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Japan macht erste Schritte zurück zum Alltag: „Sollten uns auf langen Kampf einstellen“

Japan hat mit konsequenter Hygiene und gezielten Schließungen bisher eine Krise wie in Europa verhindert. Nun erwägen Behörden, Beschränkungen zu lockern – trotz Pandemie-Gefahr.

Die Windmühlen im japanischen Freizeitpark Huis Ten Bosch haben sich drei Wochen lang gedreht, ohne dass Besucher es sehen durften. Ab Montag öffnet die Einrichtung wieder. Es habe Argumente für und gegen die Wiedereröffnung gegeben, erklärte der Präsident des Parks, Katsuhiko Sakaguchi. Aber er habe die schwere Entscheidung gefällt, die Schließung zu beenden. „Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, einen Ausbruch zu verhindern.“ 

Fieber messen am Eingang ist eine der Maßnahmen, um wenigstens Menschen mit Krankheitssymptomen den Eintritt zu verweigern. Außerdem wird der Park nur Attraktionen im Freien zugänglich machen und Gebäude außer Restaurants und Hotels bis auf weiteres weiterhin geschlossen halten. 

Der Freizeitpark ist damit ein Pionier in Japan, das die Epidemie bisher ohne große Ausgangssperren gemanagt hat. Zwar wurden am 27. Februar fast alle Schulen des Landes geschlossen sowie Veranstaltungen von großen Konzerten bis hin zu kleinen Pressekonferenzen und Partys abgesagt. Viele Firmen schickten zudem zigtausende Mitarbeiter ins Homeoffice.

Doch ansonsten lief das Leben weiter, wenn auch mit deutlich gebremstem Elan. Nun könnten weitere Lockerungen folgen. Japans Ministerpräsident Shinzo Abe kündigte an diesem Freitag sogar an, dass er mit dem Schuljahres Anfang am 6. April auch wieder die Schulen öffnen möchte – zumindest in Regionen, wo es wenig Infektionen gibt.

Feiern in der Krise, aber keine Entwarnung

Für die Japaner wäre das eine willkommene Entspannung ihrer Lebenslage. Zwar gehen in Tokio abends und an Wochenenden immer noch viele Bürger aus. Denn Restaurants, Kaufhäuser und viele Kinos haben geöffnet. Aber auch sie leiden unter Besucherschwund, da viele Menschen zuhause bleiben und es gleichzeitig kaum mehr Touristen gibt.

Aber der japanische Ansatz mit konsequenter Hygiene und gezielten Schließungen hat bisher eine Krise wie in Europa verhindert, zeigt Japans Expertenrat in seinem jüngsten Zwischenbericht, der am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Bis Donnerstag wurden nur 892 Infizierte aufgespürt. Die Johns-Hopkins-Universität meldet für Japan 943 Infizierte und 33 Tote (Stand Freitag, 20.3., 14 Uhr). Die Experten gehen zwar davon aus, dass die wirkliche Zahl deutlich höher ist, da in Japan bisher nur wenige hundert Virentests pro Tag durchgeführt werden. Das wird zwar in Japan viel kritisiert, da in Korea offenbar erfolgreich Massentests durchgeführt werden.

Japans Expertenrat wollte die Tests bisher auf Personen mit Symptomen und deren unmittelbare Kontaktpersonen beschränken. Möglicherweise stimmt allerdings der Trend, dass die Kurve in Japan noch flacher verläuft als anderswo. Denn bisher verzeichnen nur wenige Regionen deutlich höhere Patientenzahlen.

Entwarnung geben die Experten deshalb allerdings nicht. Im Gegenteil: Eine explosive Verbreitung des Sars-Cov-2 genannten neuartigen Coronavirus wie in Europa und Teilen der USA sei auch in Japan möglich, warnt der Report ausdrücklich. 

Es gebe Gebiete, in denen die Zahl der Infektionen ohne bekannte Ansteckungswege steige. Das könne zu einer Pandemie mit explosiver Verbreitung führen. In dem Fall wollen die Experten eine weitgehende Einstellung des öffentlichen Lebens wie in Europa nicht ausschließen.

Kirschblütenfest wird zum Härtetest

Gerade dieses Wochenende könnte zum Wendepunkt werden. In normalen Zeiten würden die Japaner nämlich in großen Massen zu Kirschblütenpartys strömen, um sich mit Familie, Freunden und Kollegen an der Blütenpracht und mit Alkohol zu berauschen. Nun muss sich zeigen, ob die bisher recht disziplinierten Japaner dieser Versuchung nachgeben und dem Coronavirus ein Forum bieten. 

Das könnte gefährlich sein, denn schon jetzt droht die Situation in einigen Regionen zu kippen. Dieser Punkt wäre erreicht, wenn es so viele Infizierte gibt, dass die Ausbreitung nicht mehr zu stoppen ist. „Man kann das mit dem Austreten einer Zigarette vergleichen, bevor sie einen Waldbrand verursacht“, sagt beispielsweise Virologe Alexander Kekulé.

Die nördliche Insel Hokkaido hatte bereits Ende Februar den Notstand ausgerufen, weil die Zahl der Infizierten in die Höhe schnellte. Derzeit gelten die Präfekturen Aichi, der Heimat Toyotas, und Hyogo in der Nachbarschaft von Japans zweitgrößter Metropole Osaka, als die wahrscheinlichsten Kandidaten. 

In Aichi werden laut Medienberichten bereits die Betten knapp. Und in der Region um Hyogo haben die Präfekturgouverneure die Bevölkerung aufgerufen, an diesem verlängerten Wochenende auf nicht notwendige Reisen zwischen den Präfekturen zu verzichten.

Der Gouverneur Osakas, Hirofumi Yoshimura, versuchte, die Bevölkerung aufzurütteln: „Ich denke, dass es jederzeit zu einer explosiven Verbreitung in Hyogo kommen kann. Und da die Zahl der Infizierten auch in Osaka steigt, müssen wir in Alarmbereitschaft sein.“

Bisher konnte Japan die Krise managen

Das ist die eine Seite der Epidemie. Die andere Seite ist, dass sich die Experten in Regionen mit wenigen Infektionen auch die Öffnung von Schulen vorstellen können. Aber sie fordern: „In Gebieten, in denen Infektionen steigen, ist die weitere Schließung von Schulen eine Option.“

Ein Grund für die positive Entwicklung ist, dass die Zahl der Infektionen langsamer zu steigen scheint als in anderen Ländern und es bisher relativ wenige größere Virenherde gibt. Japan profitiert dabei vielleicht davon, dass es keine großen christlichen Kirchen oder muslimische Moscheen gibt, in der viele Gläubige in geschlossenen Räumen beten. 

Das Gegenspiel ist Südkorea, in denen es viele christliche Kirchen gibt. Das größte Virencluster war dort eine christliche Sekte – mit mehr als 4000 Infizierten. Das größte Cluster in Japan ist stattdessen ein schummriger Tanzclub in Osaka. 

Darüber hinaus reagierten Lokalregierungen bisher offenbar früh und entschlossen genug. Im Viren-Notstandsgebiet Hokkaido sinkt die Zahl der Infektionen wieder, wenigstens laut den offiziellen Zahlen. 

Besonders viel Wert legen Japans Virologen und Epidemiologen dabei in ihrem Bericht auf die Verhaltensänderungen der Bevölkerung und Unternehmen. Die Regierung bat Ende Februar um landesweite Schulschließungen und erhielt darüber hinaus eine Absagewelle von Veranstaltungen.

Die direkten Auswirkungen dieser Maßnahmen sind den Experten zwar noch nicht gänzlich klar. Aber die Autoren meinen: „Die Verhaltensänderungen haben die Zahl der Neuinfektionen leicht gesenkt und waren daher wirksam.“ 

Schon vor der Epidemie befolgten viele Japaner die Vorbeugemaßnahmen wie die regelmäßige Desinfizierung der Hände, Verzicht auf Berührungen bei der Begrüßung (Japaner verbeugen sich) und das Tragen von Masken, wenn man krank ist. Doch seit dem Ausbruch der Krankheit folgen noch mehr Menschen konsequenter den Regeln. Außerdem folgen Lokalregierungen, Veranstalter, Unternehmen und Bevölkerung auch ohne Strafandrohungen und Zwangsmaßnahmen zu einem großen Teil den Aufforderungen der Regierung.

Mehr noch: Sie verhalten sich mitunter übereifrig. Inzwischen hat ein Ausdruck Hochkonjunktur: „Coro-hara“. Das ist eine Abkürzung für „Coronavirus-Harrassment“ (Coronavirus-Mobbing). Zugpassagiere pöbeln hustende Mitreisende an, Unternehmen schicken Mitarbeiter mit Husten – und sei es nur ein allergischer – umgehend nach Hause. Es wurden sogar schon Telefon-Hotlines eingerichtet, an die sich Mobbing-Betroffene wenden können. 

Experten richten Japan auf langen Kampf ein

Vor diesem Hintergrund raten die Experten bisher zu regional angepassten Lösungen und nicht einem nationalen Ansatz. Sie wollen dabei versuchen, sowohl eine explosive Epidemie als auch massive volkswirtschaftliche Schäden zu verhindern.

Aber sie geloben Wachsamkeit: Die Infektion kursiere, und dies möglicherweise wegen der hohen Anzahl asymptomatische Fälle unsichtbar. Jederzeit könnte es zu einen „Overshooting“ kommen, einem starken Anstieg. „Wir werden diese Trends scharf beobachten”, so die Experten.

Sie fordern darüber hinaus die Bevölkerung nachdrücklich auf, bestimmte Situationen zu vermeiden, in denen das Risiko einer Infektion besonders hoch sei: schlecht gelüftete Räume, gedrängte Menschenansammlungen und Gespräche mit geringem Abstand. Außerdem bitten sie Organisatoren von Großveranstaltungen, genau zu überlegen, ob sie ihre Events durchführen wollen. Sie könnten eines Tages zu einem massiven Anstieg von Patienten führen. 

„Wir werden die Bevölkerung aufrufen, noch gründlicher zu sein als bisher“, so die Autoren. So wollen sie der Epidemie vorbeugen, um nicht zum Lockdown greifen zu müssen. Daher seien weitere Verhaltensänderungen notwendig, so Japans Expertenteam – und das nicht für kurze Zeit. „Wir sollten uns auf einen langen Kampf einstellen.“