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Inflationssorgen belasten Osteuropas Währungen

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Die Währungen aus Ungarn, Tschechien und Polen haben sich zuletzt schwach entwickelt. Experten sehen mehrere Ursachen für die Schwäche.

EZB-Chefin Christine Lagarde und ihre Kollegen aus der Notenbank haben derzeit vor allem eine Sorge: die niedrige Inflation. Seit Jahren verfehlt die Notenbank ihr selbst gestecktes Ziel einer Preissteigerung von knapp unter zwei Prozent im Euro-Raum. Durch die Folgen der Corona-Pandemie ist es nun in noch weitere Ferne gerückt. Vor allem in südeuropäischen Euro-Ländern wie Italien, Spanien und Griechenland fielen die Zahlen zuletzt sehr negativ aus.

Anders sieht die Lage in Osteuropa aus. In Polen, Ungarn und Tschechien lag die Inflation zuletzt bei plus 2,9 bis fast vier Prozent. Die überraschend hohen Werte sind ein Grund dafür, dass die Währungen der Länder, die allesamt nicht zum Euro-Raum gehören, zuletzt schwächelten. Vor allem der ungarische Forint hat seit Anfang August über fünf Prozent gegenüber dem Euro abgewertet.

Die Währungen der drei Länder hätten „derzeit gegenüber dem Euro wieder einen schwereren Stand,“ urteilt die Devisenanalystin der DZ Bank, Sandra Striffler. Als weitere Belastungsfaktoren sieht sie neben der gestiegenen Inflation auch die wieder niedrigeren Euro-Notierungen und Sorgen wegen einer „überaus expansiven Geldpolitik“ der osteuropäischen Notenbanken.

Auch ihr Fachkollege Tatha Ghose von der Commerzbank ist vor allem für den ungarischen Forint und mit Abstrichen auch für den polnischen Zloty pessimistisch. Besser hingegen bewertet er die Aussichten für die tschechische Krone.

Im Juli und August noch hatten die osteuropäischen Währungen, ähnlich wie der Euro, von der Einigung auf den EU-Wiederaufbaufonds profitiert. Generell sind Währungen wie der polnische Zloty, der ungarische Forint und die tschechische Krone sehr stark mit dem Euro korreliert.

Legt der Euro-Kurs zu, steigt in der Regel auch ihr Außenwert. Oft sogar noch stärker als der des Euros. Seit Mitte Mai hat der Euro rund neun Prozent gegenüber dem US-Dollar zugelegt und stieg bis auf die Marke von 1,20 US-Dollar. In den vergangenen Wochen jedoch hat er wieder etwas schwächer tendiert. Generell gab es zuletzt die Tendenz, dass Anleger Risiken wieder stärker meiden – was die osteuropäischen Währungen stärker belastet.

Das allein jedoch erklärt die aktuelle Schwäche osteuropäischer Währungen jedoch nur zum Teil. Hinzu kommen hausgemachte Faktoren. Ein großer Risikofaktor ist momentan die Entwicklung der Corona-Infektionen. Polen, Ungarn und Tschechien haben die erste Welle vergleichsweise gut überstanden. Aktuell jedoch verzeichnen sie höhere Zahlen als im Frühjahr. Das schürt die Sorge, dass weite Teile der Wirtschaft erneut heruntergefahren werden könnten.

Zudem werfen die relativ hohen Inflationszahlen in Polen, Ungarn und Tschechien die Frage auf, wie die Notenbanken dort reagieren, wenn dieser Trend anhält. Commerzbank-Experte Ghose sieht vor allem für die Notenbanken in Ungarn und Polen ein Glaubwürdigkeitsproblem. „Die Märkte fragen sich, ob sie bereit sind, die Geldpolitik zu straffen, wenn dies erforderlich ist.“

Ghose erwartet zwar, dass die Inflation in den nächsten Monaten zunächst zurückgeht, danach aber wieder ansteigen wird. Damit würden die Währungshüter auf die Probe gestellt, ob sie bereit sind, die Geldpolitik gegebenenfalls wieder zu straffen.

Massive Lockerung der Geldpolitik

Auf die Coronakrise haben die Notenbanken in Osteuropa mit einer massiven Lockerung der Geldpolitik reagiert: In Ungarn senkten die Währungshüter den Leitzins auf aktuell 0,6 Prozent, in Tschechien auf 0,25 Prozent und in Polen auf 0,1 Prozent. Angesichts der deutlich höheren Inflation in diesen Ländern ist dort der Realzins, also der Nominalzins abzüglich der Inflation, noch niedriger als im Euro-Raum. Die Zinspolitik ist also besonders locker.

Hinzu kommt, dass einzelne Notenbanken dazu übergegangen sind, in größerem Stil Staatsanleihen zu kaufen. Vor allem die polnische Notenbank hat sich hierbei seit Beginn der Coronakrise hervorgetan. Sie hat zwischen März und August bereits Anleihen im Umfang von rund 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung gekauft.

Es bestehe die Sorge, dass sie 2020 „das gesamte Haushaltsdefizit von prognostiziert rund acht Prozent der Wirtschaftsleistung finanziert“, schreiben Ökonomen der Allianz in einer Studie.

Die ungarische Notenbank kauft im Vergleich dazu weniger Staatsanleihen. Dafür jedoch hat sie parallel noch andere Kaufprogramme aufgelegt, zum Beispiel für Hypothekenanleihen. In Tschechien hingegen verzichtete die Notenbank auf unkonventionelle Mittel wie Anleihekäufe.

Diese unterschiedliche Herangehensweise beeinflusst die Aussichten für die Währungen der Länder. DZ-Devisenanalystin Sandra Striffler sieht ähnlich wie ihr Commerzbank-Kollege Ghose den ungarischen Forint besonders kritisch. Unter anderem, weil der politische Einfluss auf die Notenbanken in Ungarn besonders ausgeprägt ist. Zuletzt hat sie ihre Geldpolitik noch weiter gelockert.

Für Polen und Tschechien wertet Striffler die Situation anders. „Man scheint diesen beiden Zentralbanken eher als der ungarischen zuzutrauen, die ergriffenen Lockerungsmaßnahmen wieder zurückzunehmen, sobald die Wirtschaft wieder Fuß fasst“, betont Striffler. So hat der tschechische Notenbankchef jüngst die Möglichkeit einer ersten Leitzinserhöhung ab Mitte 2021 ins Spiel gebracht.

Auch in der polnischen Notenbank haben sich einige Vertreter für einen weniger expansiven Kurs positioniert. „Auf ungarischer Seite sucht man derartige Kommentare hingegen momentan vergeblich,“ urteilt Striffler.

Nicht nur die Geldpolitik in Ungarn stößt auf besondere Skepsis, zuletzt fielen dort auch die Wirtschaftsdaten schlechter aus als erwartet. Die Wirtschaft schrumpfte im zweiten Quartal um über 14 Prozent. Die Commerzbank geht für das Gesamtjahr inzwischen von einem Rückgang um 5,2 Prozent aus. Für Tschechien erwartet sie in diesem Jahr sogar ein Minus von 6,3 Prozent und für Polen ein Minus von 3,0 Prozent.

Insgesamt hat sich Stimmung gegenüber osteuropäischen Währungen zuletzt eingetrübt. Ausschlaggebend sind sowohl externe Faktoren wie die geringere Risikobereitschaft der Investoren, aber auch interne Faktoren wie steigende Corona-Zahlen und eine gewisse Skepsis gegenüber der Geldpolitik in Ländern wie Ungarn. Wie stabil sich die Währungen halten, dürfte entscheidend von der Glaubwürdigkeit der jeweiligen Notenbanken abhängen.