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ING paktiert für Kreditvergabe mit Amazon

Die Direktbank ING eröffnet sich mit der Kooperation einen neuen Vertriebskanal. Die Zusammenarbeit mit Tech-Konzernen liegt im Trend, birgt aber auch Gefahren.

Freund oder Feind? Wenn es um den Konkurrenzkampf in der Finanzbranche geht, ist diese Unterscheidung nicht immer ganz einfach. Vor wenigen Jahren wurden Finanz-Start-ups noch zum Feindbild der traditionellen Geldhäuser stilisiert, inzwischen werden viele von ihnen als wertvolle Technologiepartner geschätzt. Ein ähnlicher Trend setzt nun bei Kooperationen mit Tech-Konzernen wie Google, Amazon, Facebook und Apple ein. Jüngstes Beispiel: die Zusammenarbeit zwischen der Direktbank ING und dem amerikanischen Handelsriesen Amazon.

Wie das Handelsblatt vorab von den Unternehmen erfuhr, vermittelt Amazon ab diesem Dienstag Kredite der ING an ausgewählte Amazon-Verkäufer. Dabei geht es um Darlehen zwischen 10.000 und 750.000 Euro mit Laufzeiten von bis zu drei Jahren.

„Wir freuen uns sehr, dass wir als erste deutsche Bank auf diese Weise mit Amazon zusammenarbeiten“, sagte Sven Foos, Head of Business Banking bei der ING, dem Handelsblatt. „Als digitalaffine Bank ist die Kooperation mit einem solchen ‚Big Tech‘ für uns ein logischer Schritt.“

Noch gibt es wenige Partnerschaften dieser Art. In den USA hatte Amazon erst Mitte Juni eine Zusammenarbeit mit der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs bekanntgegeben. Dabei stellt Goldmans Digitalbank Marcus den Verkäufern eine Kreditlinie bereit. Zudem unterstützt Goldman bereits seit vergangenem Jahr den iPhone-Hersteller Apple bei der Herausgabe seiner „Apple Card“. Daneben hat Google das Projekt „Cache“ angekündigt, bei dem mithilfe der Citibank Konten angeboten werden sollen.

Möglicherweise der Anfang eines Trends

Beobachter rechnen damit, dass die großen Tech-Konzerne künftig verstärkt mit Banken zusammenarbeiten werden. Robert Bölke, bei der Beratungsfirma Sopra Steria zuständig für digitale Geschäftsmodelle in der Finanzbranche, hält solche Kooperationen wie zwischen ING und Amazon für den Anfang eines Trends. „Sie werden zunehmen. Das heißt, die Tech-Konzerne drücken in das Bankgeschäft hinein – ohne selbst eine Banklizenz dafür zu benötigen“, sagt er.

Markus Bergmann, Bankenexperte und Partner bei der Unternehmensberatung Bain & Company, empfiehlt den Banken bei der Anbahnung solcher Kooperationen allerdings auch eine gesunde Skepsis. „Es kommt darauf an, dass beide Partner von einer Zusammenarbeit profitieren“, sagt er. „Dass allein der Tech-Konzern Kundendaten der Bank gewinnt oder durch die Kooperation das Geschäft der Bank kannibalisiert wird, sollte vermieden werden.“

ING-Manager Foos erhofft sich von der Zusammenarbeit einen neuen, digitalen Vertriebskanal und „weiteres Wachstumspotenzial im Geschäftskundensegment“. Auf Selbstständigen, kleinen und mittleren Unternehmen liege seit 2018 ein strategischer Fokus der ING, die bisher vor allem als Onlinebank für private Kunden bekannt ist.

Zinseinnahmen fließen an ING

Wie viele Amazon-Verkäufer das Kreditangebot nutzen können, beziffern die Unternehmen indes nicht. „Es handelt sich jedoch um eine signifikante Anzahl, ansonsten wäre eine solche Kooperation nicht zustande gekommen“, sagt Foos. Als Kriterien für die Auswahl der Verkäufer nennt er ihren Umsatz und ihr Alter. Außerdem müssten sie ihren Firmensitz in Deutschland haben.

Die Zinseinnahmen würden im Rahmen der Kooperation vollständig an die ING fließen. „Wir nehmen die Kredite auf unsere Bilanz und tragen das Risiko“, sagt Foos.

Ob Amazon im Gegenzug eine Gebühr für die Kreditvermittlung erhält, kommentierte er nicht. Branchenexperten halten das aber für wahrscheinlich. „Wenn im Rahmen einer Kooperation Kredite über eine Tech-Plattform vermittelt werden, ist davon auszugehen, dass die Bank dafür Margenverlust hinnehmen muss“, sagt Berater Bergmann. „Zugleich eröffnen sich aber neue Möglichkeiten an der Kundenschnittstelle. Durch ein besseres Verständnis des Kundenverhaltens oder die Einsicht in bankfremde Kundendaten können die Banken ihr Angebot stärker personalisieren.“

Für die Abwicklung der Online-Kredite bedient sich die ING der Technologie und Erfahrung des Fintechs Lendico, das sie vor zwei Jahren übernommen hatte. „Das Wissen war für die Integration in die Plattform von Amazon extrem hilfreich. Es ist ein gutes Beispiel für eine funktionierende Zusammenarbeit von Bank und Fintech“, sagt Foos.

Laut Felix Kristl, Country Manager Amazon Lending Deutschland, will Amazon mit der Kooperation „etablierten Verkäufern helfen, ihr Geschäft auszubauen“. Und das macht der Konzern nicht uneigennützig. „Mehr als die Hälfte des weltweit über Amazon verkauften Handelsumsatzes stammt von unabhängigen kleinen und mittelständischen Unternehmen, und unser Erfolg ist eng mit ihrem verbunden“, so Kristl.

Dilemma für Banken

Auf der Internetseite von Amazon wird die ING explizit als Partnerbank des „Amazon-Kreditvermittlungsprogramms“ genannt. Doch das muss bei Kooperationen nicht immer so sein. Bernd-Josef Kohl, Bankexperte des IT-Unternehmens GFT, sieht für Banken das Risiko, „dass sie hinter dem Tech-Konzern verschwinden und von den Kunden nicht mehr wahrgenommen werden“.

Allerdings sind die Kreditinstitute in einem Dilemma: Sie würden das Geschäft über die Plattformen der Tech-Konzerne auch nicht der Konkurrenz aus den eigenen Reihen überlassen wollen, so Kohl.

Berater Bölke sieht das Phänomen bereits beim Bezahldienst Apple Pay. Apple kooperiert dabei weltweit mit etlichen Banken. Kunden können Kreditkarten ihrer Bank in Apple Pay integrieren, haben dann aber den Eindruck, mit Apple Pay und nicht mit ihrer Bankkarte zu zahlen, über die die Zahlung läuft. „Zudem wollen die Tech-Konzerne einen Teil der Einnahmen auf sich ziehen wie Apple im Zahlungsverkehr“, sagt Bölke.

Dass Tech-Konzerne sich selbst Banklizenzen beschaffen, glaubt Bölke dagegen nicht. „Das ist aufwendig und teuer und mit vielen Offenlegungspflichten verbunden“, sagt er. Eine Ausnahme ist aber bereits der amerikanische Onlinebezahldienst Paypal. Dank seiner Luxemburger Banklizenz vergibt das Unternehmen seit Ende 2018 Kredite an mittelständische Händler in Deutschland – inzwischen in Höhe von maximal 100.000 Euro.

Bis Anfang März dieses Jahres haben sich bereits Kredite in Höhe von mehr als 250 Millionen Euro aufsummiert. Im hart umkämpften Geschäft mit Firmenkunden entwickelt sich der Konzern aus dem Silicon Valley also durchaus zu einem Konkurrenten für etablierte Banken. Trotz zunehmender Kooperationen wird es in der Finanzbranche weiterhin auch Angreifer geben.