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„Japan und Deutschland sind dafür verantwortlich, die digitale Transformation anzuführen“

·Lesedauer: 5 Min.

Mitsubishi-Verwaltungsratschef Masaki Sakuyama fordert mehr Kooperation von Japan und Deutschland. Angesichts der Krise sei sie dringender denn je.

Eigentlich sollte die Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft (APK) in Japan ein Zeichen setzen. Seit Jahren beschwören Politiker und Unternehmensvertreter eine engere Kooperation zwischen beiden Exportnationen, um gemeinsam bei der Digitalisierung der Wirtschaft Rivalen aus der amerikanischen IT-Industrie und aus China die Stirn zu bieten. Die Coronakrise durchkreuzt die Symbolik zwar. Die wichtige Konferenz findet an diesem Montag halb in Berlin, halb online statt.

Doch die Idee einer Allianz ist aktueller denn je. Der Vertreter der japanischen Wirtschaft auf der APK warnt vorab im Gespräch mit dem Handelsblatt, dass die beiden Länder Potenziale verspielen. Masaki Sakuyama, Verwaltungsratschef des Technikkonzerns Mitsubishi Electric, ist der Vizevorsitzende des europäisch-japanischen Business-Round-Table, der die Freihandelszone zwischen der Europäischen Union und Japan kritisch begleitet. „Japan und Deutschland sind dafür verantwortlich, die digitale Transformation anzuführen und eine bessere Gesellschaft zu schaffen“, sagte Sakuyama. Deshalb müssten beide Länder „mehr zusammenarbeiten“.

Die Coronakrise hat seines Erachtens die Dringlichkeit der Kooperation noch verstärkt. „Fertigung und digitale Wirtschaft sind der Schlüssel zur Aktivierung der Volkswirtschaften“, meint Sakuyama. Dabei sei die Integration von Digitaltechnik in die Fertigung eine Stärke beider Länder. Diese könnte den global tätigen Volkswirtschaften helfen, die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen und Industrien zu verbessern.

Die APK mit ihrem Schwerpunkt auf Industrie 4.0 ist für Sakuyama besonders wichtig. Denn sie könnte zeigen, „wie Unternehmen sich den Herausforderungen der datengesteuerten Gesellschaft inmitten der Pandemie stellen“. Und Deutschland gilt dabei in Japan schon lange als ein wichtiger Partner.

Der Grund: Die beiden großen Exportnationen teilen nicht nur das derzeitige ökonomische Leid der globalen Wirtschaftskrise und des eskalierenden Wirtschaftskriegs zwischen den USA und China. Sie haben mit der hohen Bedeutung von Auto- und Maschinenbauern beide ein Interesse an der Digitalisierung der Produktion bis zur Förderung eines multilateralen Freihandelssystems.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas hat seine „Allianz der Multilateralisten“ nicht umsonst 2018 in Japan vorgestellt. Bei der politischen Allianz hat sich Japan zwar geziert, um die Schutzmacht USA nicht zu verärgern. Im Bereich der Digitalwirtschaft hat sich das Land allerdings bereits von Deutschlands Konzept der Industrie 4.0 anregen lassen, mit dem die Digitalisierung der Industrie umschrieben wird. „Society 5.0“ nennt sich die japanische Weiterentwicklung. Dabei geht es darum, mit digitalen und vernetzten Technologien zur Lösung gesellschaftlicher Probleme wie Altenpflege und Transport beizutragen.

Wunsch nach Datensouveränität

Die Fertigung und Robotik seien ein Teilbereich, in dem die Society 5.0 viel mit Industrie 4.0 gemein habe. „Sie repräsentieren die nächste Generation der industriellen Innovation“, so der Verwaltungsratschef. Schon jetzt gibt es Kooperationen.

Der japanische Roboter-Revolutionsrat arbeite bereits mit der deutschen Plattform Industrie 4.0 zusammen, so der Japaner. Darüber hinaus gibt es auch unternehmerische Allianzen. Der Maschinenbauer Mori Seiki fusionierte beispielsweise mit Gildemeister zu DMG Mori Seiki.

Und wie die deutsche Industrie versucht auch die japanische, eigene Plattformen für die digitalisierten Fabriken zu entwickeln, um die Daten nicht an Cloud-Dienste amerikanischer IT-Riesen wie Amazon, Google und Microsoft zu verlieren.

Allerdings erkennt Sakuyama dabei unterschiedliche Ansätze, die der Unternehmenslandschaft geschuldet sind. Beide Länder fokussierten sich derzeit auf die „Edge“, die Grenze zwischen der Welt der Daten und der Maschinen, so der Experte.

Aber in Deutschland baut der Marktführer Siemens seine Plattform von der IT-Ebene zur „Edge“ aus. „Wir kommen von unten, von den Maschinen“, sagt Sakuyama. Und da es in Japan mit IT- und Technikriesen wie Hitachi, Fujitsu, NEC, Omron und Mitsubishi Electric sowie den Roboterherstellern Fanuc, Yaskawa und Kawasaki Heavy gleich mehrere Anbieter von Plattformen gibt, dominiert nicht ein Anbieter.

Mitsubishi Electric ist dabei mit seinem breiten Portfolio, das von Autozulieferungen über Haushaltsgeräte, Fahrstühle und Klimaanlagen, Roboter bis zu Satelliten reicht, einer der Führer im Konsortium Edgecross, an dem auch deutsche Unternehmen wie der Automobilzulieferer Schaeffler beteiligt sind. In der Firmenvereinigung wollen Unternehmen gemeinsame Standards für die Kommunikation zwischen Maschinen und IT-Lösungen entwickeln.

Sakuyama hofft nun, dass Japan und Deutschland bei der Weiterentwicklung mittelständischer Unternehmen kooperieren. Das Europäische Projekt Gaia-X, das Unternehmen preiswerten Zugriff auf viele Funktionen für die Digitalisierung gewährt, sei ein gutes Beispiel, so Sakuyama. Die Regierung erwäge bereits, ein ähnliches System aufzubauen.

Auch auf unternehmerischer Ebene sieht Sakuyama noch viel Potenzial. Firmenkäufe sind dabei für Mitsubishi Electric weiterhin ein Mittel. „Aber ich denke, wir brauchen einen anderen Ansatz für die gemeinsame Schaffung neuer Werte“, sagt Sakuyama. „Wir möchten Partnerschaften mit Start-ups und Venture-Unternehmen in Deutschland eingehen.“

Freundlich zu den USA und offen gegenüber China

Die Weiterentwicklung der Freihandelszone mit der EU ist ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit. Denn Japan versucht, mit bilateralen und regionalen Handelsdeals protektionistische Tendenzen abzuwehren. Positiv sei, dass bereits die Hälfte der Im- und Exporteure schon die Zollerleichterungen nutze. „Aber die Frage des Datenflusses auf der industriellen Seite ist noch offen“, merkt Sakuyama an. Und der sei für die Digitalisierung der Wirtschaft wichtig. Man darf erwarten, dass er dieses Manko bei der nächsten Sitzung des Business-Round-Table Anfang November ansprechen wird.

Eine weitere Herausforderung ist der Streit zwischen China und den USA. Von Japans neuem Ministerpräsidenten Yoshihide Suga erwartet Sakuyama, „dass er den gleichen Weg wie sein Vorgänger Shinzo Abe gehen wird“. Abe war freundlich zu den USA und offen gegenüber China, stärkte aber gleichzeitig das eigene Militär und Allianzen, um China einzudämmen. Denn Japan nimmt den massiv aufrüstenden Nachbarn immer stärker als militärische Bedrohung wahr. Wirtschaftspolitik ist ein Teil der Doppelstrategie. So will Japans Regierung den Bau von Fabriken in Südostasien stärker subventionieren, um in kritischen Produkten die Abhängigkeit von China zu senken.

Bei Chips und Komponenten für die Elektronikindustrie investieren zudem viele globale Konzerne inzwischen verstärkt in Ländern wie Vietnam, um US-Zölle und -Handelsverbote zu umgehen. Aber eine vollständige Entkopplung erwartet Sakuyama nicht. „Aus meiner Sicht ist China ein sehr großer Kunde.“ Sein Konzern erziele dort zehn Prozent des Umsatzes, so Sakuyama. „Wir wollen unser Geschäft in China aufrechterhalten und ausbauen.“