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Kältekrise in Texas entblößt die desaströse Infrastruktur der USA

Kort, Katharina Demling, Alexander Meiritz, Annett
·Lesedauer: 5 Min.

In Texas frieren Millionen, die Stromausfälle kosten Menschenleben, gefährden die Industrie und die Corona-Impfungen. Die Krise zeigt, wie dringend die USA ihre Infrastruktur reparieren müssen.

Es ist schwer vorstellbar, dass in der reichsten Industrienation der Welt solche Zustände herrschen: Über vier Millionen Menschen im US-Bundesstaat Texas sind bei Minusgraden und Schneestürmen ohne Strom. Die Behörden melden mehrere Dutzend Todesfälle. Das Impfprogramm gegen Corona ist in Teilen zum Erliegen gekommen, der Wintereinbruch zwingt Konzerne zum Produktionsstopp.

Texas erlebt derzeit die größte Katastrophe seit dem Hurrikan Harvey im Jahr 2017. Nach einer Kältewelle waren die Stromnetze im südlichen Bundesstaat kollabiert, der mit San Antonio, Dallas und Austin einige Millionenmetropolen beherbergt. „Das gesamte System ist überfordert“, sagte der Energieforscher Joshua Rhodes von der University of Texas der Nachrichtenagentur AP.

Für ihn und viele andere Experten ist die Krise ein Weckruf. Denn sie führt die Dringlichkeit einer Infrastrukturreform vor Augen, die die USA seit Jahrzehnten aufschieben. Erst im vergangenen Sommer hatte eine Hitzewelle in Kalifornien Stromausfälle an der Westküste ausgelöst. „Die Zeit zum Handeln ist genau jetzt“, twitterte die demokratische Abgeordnete Alexandra Ocasio-Cortez. „Was wir in Texas sehen, ist die reale Konsequenz von Untätigkeit.“

Der linke Parteiflügel drängt auf einen radikalen Umbau der Energiewirtschaft, einige Ideen flossen in Joe Bidens Wahlprogramm. Sein Amtsantritt markiert eine radikale Abkehr von der Klimapolitik der Trump-Ära, die sich auf fossile Rohstoffe, Kohleförderung und schnelle Gasproduktion konzentrierte. Biden will die USA in eine grüne Energiewende lenken – geknüpft an ein zwei Billionen Dollar schweres Infrastrukturpaket mit Öko-Schwerpunkt. An Bundesstaaten wie Texas wird sich entscheiden, ob den USA der Umbau gelingen kann.

Texas ist der wichtigste Energieproduzent der Vereinigten Staaten, hier werden 41 Prozent des Öls und 25 Prozent des Gases gefördert, aber auch 28 Prozent der nationalen Windenergie. Vor einigen Jahren hatte sich Texas entschieden, als einziger Bundesstaat ein eigenes, unabhängiges Stromnetz zu betreiben, um nicht unter die bundesweite Regulierung zu fallen.

Dieser Alleingang hat nun dramatische Folgen. Denn während sich Versorger in anderen Staaten auf Kälteeinbrüche vorbereiten und zusätzliche Kapazitäten für den Notfall bereithalten müssen, ist das in Texas den Unternehmen überlassen. Außerdem kann Texas in Zeiten hoher Nachfrage nicht einfach Strom aus anderen Bundesstaaten beziehen.

Für die Gegner von alternativen Energien – allen voran der konservative Sender Fox News – sind an den jüngsten Ausfällen vor allem grüne Ressourcen schuld. „Die Windmühlen haben versagt, es sind alberne Modeaccessoires“, sagte Moderator Tucker Carlson, unterstützt vom texanischen Gouverneur Greg Abbott. Tatsächlich gingen laut Netzbetreiber Electric Reliability Council of Texas (Ercot) nur ein Drittel der Stromausfälle auf Windräder und Solaranlagen zurück. Die meisten Probleme wurden durch gefrorene Pipelines und Erdgasanlagen verursacht.

Die Hälfte der Energieversorgung von Texas hängt am natürlichen Flüssiggas. Dort kam es an wichtigen Förderstellen wie dem Permian Basin zu Störungen, weil die Anlagen und Pipelines nicht winterfest sind. Der Netzbetreiber Ercot organisiert die Versorgung von 90 Prozent des Markts und schaltete flächendeckend den Strom ab. In El Paso, einem der wenigen Orte, in dem Ercot nicht zuständig ist, gab es deutlich weniger Probleme mit der Versorgung.

Der Kälteeinbruch hat sich auch auf den Ölmarkt ausgewirkt: In der Texas-Krise stehen täglich vier Millionen Barrel weniger Rohöl zur Verfügung, das entspricht 40 Prozent der US-Ölförderung. Der Preis für Brent-Rohöl stieg am Donnerstagmorgen über 65 Dollar pro Barrel – so hoch wie seit dem Ausbruch der Pandemie im Januar 2020 nicht mehr. Paul Sankey von Sankey Research vergleicht die Lage bereits mit dem Hurrikan „Katrina“ vor 17 Jahren: Damals hätten zunächst alle gedacht, die Folgen der verlorenen Ölförderung würden sich in Grenzen halten. „Später hat es sich als großes Desaster herausgestellt“, erinnert er sich.

Infineon und VW stellen Produktion ein

Von den Stromausfällen werden ganze Branchen lahmgelegt, vor allem Halbleiterhersteller sind hart getroffen. In der Hauptstadt Austin betreiben gleich mehrere Chipproduzenten Fabriken, infolge der Stromausfälle mussten sie diese herunterfahren. Einer der Hersteller ist Infineon, der seit der Übernahme von Cypress Semiconductor im April 2020 der weltgrößte Chiplieferant der Autoindustrie ist.

Die Münchener betreiben in Austin die Anlage „Fab 25“, in der unter anderem Mikrocontroller und Halbleiter für die Leistungselektronik hergestellt werden. Eine Infineon-Sprecherin bestätigte dem Handelsblatt, dass die Produktion in dem Werk gestoppt werden musste. „Da wir frühzeitig informiert wurden, konnten wir uns auf die Unterbrechung vorbereiten und die Fabrik in einen sicheren Zustand versetzen, der unsere Mitarbeiter und Anlagen schützt“, schrieb sie. Auch das niederländische Unternehmen NXP und der südkoreanische Technologiekonzern Samsung betreiben Chipfabriken in Austin.

Die Autoindustrie wird von der Texas-Krise in Mitleidenschaft gezogen. So will Volkswagen die Produktion in Chattanooga im Bundesstaat Tennessee „zeitweise und zum Teil“ einstellen. Wegen der Probleme bei der Gasversorgung werde der Hersteller auch in Mexiko seine Produktion für einige Tage stoppen, teilte VW mit. Und General Motors, Ford sowie mehrere japanische Hersteller müssen ihre Produktion erneut einschränken, weil der Chipnachschub aus Austin stockt.

Wie der Börsensender CNBC berichtete, will das Weiße Haus gezielt Kooperationen mit führenden Chipherstellern wie Taiwan ausbauen. Parallel will Biden dafür sorgen, dass die heimische Wirtschaft in Zukunft nicht erneut durch extremes Wetter gefährdet wird. Der Demokrat verspricht Millionen neuer Jobs durch den Aufbau einer sauberen Energiewirtschaft, und er will fossile Brennstoffe allmählich aus dem Energiemix des Landes entfernen, damit die USA bis zum Jahr 2050 eine neutrale CO2-Bilanz vorlegen können.

Dafür sorgen sollen strenge Standards im Energiesektor sowie Investitionen in moderne Gebäude und elektrische Autos. Ein Teil des geplanten Zwei-Billionen-Dollar-Pakets soll auch in 5G und Künstliche Intelligenz fließen, um moderne Stromnetze, bessere Übertragungssysteme und Batteriespeicher zu fördern, die die Versorgung widerstandsfähiger machen.

Allerdings muss Bidens Konzept für ein grünes Infrastrukturpaket vom Kongress bewilligt werden. Dort will und muss der US-Präsident aber erst einmal das fast ebenso teure Covid-Konjunkturpaket durchbekommen, um die Folgen der Pandemie unter Kontrolle zu bekommen.