Deutsche Märkte geschlossen

Jubel und Frust - Wie Deutschland auf den längeren Lockdown reagiert

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BERLIN (dpa-AFX) - Jubel bei den Friseuren, verhaltene Zustimmung bei den Virologen, Ärger beim Handel - die Reaktionen auf die Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März und die anderen neuen Corona-Beschlüsse könnten kaum kontroverser sein. Was steckt dahinter und wie dürfte es nun in den Wirtschaftsbranchen und bei den Infektionszahlen konkret weitergehen?

Was ist jetzt bei den Friseuren los?

Eine Welle von Friseurbesuchen baut sich auf. "Eigentlich will jeder Kunde schon in der ersten Woche drankommen", berichtet der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks, Harald Esser mit Blick auf das Öffnungsdatum 1. März. Für viele wird es eine Frage von Wohlfühlen und Ästhetik sein. Begründet wird die Friseuröffnung damit, dass gebrechliche Menschen zur Hygiene darauf angewiesen seien. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte dazu im rbb: "Es mag für viele nicht das wichtigste und dringlichste Thema sein. Aber wer sich nicht mehr komplett alleine versorgen kann, nicht mehr ganz so beweglich ist, braucht einfach auch für seine Hygiene diese Unterstützung." Auch sollte ein im Lockdown beim Frisieren gewachsener "Schwarzmarkt", so Innenminister Horst Seehofer (CSU), gestutzt werden.

Warum die Friseure - und nicht etwa auch Schuhmacher oder Juweliere?

Das regt zum Beispiel der Erlanger Infektionsimmunologen Christian Bogdan an. Wie viele andere Wissenschaftler findet er die Einschränkungen nötig. Er sagt aber, ohne Risiko könnten dann etwa auch kleine Einzelhandelsgeschäfte ohne Massenandrang öffnen. Müller hingegen betont: "Jeder für sich kann natürlich gut begründen, dass er natürlich Hygienekonzepte hat (...), aber wir haben im Herbst gesehen, dass es am Ende die Fülle von Kontakten, von Verkehren, von Begegnungsmöglichkeiten ist, die dann doch wieder zu hohen Inzidenzen führen."

Wie soll es in den Schulen weitergehen?

Schritt für Schritt - und Land für Land. Vorbereiten können sich die Kita-Kinder und Grundschüler in vielen Ländern auf ein Ende der Zeit zuhause ab Montag in einer Woche. Die Begründung: Schule zu Hause ist für kleine Kinder und deren Eltern oft besonders schwer. Freunde, Spielen und Gemeinschaft sind besonders wichtig. Manche Experten schätzen, dass kleinere Kinder sich selbst weniger mit Corona anstecken und auch weniger ansteckend sind. Meist startet die Schule wieder im Wechselbetrieb - Klassen werden geteilt und besuchen abwechselnd die Schule. Die Schul- und Kita-Organisation lag schon die ganze Zeit in der Länderregie, wie im Föderalismus vorgesehen. Je schärfer die Krise, desto stärker war aber die Bereitschaft einheitlich vorzugehen.

Was ist mit den Geschäften, Restaurants und Kneipen?

Der Handel bleibt bis mindestens 7. März geschlossen und öffnet auch erst wieder ab einer Inzidenz von 35 in den Ländern, also wenn es binnen sieben Tagen nur noch so viele gemeldete Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner gibt. Eine Perspektive für die Gastronomie gibt es noch nicht - denn, so die Überlegung, an Restauranttischen sitzt man normalerweise nicht mit Abstand zu anderen und nicht mit Maske.

Wie groß ist das Verständnis in diesen Branchen?

Ihre offiziellen Vertretern zeigen sich wütend. Die Verluste gehen in die Milliarden. Viele Betriebe fürchteten um ihre Existenz, heißt es. Die Rücklagen seien oft längst aufgezehrt, mahnt etwa der BTE Handelsverband Textil. "Es ist der blanke Horror", sagt Geschäftsführer Rolf Pangels. Der Handelsverband Deutschland (HDE) warnt vor massenweise Geschäftsaufgaben in den Innenstädten.

Ist eine Pleitewelle in der Corona-Krise unabwendbar?

Insgesamt in Deutschland nicht. Von Januar bis November 2020 gab es laut Statistischem Bundesamt 15,9 Prozent weniger Insolvenzen als im Vorjahreszeitraum. Grund sind die Ausnahmen von der Insolvenzantragspflicht in der Krise. Im Januar wurde ein Rückgang bei den Firmeninsolvenzen von 34 Prozent verzeichnet. Der Berufsverband der Insolvenzverwalter rechnet auch wegen weiter geltender Ausnahmen nicht mit einer Insolvenzwelle im ersten Halbjahr.

Was halten Virologen von der Lockdown-Verlängerung?

Sie halten sie überwiegend für nötig und gut. Es müssten aber für einzelne Regionen auch schärfere Regeln durchsetzbar bleiben, sagt Berit Lange, Epidemiologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. Und zwar dann, wenn die hochansteckenden Virus-Mutationen sich in einer Region stark ausbreiten. Lange: "Wenn die neuen Virus-Varianten deutlich zunehmen, wird man das in den überregionalen Daten erst mit einer gewissen Verzögerung sehen. Die Frage ist dann: Um wie viel kann ich die Entwicklung noch abmildern?" Etwa in einigen ostbayerischen Regionen übernahm die stärker ansteckende Variante aus Großbritannien nach Angaben von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nun die Oberhand.

Was steckt hinter der neuen 35-er Marke genau?

Zuletzt ging die Zahl der Neuinfektionen (Inzidenz) pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen herunter - von knapp 200 kurz vor Weihnachten auf nun bundesweit 64. Die Spanne reicht aber noch von 106 in Thüringen bis zu 55 oder 56 in Rheinland-Pfalz, Berlin und Baden-Württemberg. Lange erklärtes Ziel ist, bundesweit unter 50 zu kommen. Dann sollen Gesundheitsämter Infektionsketten wieder nachspüren können. Gedacht war diese Schwelle bereits bisher nur als Alarmmarke. Nun vereinbarten Bund und Länder die niedrigere Schwelle für Öffnungsschritte: Stabil höchstens 35 neue Fälle pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen, und zwar bezogen auf das jeweilige Bundesland. Und stabil heißt laut Merkel: Mindestens drei Tage lang.

Wann könnte die 35er-Inzidenz erreicht werden?

Womöglich bereits Anfang März. "Unsere optimistischsten Vorhersagen zeigen, dass wir bereits in zwei Wochen die 50er-Inzidenz erreichen können", sagt etwa die Mathematikerin Maria Barbarossa vom Frankfurt Institute for Advanced Studies. Bis zum 7. März könnten sich die Zahlen in Richtung der 35 entwickeln - vorausgesetzt, der Lockdown bleibt bis dahin konsequent. Allerdings gebe es auch mit Blick auf die neu aufkommenden Virusvarianten Unsicherheiten. So bedeute etwa die Öffnung der Schulen auch wieder, dass insbesondere in den Städten mehr Menschen im öffentlichen Nahverkehr unterwegs sind.