Deutsche Märkte schließen in 6 Stunden 56 Minuten

Konrad-Adenauer-Stiftung zum Ukraine-Krieg: Türkei könnte ein neues Öl- und Gas-Drehkreuz für Europa werden

·Lesedauer: 4 Min.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Der Türkei kommt im Ukraine-Krieg eine besondere Rolle zu: Zum einen ist das Land Mitglied der Nato, die klar auf Seiten der Ukraine steht. Zum anderen hat der türkische Präsident Recep Tayip Erdogan enge Verbindungen seines Landes mit Russland und dessen Präsident Wladimir Putin aufgebaut.

Die Reaktion der Türkei auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine war deshalb verhalten. So schloss sich das Land nicht den Sanktionen der USA und der EU gegen Russland an, liefert aber Waffen an die Ukraine und blockierte den Bosporus und die Dardanellen für die Durchfahrt russischer Kriegsschiffe. Erdogans Regierung bemüht sich mit diesem Vorgehen, sowohl den Nato-Verbündeten und dem Geschehen in der Ukraine als auch ihrem Verbündeten im Kreml gerecht zu werden.

Ein schwieriges Unterfangen, analysieren auch die Experten des Ankara-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in einem Papier, das Business Insider vorliegt. "Die Türkei ist in sicherheitspolitischer, energiepolitischer und wirtschaftlicher Hinsicht von Russland abhängig und bemüht sich daher um ein ausgewogenes Vorgehen", heißt es darin. Das Land versuche zwar, schrittweise seine einseitigen Abhängigkeiten von Moskau zu reduzieren. "Aufgrund der komplizierten innenpolitischen Lage und der schweren Wirtschaftskrise in der Türkei ist ein massiver Kurswechsel inklusive eines Anschlusses an die Sanktionen der USA und der EU der derzeitigen Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdoğan ohne konkrete Absicherung und Unterstützung durch den Westen nicht zu erwarten."

Die Türkei-Analysten schreiben weiter...

... über die türkische Sonderrolle im Ukraine-Konflikt: Gerade im Syrien-Krieg habe die Türkei lange eine harte Linie gegen Kriegsteilnehmer Russland gefahren, heißt es im KAS-Papier. Seit 2015 gäbe es jedoch eine "dramatische Annäherung" und eine "noch nie da gewesene Zusammenarbeit" der Länder. Diese neu gewachsene Kooperation würde nun jedoch durch den Ukraine-Krieg auf die Probe gestellt, zumal die Türkei sich schon seit der Annektion der Krim durch Russland klar zur territorialen Souveränität der Ukraine bekannte.

Dennoch, "die gegenseitigen Abhängigkeiten vor allem im Energiesektor sowie die guten persönlichen
Beziehungen zwischen Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan haben es ermöglicht, trotz vieler Schwierigkeiten konstruktive Beziehungen aufrechtzuerhalten", schreiben die KAS-Experten. Die türkischen Annäherungen der vergangenen Jahre an Russland seien taktischer Natur, und mehr als "selbstbewusstes Auftreten einer Regionalmacht", denn als "Neuorientierung der Türkei hin zu Russland" zu verstehen. Mittelfristig bleibe Moskau der größte strategische Konkurrent Ankaras. Je länger der Ukraine-Krieg andauere, desto schwieriger werde es für die Türkei, das strategische Gleichgewicht mit Russland aufrechtzuerhalten.

... über die türkischen Abhängigkeiten von Russland: Zusätzlich erschwert werde diese Aufgabe durch die vielen Abhängigkeiten der Türkei von Russland. So stehen sich der Kreml und die Erdogan-Regierung unter anderem in Syrien als Kriegsgegner gegenüber – während die Türkei gleichzeitig Rüstungsdeals mit Russland, etwa für das Flugabwehrsystem S-400, macht.

Auch wirtschaftlich gäbe es viele Abhängigkeiten der Türkei zu Russland, schreiben die KAS-Experten. So kämen 19 Prozent aller jährlichen Touristen in der Türkei aus Russland, das zudem der größte Lieferant von Getreide in die Türkei sei. Russland sei zudem der zweitgrößte Energielieferant der Türkei ist – ein Zwang, von dem sich die Türkei etwa durch Ankäufe von Flüssiggas aus den USA zu befreien versuche. Mit Erfolg: Laut der KAS-Analyse gingen die Gasimporte aus Russland zwischen 2017 und 2019 um fast 50 Prozent zurück.


... über den innenpolitischen Druck auf die Regierung Erdogan: 2023 finden in der Türkei Präsidentschaftswahlen statt – und das in einer Zeit, in der die türkische Lira in einer tiefen Krise ist und die Preise für Lebensmittel und andere Waren in den USA explodieren. Erdogan suche deshalb sein Heil in der Außenpolitik, heißt es im KAS-Papier: "Letztendlich hat die türkische Regierung aktuell nur ein einziges Ziel: Die Wahlen in 2023 zu gewinnen und den Machterhalt zu sichern. Die desaströse Wirtschaftslage stellt hierbei das größte Hindernis dar. Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat wenig innenpolitischen Spielraum und versucht daher mit der Außenpolitik zu punkten."

... über die Auswirkungen des Ukraine-Konflikts auf die deutsch-türkischen Beziehungen: Durch seine Unterstützung der Ukraine gelinge das Erdogan nicht nur nach innen, sondern auch nach außen, schreiben die Analysten weiter. Die strategisch wichtige Rolle der Türkei in der Nato sei in dem Konflikt einmal mehr klar geworden. Die Türkei sei für ihre Bündnispartner zudem als Gesprächspartner mit
Russland wichtig. Erdogans diplomatisches Engagement im Ukraine-Krieg sei also seine "beste Chance, die stark angespannten Beziehungen zwischen der Türkei, den USA und Europa zu verbessern."

... über die Türkei als neues Energie-Hub für Europa: Für Deutschland könnte eine Annäherung an die Türkei vor allem in der Energiepolitik von Interesse sein. Beim Versuch der Bundesrepublik, sich von russischem Gas unabhängig zu machen, könnten längerfristig "der Ausbau des südlichen Gaskorridors und die Nutzung der Türkei als strategischen Energiehub mit Zugang zu Gasvorkommen im kaspischen Meer und östlichen Mittelmeer echte Alternativen bieten." Die Potentiale für den Import von aserbaidschanischen, turkmenischen, irakischen und in Zukunft auch iranischen Öl und Gases seien noch nicht ausgeschöpft. Das Fazit der Autoren: "Mit der nun zunehmend realistisch werdenden israelisch-türkischen Energiekooperation kann sich die Türkei als Energiehub positionieren."

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.