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Harry's Rasierer: Thüringer Klingen gegen das weltweite Duopol

·Lesedauer: 5 Min.

Von Eisfeld aus wollen zwei US-Unternehmer den Markt für Nassrasierer aufmischen. Die zentrale Rolle kommt Geschäftsführer Michael Hirthammer zu.

Der Geschäftsführer der Feintechnik GmbH kann neben Polo-Shirt und Sicherheitsstiefeln auch Hemd und Sakko. Was er zudem können soll: Den europäischen Markt mit Nassrasierern aufmischen. Foto: dpa
Der Geschäftsführer der Feintechnik GmbH kann neben Polo-Shirt und Sicherheitsstiefeln auch Hemd und Sakko. Was er zudem können soll: Den europäischen Markt mit Nassrasierern aufmischen. Foto: dpa

Michael Hirthammer trägt ein graues Poloshirt mit dem Firmennamen Harry’s auf dem Rücken und dem Firmenlogo, einem Mammut, auf der Brust, dazu graue Jeans und schwarz-neongelbe Sicherheitsschuhe. Er ist Geschäftsführer der Feintechnik GmbH, die in Eisfeld im südlichen Thüringen Rasierklingen herstellt, inzwischen auch für den Weltmarkt.

Im Bürogebäude wirkt Hirthammer nahezu fehlplatziert. Es dauert keine Viertelstunde, da springt er auf und marschiert los, in die Fertigung. Auf dem Hof wirft er sich einen blauen Anorak über – Schriftzug auf dem Rücken und Mammut auf der Brust – und setzt eine blaue Schirmmütze mit dem Emblem einer irischen Biermarke auf.

Hirthammer, der seit knapp vier Jahren die Geschäfte des ehemaligen Volkseigenen Betriebs (VEB) führt, ist als ehemaliger Offizier der Bundeswehr nicht von der lahmen Truppe, sondern zackig und konkret. Ein zupackender Typ – hands on“, wie die Amerikaner sagen. Und damit genau das, was zwei Jungunternehmer aus den USA gesucht haben, um ihre mutigen, vielleicht sogar übermütigen Pläne zu verwirklichen.

Die New Yorker Andy Katz-Mayfield und Jeffrey Raider wollen das milliardenschwere Duopol von Procter & Gamble (Gillette) und Edgewell (Wilkinson) auf dem Rasierermarkt knacken. Schließlich lockt ein großes, weil margenträchtiges Geschäft. Um dieses Ziel zu erreichen, kauften sie 2014 für rund 100 Millionen Euro den ehemaligen VEB, der schon zu DDR-Zeiten in den Westen exportierte. Das Geld kam von Wagniskapitalgebern in den USA. Die Story: Auf dem Weltmarkt gibt es Platz für einen dritten Anbieter von Nassrasierern.

Ihrer Erzählung ließen sie Taten folgen. In den USA und Großbritannien gibt es Harry’s Nassrasierer online und im stationären Handel zu kaufen. Das Produkt für die Dame heißt Flamingo. Produziert werden die Rasierer zu 100 Prozent in Eisfeld. Drei Millionen Klingen pro Tag. Auch die Halter und große Teile der Verpackung laufen hier vom Band. 600 Mitarbeiter zählt das Werk inzwischen wieder – und das bei voller Automatisierung und 24-Stunden-Betrieb. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung waren es nur noch rund 150 Mitarbeiter.

Es ist eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte, wie sie sich Altkanzler Helmut Kohl wohl vorstellte, als er vor 30 Jahren die „blühenden Landschaften“ versprach. Eine Erfolgsgeschichte, die sich einer der Konkurrenten Anfang des Jahres nicht länger anschauen wollte. Edgewell, der Konzern hinter der Marke Wilkinson, bot rund 1,2 Milliarden Dollar für Harry’s. Der Deal schien schon fast perfekt, da untersagten sowohl das Bundeskartellamt als auch die amerikanische Behörde FTC den Kauf.

Für Katz-Mayfield und Raider war damit klar: So schnell können sie keine Kasse mit einem Unternehmensverkauf machen. Deshalb wollen sie die eigene Erfolgsgeschichte fortschreiben und auch in Deutschland und Europa Fuß, beziehungsweise Haar fassen.

Enkel des Firmengründers ist überzeugt

In Deutschland stecken die thüringischen Klingen bisher nur in den Handelsmarken-Rasierern von dm, Lidl und Rossmann. Das soll sich bald ändern – mit dem gebürtigen Niederbayern Hirthammer, der ihre Großmachtpläne und Gedankenspiele mit Branchenexpertise umsetzt. Er erklärt: „Wir sind dabei, das Marketing zu entwickeln und die Vertriebsorganisation aufzubauen.“

Mit schnellem Schritt führt der 57-Jährige über das Betriebsgelände und durch die Fertigungshallen. Penibel hält er sich an alle Schutzvorschriften. Er trägt nicht nur Sicherheitsschuhe mit eingearbeiteter Stahlkappe, er fummelt sich auch pinke Stöpsel in die Ohren, streift ein weißes Haarnetz über und geht Umwege, um den markierten Laufwegen folgen zu können. „Ich muss dabei und vor Ort sein, um zu verstehen, wo es hakt und wo und wie wir uns verbessern können“, sagt Hirthammer. Er wirkt nahezu stolz, als er über das Werksgelände führt und jede Tür mit seiner Sicherheitskarte öffnet.

Und das kann er nach Meinung von Hanns Neumaier auch sein. Der 85-Jährige ist einer der Enkel des Firmengründers Albin Ritzfeld. Er war zehn Jahre alt, als sein Großvater 1947 starb. Neumaier, der selbst später Werksleiter in der Automobilindustrie war, rasiert sich heute mit Produkten von Harry’s: „Sie sind besser als die von Gillette.“

Nach der Wiedervereinigung verhandelte Neumaier mit der Treuhand über einen Rückkauf der Firma. Er unterlag jedoch dem strategischen Investor Franz Holzknecht aus Bozen in Südtirol. Heute hegt er „keinen Zorn“ mehr. „Ich freue mich sehr über die positive Entwicklung, die das Unternehmen genommen hat“, erklärt er auf Anfrage des Handelsblatts: „Es ist die Fortsetzung des Lebenswerks meines Großvaters.“

Marktführer geben sich unbeeindruckt

Das war nicht immer so. In den Jahren 2007 bis 2015, in denen die Firma dem Schweizer Finanzinvestor Invision gehörte, gab es dem damaligen Geschäftsführer Heinz Becker (69) zufolge „keine wirkliche Investitionsstrategie“. Der Ingenieurgeist sei indes „ungebrochen“ geblieben: „Wir entwickelten hier die erste Schleifmaschine für den sogenannten Gotischen Bogen. Das war unsere Lebensversicherung.“ Diese Entwicklung war tatsächlich eine Sensation. Hatte bis dahin doch der US-Konkurrent Gillette diese technische Raffinesse, die eine Klinge widerstandsfähiger macht, allein beherrscht und damit die Grundlage für den Erfolg des Modells Mach-3 gelegt.

Auf diese Technologie setzten auch Katz-Mayfield und Raider. Sie haben eigenen Angaben zufolge seit 2014 einen mittleren zweistelligen Millionen-Euro-Betrag in Eisfeld investiert. Inzwischen gibt es drei Produktionshallen, und das Grundstück für eine vierte ist gekauft und planiert. Die Rasierer von Harry’s sollen nun in Deutschland wie schon in den USA und Großbritannien erst online im Abo-Modell vertrieben und nach zwölf bis 18 Monaten dann auch über stationäre Supermärkte und Drogerien verkauft werden. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass Harry’s bald eine bekannte Marke ist und als Alternative zu Gillette und Wilkinson gesehen wird“, sagt Hirthammer.

Bei Gillette gibt man sich gelassen – und verweist nur auf den jüngsten Vierfach-Sieg bei der Stiftung Warentest. Insbesondere die Haltbarkeit der Klingen und die Hautschonung seien ausgezeichnet worden. Und die Klingen seien im Übrigen auch „made in Germany“. Im Berliner Werk würden mit rund 700 Mitarbeitern mehr als 40 Prozent der weltweiten Klingen hergestellt. Ähnlich selbstbewusst präsentiert sich Wilkinson. Harry’s sei ja bisher ein No-Name in Deutschland. So ein Markteintritt koste Zeit und Geld. Ein Duopol ist eben nicht so einfach zu knacken.