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Johann König: „Das ist ja das Tolle an der Kunst, dass sie so frei ist“

·Lesedauer: 4 Min.

Der Galerist Johann König stammt aus einer Familie von Kunstexperten. Einen Namen hat er sich in der Branche jedoch selbst gemacht – trotz schwerer Sehbehinderung.

Johann König kann den Moment, in dem seine Kindheit endete, genau benennen. Im Alter von zwölf Jahren spielt er mit einer Schreckschusspistole. Sie explodiert, König erleidet schwerste Augenverletzungen. Seither ist er fast blind.

Die Jahre danach beschreibt er als schwierig für ihn, er findet erst nach dem Abitur an einer Blindenschule zurück ins Leben – und stellt sich seiner Berufung: Er will Galerist werden. „Ich war naiv und vermessen, doch ich wusste jetzt, was ich wollte“, erzählt er im Handelsblatt-Podcast Mindshift.

Die Kunst ist ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater Kasper König ist Kurator und später Chef des Museum Ludwig in Köln, Mutter Edda Köchl-König ist Illustratorin, sein Onkel Walter König Kunstbuchverleger und der ältere Halbbruder Leo König ebenfalls Galerist. Doch ein blinder Galerist? Wie soll das funktionieren? Wie will sich Johann König in einer „Gesellschaft der Sehenden“, wie er selbst sagt, durchsetzen?

Die Geschichte von Johann König ist die Geschichte eines jungen Mannes, der mit Übermut, aus Trotz und eben einer gehörigen Portion Naivität mit 19 Jahren beginnt, seinen Traum zu verwirklichen. „Vor meinem Vater habe ich die Galeriegründung zunächst geheim gehalten, sofern das möglich war. Der hat es erst kurz vorher mitbekommen.“

Sein Nachteil: seine Behinderung. Vor allem das Reisen, das zum Kunstbetrieb aufgrund der internationalen Messen dazu zählt wie das Reden zur Arbeit eines Moderators, fällt ihm schwer. Auch wenn er durch eine Operation vor einigen Jahren inzwischen geringe Teile seiner Sehkraft zurückerlangt hat. Königs Vorteil: sein bekannter Familienname, der ihm in der Branche von Anfang an Aufmerksamkeit bringt.

In den ersten Jahren passieren ihm viele Fehler, auch Fehlinvestitionen. „Ich habe mein erstes selbst verdientes Geld vor der Finanzkrise in einen Fonds gesteckt, ohne zu verstehen, was die da machen. Das war mir eine Lehre, nichts mehr zu machen, was ich nicht verstehe“, erzählt er in der neuen Podcast-Folge.

Johann König schafft es, sich nach einigen prekären Jahren zu etablieren. Heute ist seine Galerie König eine feste Größe und der 39-Jährige einer der der einflussreichsten Kunstexperten Deutschlands.

Zu den Künstlern der Galerie zählen unter anderem Monica Bonvicini, Katharina Grosse, Jeppe Hein, Michael Sailstorfer, Norbert Bisky und Erwin Wurm. Zu seinen Kunden gehören viele Unternehmer und Gründer. Und die suchen seiner Erfahrung nach „nicht so sehr nach dem Statussymbol“. „Sie suchen wirklich mehr nach Sinn“, berichtet König. „Wir haben viel Kunst an den Instagram-Gründer Mike Krieger verkauft. Und der sucht echt die Auseinandersetzung mit dem Werk und dem Künstler. Den interessiert nicht die Anlage, den interessiert nicht der Status. Der sucht die mentale Auseinandersetzung.“ Denn: „Das ist ja das Tolle an der Kunst, dass sie so frei ist und keinen wirklichen Zweck bedient.“

König setzt sich heute für die Demokratisierung der Kunst ein. Das elitäre Gehabe einiger Teile des Kunstbetriebs lehnt er ab. Den typischen Kunstkenner und -käufer gibt es für ihn nicht. Er empfängt jeden in seiner Galerie in der entweihten Kirche St. Agnes in Berlin-Kreuzberg und beantwortet auch vermeintlich dumme Fragen. „Ein Fußballstar fragte mich einmal, was ein Unikat ist. Ich habe es ihm erklärt.“

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Wenn Sie nach dem Hören Lust auf noch mehr Denkanstöße haben und vielleicht auch selbst aktiv werden wollen, möchten wir Ihnen die LinkedIn-Gruppe von The Shift ans Herz legen – die Diversity-Initiative der Handelsblatt Media Group und unser Partner für diese Podcast-Folge. Dort finden Sie nicht nur alles Wichtige über die Initiative, sondern auch Neuigkeiten, Interviews und Tipps rund um das Thema Diversity. Knüpfen Sie neue Kontakte, und tauschen Sie sich zu aktuellem Diskussionsstoff aus – wir freuen uns auf Sie.

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