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Japans Regierung gerät wegen der Olympischen Spiele unter Druck

Trotz Coronavirus-Pandemie hält Japans Regierung an den Olympischen Spielen im Juli fest. Die Bevölkerung stellt sich allerdings schon auf eine Verschiebung ein.

Die japanische Regierung und das Internationale Olympische Komitee (IOC) halten bislang an ihren Plänen fest, trotz der weltweiten Coronavirus-Pandemie Olympia auszurichten. Foto: dpa

Yoshiro Mori wirkte etwas verloren auf dem Rollfeld eines Stützpunkts der japanischen Luftwaffe. Nur im kleinen Kreis nahm der Chef des Organisationskomitees der olympischen Spiele das olympische Feuer aus Griechenland in Empfang.

Die Vorbereitungen auf das globale Sportfest laufen trotz der globalen Pandemie auf Hochtouren weiter. Nächste Woche soll der Fackellauf an einem Ort starten, der in den Augen der japanischen Regierung für die Bewältigung der Atomkatastrophe von 2011 stehen soll: dem Trainingszentrum des japanischen Fußballbundes, das für mehrere Jahre der Ausgangspunkt für die Rettungsarbeiten an den vier zerstörten Atommeilern war.

Und der 82-jährige Mori versucht daher weiterhin, olympische Zuversicht zu verbreiten. „Das erste Mal seit 56 Jahren ist die olympische Fackel auf den Weg nach Tokio“, sagt er in Anspielung auf die Spiele, die 1964 in Japans Hauptstadt stattfanden. „Ich hoffe, dass sie für viele Menschen den Pfad der Hoffnung erleuchten.“ Doch was seinen Optimismus für die Spiele betrifft, ist der ehemalige Ministerpräsident inzwischen Teil einer Minderheit.

In einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo erwarten 70 Prozent der Befragten, dass die Spiele nicht wie geplant stattfinden können. Dabei ist die Entscheidung offiziell noch nicht gefallen. Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sagte zwar laut der amerikanischen Tageszeitung New York Times, dass die Sportorganisation verschiedene Szenarien erwäge. Aber erst diese Woche erklärte das IOC, dass es noch „keine Notwendigkeit für drastische Entscheidungen“ gebe.

Die Spiele beginnen am 24. Juli. Das gibt den Organisatoren noch ein wenig Zeit, den Verlauf der Pandemie zu beobachten. Aber vielleicht steht dahinter auch Druck der japanischen Regierung. Ministerpräsident Shinzo Abe stellte diese Woche klar, dass sein Land die Spiele „in ihrer kompletten Form“ veranstalten wolle, also mit allen Veranstaltungen und vor Besuchern aus aller Welt.

IOC wägt verschiedene Szenarien ab

Abe wollte die Spiele nutzen, um Japan als Hightechnation der Welt vorzustellen. Daher organisiert er Verbündete. Sein Außenminister Toshimitsu Motegi warb am Freitag in einer Videokonferenz bereits um die Unterstützung Chinas und Südkoreas. Motegi betonte, dass die Sommerspiele „ein Symbol des Siegs der Menschheit über das Virus“ sein würden.

Allerdings scheint die offizielle Position eher Teil des internationalen Verhandlungspokers zu sein. Die Sportprofessorin Kaori Yamaguchi, die Mitglied in Japans olympischen Komitee ist, sprach sich am Donnerstag bereits für eine Verschiebung der Spiele aus. Das IOC gefährde die Athleten, so die Bronzemedaillengewinnerin in den Judo-Wettkämpfen im Jahr 1988. Die Sportler in Europa und den USA könnten nicht mehr wie gewohnt trainieren.

In der Bevölkerung stößt diese Position auf Zustimmung. Shohei Ota, ein früherer Geschäftsmann, schimpft, dass bisher derjenige als „Vaterlandsverräter“ galt, der über eine Verschiebung oder eine verkleinerte Form der Spiele nachdachte. Aber das IOC müsse nun den schlimmsten Fall in Erwägung ziehen.

Und der Student Kazuma Wada meint: „Selbst wenn Asien inklusive Japan die Infektion im Frühsommer überwunden haben sollte, sind die USA und Europa noch immer in der frühen Phase der Erholung.“ Außerdem schwanke die Weltwirtschaft. Er wisse, dass viel Geld im Spiel sei, so Wada. „Aber ich wäre dafür, sich früh für eine Verschiebung zu entscheiden.“

Schon Milliarden Euro investiert

Andere merken an, dass eine Absage für Japan schrecklich wäre – wegen der riesigen Summe, die Japan bereits in die Spiele gesteckt hat. Ein Bericht des japanischen Rechnungshofs lässt auf eine Summe jenseits der 20 Milliarden Franken schließen. Haruyuki Takashashi, ein Mitglied des Organisationskomitees, hatte sich daher schon gegen Stimmen im IOC gewehrt, die über eine ersatzlose Streichung des Sportspektakels spekulierten. Eine Verschiebung um ein bis zwei Jahre sei die realistischere Option, so der Japaner.

Der Druck auf das IOC ist aber nicht nur wegen der Vorleistungen hoch, im Ernstfall Japan mit einer kreativen Lösung entgegen zu kommen. Nicht nur die Lokal- und Zentralregierung haben sich ordentlich ins Zeug gelegt, der olympischen Bewegung einen standesgemäßen Empfang zu gewähren, auch die japanische Wirtschaft. Und die zählt schon in den vergangenen Jahrzehnten zu den treuesten Finanziers der globalen Sportbürokratie.

Mit dem Autohersteller Toyota, dem Reifenproduzenten Bridgestone und dem Elektronikkonzern Panasonic stellt Japan drei der 15 globalen Sponsoren des IOC. Zusätzlich haben zig weitere lokale Unternehmen laut dem IOC weitere 3,3 Milliarden Dollar als Sponsorengelder zugesagt, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereits zu Teilen ausgegeben sein werden. Diese Geldquelle wird das IOC sich sicher nicht abdrehen lassen wollen.