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Der Boom grüner Technologien ist ungebrochen

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Trotz Wirtschaftskrise investiert die Industrie weiter in die Dekarbonisierung. Das müssen die Unternehmen auch, denn der regulatorische Druck bleibt hoch.

Der Kunststoffhersteller steigt in die Herstellung von ölfreien Lackstoffen ein, die beispielsweise für die Produktion von nachhaltigen Solarzellen benötigt werden. Foto: dpa
Der Kunststoffhersteller steigt in die Herstellung von ölfreien Lackstoffen ein, die beispielsweise für die Produktion von nachhaltigen Solarzellen benötigt werden. Foto: dpa

Während die Coronakrise viele traditionelle Branchen fest im Griff hat, zeigt sich die Nachfrage nach grünen Technologien trotz der negativen Konjunkturlage robust. Ein Blick in den Automobilsektor, den Maschinen- und Anlagenbau oder die Chemiebranche zeigt: Auch in Zeiten sinkender Umsätze halten Unternehmen und Konsumenten die Investitionen in klimaschonende Zukunftstechnologien aufrecht. Davon profitieren Unternehmen, die mit ihren Produkten entsprechende Wachstumsmärkte bedienen.

So haben sich etwa die globalen Investitionen in Offshore-Windkraft nach Daten von Bloomberg im ersten Halbjahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr auf 35 Milliarden US-Dollar verdreifacht. Davon profitiert beispielsweise der Mischkonzern Baywa, der für 2020 einen deutlichen Ergebnissprung im Projektgeschäft mit Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien prognostiziert.

„Ich bin mit der Entwicklung unseres Geschäfts im Bereich erneuerbare Energien sehr zufrieden“, sagte Baywa-Vorstandschef Klaus Josef Lutz dem Handelsblatt. „Wir sehen hier anhaltende Investitionen, die Sparte hat sich als sehr krisenfest erwiesen.“

Auch das Segment Umwelttechnik trotzt der Krise: Nach einer Umfrage von Roland Berger beurteilen knapp 85 Prozent der befragten Unternehmen der Branche ihre Geschäftslage trotz Corona als befriedigend oder gut. 74 Prozent rechnen mit einer gleichbleibenden oder besseren Geschäftslage für 2021. Ein Treiber dafür sind die großen Industrieunternehmen, die ihrerseits mit hohen Investitionen die Transformation zur klimaneutralen Wirtschaft vorantreiben – auch mit Akquisitionen.

So gab etwa der Chemiehersteller Covestro mitten in der Krise bekannt, für 1,6 Milliarden Euro das Geschäft mit Beschichtungsharzen vom niederländischen Konkurrenten DSM zu übernehmen – und damit in die Herstellung von ölfreien Lackstoffen einzusteigen, die beispielsweise für die Produktion von nachhaltigen Solarzellen benötigt werden.

„Corona hat die Welt zum Innehalten gezwungen. Globale Herausforderungen wie der Klimawandel oder Ressourcenknappheit jedoch lassen sich nicht einfach pausieren“, sagte Thomas Toepfer, Finanzvorstand von Covestro. „Um weiterhin zukunftsfähig zu bleiben, dürfen wir langfristige Ziele nicht aus den Augen verlieren. Covestro investiert deshalb kontinuierlich in nachhaltige Lösungen und Technologien.“

Experten wie Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie, sehen den Trend vor allem in der immer strengeren Regulierung begründet. „Die Politik hat einen großen Druck aufgebaut. Dadurch sind wir beim Klimaschutz heute ein ganzes Stück weiter als noch vor fünf oder sechs Jahren“, sagte der Forscher.

Dabei wirke die Coronakrise sogar als Beschleuniger für viele Themen, etwa den Wandel in der Mobilität. „Auch der Green Deal der EU wirkt hier als Katalysator, ebenso wie entsprechende Konjunkturprogramme im Rahmen der Coronakrise, mit denen die EU ja auch Nachhaltigkeitsziele erreichen will.“

EU hält den Druck aufrecht

Als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) sich Ende April in einer Videobotschaft an die europäischen Unternehmen wandte, wählte sie deutliche Worte. „Jetzt, wo wir planen, Milliarden von Euro zu investieren, um unsere Wirtschaft und Arbeit wieder anzukurbeln, sollten wir nicht in alte umweltschädliche Gewohnheiten verfallen“, mahnte die Politikerin die Firmenlenker.

Mit dem Green Deal will Brüssel den ökologischen Umbau der europäischen Wirtschaft finanzieren. Weniger Emissionen, mehr Ressourceneffizienz lauten die Ziele. Dieser Entkopplung von Ressourcenverbrauch und Wertschöpfung haben sich mittlerweile auch immer mehr Unternehmen verschrieben – und halten auch in der Coronakrise daran fest.

Dabei macht die Dekarbonisierung in vielen Branchen, wie in der Automobilindustrie, der Stahl- und der Chemiebranche, milliardenschwere Investitionen notwendig. Und das in einer Zeit, in der die Ertragslage der Unternehmen höchst angespannt ist. So rechnet etwa der Maschinenbau im Zusammenhang mit der Coronakrise mit einem Umsatzrückgang von gut 22 Prozent, so das Ergebnis des jüngsten Maschinenbau-Barometers der Beratungsgesellschaft PwC.

Trotz der kräftigen Umsatzeinbrüche will eine Mehrheit der Maschinenbauer die Investitionen aber stabil halten oder steigern – und dabei insbesondere in Nachhaltigkeit investieren. 43 Prozent der befragten Unternehmen halten die Investitionen stabil, jedes achte will die Investitionen sogar aufstocken. Den Aufbau zusätzlichen Personals planen die Maschinenbauer demnach vor allem in den Bereichen Digitalisierung, Vertrieb und Nachhaltigkeit.

Der Markt ist vielversprechend

Ein gutes Beispiel dafür ist der Bielefelder Werkzeugmaschinenhersteller DMG Mori. Dessen Vorstandschef Christian Thönes gab seinen Mitarbeitern schon zu Beginn der Krise den Auftrag, neue Geschäftsfelder abseits der klassischen Industriesektoren wie Automobil und Luftfahrt zu suchen, um den durch Corona bedingten Umsatzausfall zu kompensieren.

„Wir schauen uns alles an: die Produktion von Brennstoffzellen, Elektromotoren im Fahrradumfeld, Medizintechnik und die Halbleiter-Industrie“, sagte der Manager. Investitionen in Zukunftsfelder wie Digitalisierung oder Nachhaltigkeit will Thönes nicht kürzen – auch wenn der Konzern im zweiten Quartal bislang einen Gewinneinbruch von minus 85 Prozent zu verkraften hatte.

Glaubt man Daniel Kronenwett, Partner für Industriegüter bei Oliver Wyman, ist DMG Mori mit dieser Strategie in guter Gesellschaft. „Wir sehen, dass viele Industrieunternehmen aktuell stark in grüne Technik investieren“, lautet die Einschätzung des Beraters. So schauten sich die Maschinenbauer ihr aktuelles Produktportfolio derzeit genau an und rüsteten gegebenenfalls auf.

Denn der Markt sei vielversprechend, so Kronenwett. „Der regulatorische Druck auf die Unternehmen bleibt hoch, zudem will die EU ihre Konjunkturprogramme auch mit Nachhaltigkeitsaspekten verknüpfen.“ Das führe dazu, dass trotz akuter Krise weiterhin in Green Tech investiert werde.

Das gilt selbst für Unternehmen, die ihr Geld traditionellerweise mit klimaschädlichen Produkten verdienen. Zum Beispiel die großen Ölkonzerne: Seit die Ölpreise zusammen mit der Nachfrage nach dem schwarzen Rohstoff zu Beginn der Coronakrise eingebrochen sind, kündigen die europäischen Branchengrößen fast im Wochentakt neue Vorhaben und Ziele im Bereich Erneuerbare an.

Von dem Boom der Erneuerbaren profitiert beispielsweise der bayerische Agrarkonzern Baywa, der neben dem Handel mit landwirtschaftlichen Gütern auch eine Projektsparte für Wind- und Solarparks betreibt. „Für die Projekte, die wir weltweit am Markt platzieren, finden wir sehr schnell Investoren“, so Baywa-Chef Lutz. Genug Liquidität sei vorhanden, zudem seien die Alternativen wegen der niedrigen Zinsen knapp. „Unterm Strich sind Wind- und Solaranlagen ein sehr attraktives Investment.“

Auch die großen Chemiekonzerne treiben den Umbau hin zu nachhaltigen Anwendungen und Green Tech in der Krise weitestgehend ungebrochen voran. Jüngstes Beispiel dafür ist der Kunststoffhersteller Covestro, der das Geschäft mit Beschichtungsharzen vom niederländischen Konkurrenten DSM übernehmen will.

Der Clou: Die Lackstoffe sind wasserbasiert und brauchen für die Herstellung kein Rohöl – in dem Geschäft ist Covestro nach der Übernahme an der Weltspitze. Der Konzern will den fossilen Rohstoff bei immer mehr Produkten ersetzen und hat seine Strategie komplett auf Kreislaufwirtschaft umgestellt. So sollen Kunststoffe künftig verstärkt aus Biomasse oder aus Kohlendioxid gewonnen werden.

Die Chemieindustrie hat sich bisher recht stabil durch die Coronakrise bewegt, seit Juli zieht das Geschäft wieder an. Deswegen trauen sich die Unternehmen auch wieder an Übernahmen, die überwiegend auf Green Tech und Nachhaltigkeit abzielen.

Neben Covestro hat zuletzt auch Evonik zugegriffen: Der Essener Spezialchemiekonzern kündigte Ende August den Kauf der amerikanischen Porocel-Gruppe für 210 Millionen Euro an. Die US-Firma lockte mit einer speziellen Recycling-Technologie: Sie hat ein Verfahren entwickelt, mit dem Katalysatoren wiederaufbereitet werden können. Katalysatoren sind Stoffe, die bestimmte Chemiereaktionen beschleunigen. Anstatt diese Stoff immer neu zu kaufen, werden sie aufbereitet, was die CO2-Emissionen beim Anwender um die Hälfte senkt.

Chemiebranche treibt Green-Tech-Entwicklung voran

Evonik hat auch während der Coronakrise wichtige Green-Tech-Entwicklungsprojekte ungebremst vorangetrieben. Mitte September nahmen der Konzern und Projektpartner Siemens Energy im Ruhrgebiet eine Versuchsanlage in Betrieb, die Kohlendioxid und Wasser zur Herstellung von Chemikalien nutzt. Die notwendige Energie liefert Strom aus erneuerbaren Quellen

Ähnlich verfährt der Chemiekonzern Lanxess. Das Kölner Unternehmen hat trotz der Unsicherheit nach dem Lockdown bei wichtigen Zukunftsprojekten nicht zurückgesteckt. So arbeitet Lanxess an der kommerziellen Gewinnung von Lithium, einem zentralen Baustein für die in der E-Mobilität benötigten Lithium-Ionen-Batterien. Dabei wird batteriefähiges Lithium aus einer Sole gewonnen, die als Abfallprodukt einer Lanxess-Förderung entsteht. Die Pilotanlage am US-Standort El Dorado wurde jüngst in Betrieb genommen.

Lanxess hat zwar in den vergangenen Jahren seine Abhängigkeit von der Autoindustrie durch Zu- und Verkäufe deutlich verringert. Doch bleiben Automobilhersteller und Zulieferer als Hochtechnologiefirmen eine wichtige Kundengruppe, wie Lanxess-Chef Matthias Zachert unterstreicht. Allerdings rückt dabei immer stärker die Elektromobilität in den Vordergrund, bei der etwa auch Leichtbaukunststoffe gebraucht werden

Experten wie Manfred Fischedick vom Wuppertal-Institut sehen darin eine natürliche Entwicklung. „Die Umsetzung der notwendigen Transformationsprozesse wird nicht über Nacht erfolgen“, sagt der Forscher. Auch traditionelle, emissionsintensive Technologien wie beispielsweise Verbrennungsmotoren würden nicht sofort vom Markt verschwinden. Allerdings gibt Fischedick zu bedenken: „Je nach Dynamik werden sie aber schnell Marktanteile verlieren.“ Unternehmen, die entsprechende Produkte oder Zulieferteile herstellen, sollten sich daher jetzt überlegen, wie lange sie von den heutigen angestammten Geschäftsfeldern noch profitieren – und wie sie ihre Kompetenzen in absehbaren Zukunftsfeldern einsetzen können.