher schon geplatzt.

Die Verlegung in den September mag Reichel dabei nicht einmal als Nachteil sehen – eine Woche vor den French Open in Paris ist das Teilnehmerfeld in Hamburg so hochkarätig wie lange nicht, gilt das Turnier doch als willkommene Vorbereitung vor dem Auftritt an der Seine. Mindestens fünf der Top Ten der aktuellen Weltrangliste reisen daher an die Alster. Auch die Tatsache, dass wieder Zuschauer zugelassen sind, dürfte den einen oder anderen Star locken – in New York und beim Turnier in Rom waren sie auf dem Center Court weitgehend unter sich, gespenstisch laut ploppten etwa die Bälle in die Stille von Flushing Meadow.

Dafür nehmen die Spieler offenbar auch eine Kürzung der Siegprämien um bis zu 40 Prozent in Kauf; die Reichels erwarten allein schon wegen des eingeschränktem Ticketverkaufs – der aufwändig umgebaute Center Court mit seiner markanten Dachkonstruktion fasst nach dem Umbau 10.000 Zuschauer - spürbar geringere Einnahmen. Die Kartenerlöse stehen für rund 20 Prozent der Einnahmen.

Dazu kommen Sponsoren wie die Fluglinie Emirates, der Logistiker FedEx oder die Schifffahrtslinie Cunard und die Hamburg Commercial Bank. Bank-Chef Stefan Ermisch hofft auf „eine wichtige Signalwirkung für das öffentliche Leben“ durch das Turnier.
Turnierchefin Reichel ist jedenfalls erleichtert, dass bald die Bälle fliegen – und die Sponsoren bei der Stange blieben: „Ein Großteil der Sponsoren hält seine Zusagen aufrecht, außerdem sind mit der Hamburg Commercial Bank und Asklepios neue Partner dazugekommen.“ Klinikbetreiber Asklepios wird sich etwa um die Corona-Tests der Tennis-Profis kümmern, ohne negatives Testat darf laut den Veranstaltern keiner von ihnen auf den Platz.

Nicht ausgeschlossen ist indes, dass der eine oder andere Geldgeber seine Zuwendung doch noch reduzieren wird – schließlich fällt das komplette Rahmenprogramm des Turniers flach. Das schränkt auch die Werbemöglichkeiten für Sponsoren ein. Immerhin wird das Turnier jedoch in mehr als 70 Märkten im Fernsehen oder per Stream zu sehen sein; die Medieneinnahmen wiederum sollen zu einem Drittel der Erlöse beitragen.

Ob die European Open am Rothenbaum für die Reichels am Ende zu einem ausgeglichenen wirtschaftlichen Ergebnis reichen, ist offen. Noch immer schwingen Unwägbarkeiten mit. Sandra Reichel hofft: „Es könnte sein, dass wir mit einer schwarzen Null rauskommen.“ Das hochklassige Teilnehmerfeld und die Tatsache, dass das Turnier kurz vor den French Open in Paris stattfindet, biete allerdings auch die Chance, Hamburg wieder verstärkt ins Blickfeld zu rücken. Vater und Tochter Reichel wäre daran gelegen – ihr Ausrichtervertrag läuft noch weitere drei Jahre. Und bei einem Fünf-Satz-Match entscheidet der letzte Ballwechsel.

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