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Im Handel wächst die Sorge vor Fleisch-Engpässen

Der Handel reagiert auf die Corona-Ausbreitung bei Tönnies. Foto: dpa

Lidl verzichtet bereits vorübergehend auf Fleisch von Tönnies. Auch andere Händler gehen vorsichtig auf Distanz – und wollen auf Werkverträge verzichten.

Der Handel reagiert auf die Corona-Ausbreitung bei Tönnies. Foto: dpa

Die ersten Händler ziehen klare Konsequenzen aus der Werksschließung beim Schlachtunternehmen Tönnies – und scheinen sich vorsichtig von dem wegen zahlreicher Corona-Fälle in Verruf geratenen Unternehmen zu distanzieren. So verzichtet der Discounter Lidl vorübergehend komplett auf Fleisch von Tönnies.

Einige Händler rücken von Tönnies ab

„Um die Warenverfügbarkeit weiterhin zu sichern, bezieht Lidl vorsorglich sein Frischfleisch seit Montag temporär ausschließlich über andere Fleischlieferanten in seinem Lieferantennetzwerk“, teilte eine Sprecherin auf Nachfrage mit. Mit Tönnies befinde sich Lidl dennoch weiter in Gesprächen.

Aldi Süd und Nord beziehen weiterhin verschiedene Fleischartikel vom Lieferanten Tönnies. „Aktuell werden jedoch keine Waren mehr aus dem Standort Rheda-Wiedenbrück heraus an uns geliefert“, teilten die Unternehmen mit. „Um aufgrund der aktuellen Situation Lieferengpässe zu vermeiden, arbeiten wir eng gemeinsam mit unseren Lieferanten daran, die Versorgung mit den entsprechenden Fleischartikeln auf gewohnt hohem Niveau zu gewährleisten“, heißt es weiter.

Allgemein herrscht im Lebensmittelhandel eine große Unklarheit, wann und wie stark sich die Werksschließung bei Tönnies auf die Versorgung der Geschäfte mit Fleischwaren auswirken wird. „Aktuell sehen wir bei Fleisch im Hinblick auf das Sortiment und die Preise keine Veränderungen, die Folge der Schließung des Tönnies-Schlachtbetriebs sind“, sagte ein Rewe-Sprecher auf Nachfrage. Aber er ergänzte auch: „Wie sich die Schließung auf Sicht auswirken wird, kann derzeit nach unserem Empfinden nicht verlässlich vorhergesagt werden.“

Produkte aus den Tönnies-Werken werden im Handel unter zahlreichen Marken angeboten. So steckt Tönnies als Lieferant sowohl hinter der Aldi-Eigenmarke „Meine Metzgerei“ wie hinter der Lidl-Marke „Landjunker“. Weitere im Handel angebotene Marken, in denen Fleisch von Tönnies steckt, sind beispielsweise Redlefsen, Böcklunder und Gutfried.

Edeka betont, dass der Verbund großen Wert auf regionale Vielfalt legt. Das gelte insbesondere für das Fleisch- und Wurstsortiment. „Wir verfügen über vielfältige Beziehungen zu regionalen Erzeugern und Schlachtbetrieben in ganz Deutschland und sind damit unabhängig vom Unternehmen Tönnies“, erklärte ein Edeka-Sprecher.

Handel ist beim Ausstieg aus den Werkverträgen schon weiter

Da sich jedoch das Sortiment von Markt zu Markt unterscheide und stark auf die Kundenwünsche vor Ort zugeschnitten sei, könne nur schwer pauschal beantwortet werden, in welchem Umfang die Märkte auf Fleisch von Tönnies zurückgreifen.

Die Vorkommnisse im Tönnies-Werk Rheda-Wiedenbrück haben jedoch allgemein das Bestreben im Handel verstärkt, nicht nur auf das Tierwohl, sondern auch auf die Arbeitsbedingungen in den Schlachtereien zu schauen. „Wir begrüßen die Entscheidung von Tönnies und Westfleisch, dass sie mit ihrem angekündigten Maßnahmenplan künftig ihrer Verantwortung gegenüber all ihren Beschäftigten und der Gesellschaft mehr Nachdruck verleihen möchten“, teilte Aldi mit. Die beiden Schlachtunternehmen hatten einen vorsichtigen Ausstieg aus der umstrittenen Werkvertragspraxis angekündigt.

Werkvertragspraxis wird stark reduziert

Der Handel ist da teilweise schon deutlich weiter. Der zu Rewe gehörende Großschlachter Wilhelm Brandenburg mit 2900 Mitarbeitern beispielsweise hat im Kerngeschäft nur noch acht Prozent Werkvertragsnehmer. Sie würden nur noch dort eingesetzt, „wo eine Besetzung über den heimischen Arbeitsmarkt bisher nicht möglich war“.

Wilhelm Brandenburg habe bereits Anfang vergangenen Jahres am Standort Frankfurt rund 270 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die früher über Werkvertrags- und Zeitarbeitsunternehmen eingesetzt waren, als Mitarbeiter eingestellt. Da der Betrieb an den Flächentarif gebunden ist, wurde dies mit der Gewerkschaft NGG und dem Betriebsrat abgestimmt.

Der Großflächendiscounter Kaufland teilte mit, dass er in seinen Fleischwerken schon vor Jahren begonnen habe, die Zahl der Werkverträge zu reduzieren. Die letzten zwei Verträge würden aktuell umgestellt. Den Mitarbeitern bietet das Unternehmen unbefristete Arbeitsverträge an.

Kaufland und sein Schwesterunternehmen Lidl haben angekündigt, dass sie künftig in eigenen Werken und bei Lieferanten für Frischfleisch und Frischgeflügel komplett auf Werkverträge verzichten wollen – zumindest in den Kernbereichen Schlachtung, Zerlegung und Verpackung.