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Inoffizielle Videos aus Wuhan zeigen Leichensäcke und überfüllte Wartezimmer

Ist die Situation in Wuhan, wo das Corona-Virus vermutlich ausbrach, wirklich unter Kontrolle? Videos, die in sozialen Netzwerken kursieren, legen das Gegenteil nahe.

Auf diesem Foto, das eine chinesische Presseagentur herausgegeben hat, sind die ersten Patienten oder Patientinnen des neu fertig gestellten Huoshenshan-Krankenhauses zu sehen. (Foto: Xiao Yijiu / Xinhua via AP)

Das Video von Fang Bin zeigt einen Leichenwagen in Wuhan. Darin liegen gelbe und orangefarbene Leichensäcke: Er zählt insgesamt acht. Sie liegen da, übereinandergestapelt. Tote, die vermutlich durch das neuartige Corona-Virus gestorben sind. Bin filmt weiter, während er das angrenzende Krankenhaus betritt. Medizinisches Personal in Schutzanzügen läuft durch das Bild. Wohl in einem Wartezimmer spricht Bin einen Mann an, der aufgelöst vor einer leblosen Person sitzt: „Wer ist das?“. Der Mann antwortet: „Mein Vater. Es ist aus, er kann nicht mehr atmen. Er gibt kein Lebenszeichen mehr von sich.“ Bin verlässt das Zimmer und sagt dabei: „Es ist schon wieder einer mehr gestorben.“

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„Ich denke, das sollte bekannt werden“

Seit Tagen verbreiten sich die Aufnahmen Bins in sozialen Netzwerken außerhalb Chinas. Doch es ist kaum möglich, aus der Distanz die Authentizität der Bilder zu prüfen. Geteilt werden die Videos in großer Zahl, hauptsächlich von nicht verifizierten Accounts. Am Donnerstag nun hat die ARD ein kurzes Facetime-Gespräch der Tagesthemen-Redaktion mit dem sogenannten „Bürger-Journalisten“ Bin veröffentlicht. Aus dem begleitenden Artikel stammt auch die Übersetzung zu der eingangs beschriebenen Szene.

Bin, der zahlreiche heimlich gefilmte Aufnahmen aus verschiedenen Krankenhäusern in Wuhan veröffentlicht hat, erzählt:

„Die Leute werden nicht über die tatsächliche Situation informiert. Das Staatsfernsehen geht nicht dahin, wo es wehtut. Aber ich denke, das soll bekannt werden.“

Was er damit meint: Offizielle Aufnahmen des chinesischen Staatsfernsehens zeigen ein anderes Wuhan. Keine gestapelten Leichensäcke. Sondern etwa ein leeres Kongresszentrum, das mit Not-Betten ausgestattet zu einem Lazarett umfunktioniert wurde. Doch kein Bett ist belegt. Es soll wohl nahelegen, dass Wuhan vorbereitet ist. Aber noch sind die zusätzlichen Kapazitäten nicht nötig. Auch Videos aus dem in Rekordzeit hochgezogenen Behelfs-Krankenhaus Huoshenshan zeigen eine entspannte Lage. Zahlreiche Ärzte, die sich um wenige Patienten kümmern. Alles ist sauber und ordentlich.

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Bin hingegen zeigt in seinen Videos überfüllte Wartezimmer, chaotische Zustände, in denen Tote neben Patienten sitzen oder liegen.

Via Facetime erzählt er in der ARD weiter:

„Die Nachrichten, die wir bekommen, erfassen nicht die wirkliche Situation in ganz China. Die Lungenkrankheit in Wuhan ist ein Gesundheitsnotstand, der die ganze Welt betrifft. Die Krankheit breitet sich aus, viele Länder sind davon betroffen. Daher ist es gut für alle, wenn ich über die Situation vor Ort berichte.“

Am Abend, nachdem er zum ersten Mal Filmaufnahmen veröffentlicht hatte, saß Bin in seiner Wohnung in Wuhan. Da klopfte es, Männer in Schutzanzügen, angeblich vom Gesundheitsamt, verschafften sich Zutritt und konfiszierten sein Laptop und sein Handy. Bin wurde eigenen Aussagen zufolge zu einer Polizeistation gebracht. Der Verdacht der Behörden lautete, dass er ein vom Ausland bezahlter Staatsfeind sei. Bin erzählt: „Sie werfen mir vor, ich hätte von ausländischen Anti-China-Kräften Geld genommen, dafür sei ich zu so gefährlichen Orten wie den Krankenhäusern gefahren. Wenn das stimme, würde ich verurteilt.“

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Ist die Situation wirklich unter Kontrolle?

Doch wohl weil sich die Öffentlichkeit empörte und Druck auf die Behörden ausübte, kam Bin zwei Tage später wieder frei. Er steht allerdings unter Quarantäne in seiner Wohnung, für 14 Tage. Und seine Film-Aufnahmen bleiben in China gelöscht. Nicht so in den internationalen sozialen Netzwerken, wo die chinesischen Behörden keinen Löschzugriff haben.

Über 95 Prozent der Todesfälle in China stammen aus der Provinz Hubei, in der Wuhan liegt. Genauso stammen mehr als zwei Drittel der bestätigten Krankheitsfälle von dort. Dennoch bleibt die Regierung dabei, die Situation unter Kontrolle zu haben. Bin sagt: „Ich kommentiere das nicht, das ist Sache der Regierung. Ich erzähle nur was ich sehe. Ich bin kein Funktionär, sondern einfacher Bürger. Sie können meine Videos angucken, um zu sehen, wie ernst es ist.“