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Im Handel werden nur die Großen überleben

Galeria Karstadt Kaufhof übernimmt Sport Scheck, Real steht vor dem Verkauf, die Zahl der Insolvenzen steigt – viele kleinere Händler können allein nicht überleben.

Die große Bescherung ist wieder ausgeblieben. Schon in der Woche vor Weihnachten deutete sich an, dass die Hoffnungen des Handels auf ein starkes Jahresendgeschäft enttäuscht wurden. Und der Umsatz an den letzten Tagen des Jahres 2019 konnte dies in vielen Geschäften nicht ausgleichen.

Für den Handel ist das fatal. Hängt doch für die Branche ein Fünftel des Umsatzes am Geschäft rund um die Weihnachtsfeiertage. Doch wer in die Prospekte und Schaufenster guckt, sieht das ganze Dilemma: Schon weit vor Weihnachten locken die meisten mit hohen Rabatten, damit überhaupt noch Kunden in die Innenstädte kommen.

Und nach Weihnachten setzt sich das nahtlos fort. Zwar ist der Handel in Deutschland insgesamt noch leicht gewachsen, aber der größte Teil des Zuwachses geht in den Onlinehandel. „Der Handel ist zum Wachstum verdammt“, stellt Einzelhandelsexperte Rainer Münch von der Unternehmensberatung Oliver Wyman fest. Doch in vielen Geschäften kommt davon nichts an.

Diese mangelnden Wachstumsperspektiven zeigen Folgen bei den Unternehmen. Viele Händler schaffen es nicht mehr allein, müssen aufgeben oder werden übernommen. Der deutsche Handel steht vor einer weiteren Konsolidierung.

Ein bedrohliches Bild zeigt die Statistik des Kreditversicherers Euler Hermes. Nach zehnjährigem Abwärtstrend erwartet Euler Hermes für dieses Jahr wieder einen Anstieg. Und dabei dürfte auch der Handel erneut weit vorne dabei sein. In den ersten acht Monaten des vergangenen Jahres belegte er in dieser Rangliste den ersten Platz. Mit 2182 Fällen lag er noch vor dem Baugewerbe und der Gastronomie.

Dabei traf es auch prominente Namen. So musste der Modehändler Gerry Weber Anfang 2019 Insolvenz beantragen. Geld von neuen Investoren und die Schließung von über 100 Geschäften sollen jetzt retten, was noch zu retten ist. Im August traf es dann den Taschenhersteller Bree, den ebenfalls ein neuer Investor retten soll. Bereits zum zweiten Mal rutschte der traditionsreiche Erotikhändler Beate Uhse in die Insolvenz – Ausgang hier ungewiss.

Das ganze Dilemma des Handels zeigt sich beispielhaft bei den großen Kaufhäusern. Einst waren Marken wie Kaufhof und Karstadt Ikonen der Innenstädte. Heute ist ihr Image unter jungen Verbrauchern miserabel. Sie leiden unter Kundenschwund und viel zu großen Flächen und schreiben rote Zahlen.

Nachdem Kaufhof in vier Jahren unter dem Eigentümer Hudson’s Bay Company rund 600 Millionen Euro Verlust angehäuft hatte, blieb nur die Fusion mit Karstadt unter dem Dach der Signa Group des österreichischen Investors René Benko. Synergien und die vereinte Einkaufsmacht sollen beide Unternehmen wieder in die Gewinnzone bringen. „Wir haben Kaufhof vor der sicheren Pleite bewahrt“, sagt Stephan Fanderl, Chef des fusionierten Unternehmens Galeria Karstadt Kaufhof, und er betont: „Ohne die Signa gäbe es heute weder Karstadt noch Kaufhof.“

René Benko hat immer wieder betont, dass er an die Zukunft der Innenstadt glaubt. Die erfolgreiche Reaktivierung des Kaufhauses Tyrol in seiner Heimatstadt Innsbruck war sein Gesellenstück. Jetzt investiert er noch mal 700 Millionen in die Sanierung der deutschen Kaufhäuser – und befeuert so noch zusätzlich die Konsolidierung im Handel.

Die Kleinen bleiben auf der Strecke

Und Galeria Karstadt Kaufhof soll nun mit aller Macht zum Gewinner dieser Konsolidierung werden. So hat das Unternehmen nicht nur über 100 Reisebüros aus der Insolvenzmasse von Thomas Cook gekauft, sondern will dieses Jahr auch den Sporthändler Sport Scheck integrieren – wenn das Kartellamt einwilligt. „Wir haben bei Sport die gleichen Chancen wie im Warenhaus: die kritische Masse massiv zu erhöhen“, begründet Fanderl die Übernahme.

Das gleiche Muster zieht sich durch den gesamten Handel. Die Kleinen bleiben auf der Strecke, die Großen halten durch die Kostenvorteile zumindest länger durch. So hat sich der Marktanteil von Einzelhändlern ohne Filialen seit 2000 von 31,9 Prozent auf 16,2 Prozent quasi halbiert. Das zeigen Zahlen des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE). Und diese Entwicklung wird sich auch in diesem Jahr fortsetzen.

Ein wichtiger Treiber für diesen Strukturwandel ist der wachsende Anteil des Onlinehandels in vielen Warengruppen. Auch das zeigte sich wieder deutlich im Weihnachtsgeschäft. So berichtete Amazon bereits von Rekordumsätzen rund um die Feiertage. Besonders gefragt seien auf seiner Plattform Spielwaren, Mode und Haushaltsartikel gewesen. „Für immer mehr Menschen ist Amazon die erste Anlaufstelle beim Einkaufen“, beobachtet Eva Stüber vom Handelsforschungsinstitut IFH in Köln.

Und mit seiner starken Präsenz beim Kunden beeinflusst Amazon auch immer mehr das stationäre Geschäft. „Die Relevanz von Amazon als Informationsquelle nimmt immer mehr zu“, sagt Handelsexpertin Stüber. „Auffällig ist, dass sich sogar in Kategorien, wo Amazon nicht so stark ist, viele Kunden vor dem Kauf auf der Plattform informieren und inspirieren lassen“, hat sie jüngst in einer Studie ermittelt.

Auch das treibt die Konsolidierung im Handel. Denn nur finanzkräftige große Unternehmen können sich die hohen Investitionen leisten, die notwendig sind, um auch im E-Commerce zumindest einigermaßen mithalten zu können. Dem Mittelstand fehlt dafür häufig das Geld. „Weniger investitionsstarke Betriebe fühlen sich vom Wachstumstrend abgehängt, während große Unternehmen vom Boom des E-Commerce profitieren“, beobachtet Josef Sanktjohanser, Präsident des HDE.

Doch selbst ein massiver Ausbau des Onlinehandels ist keine Garantie für den Erhalt der Selbstständigkeit. Das wird in diesem Jahr die SB-Warenhauskette Real erleben. Sie hat ihren Webshop zu einem Marktplatz ausgebaut und damit den Onlineumsatz massiv gesteigert, im abgelaufenen Geschäftsjahr noch mal von 308 auf 608 Millionen Euro. Und doch soll das Unternehmen verkauft und dabei weitgehend zerschlagen werden.

Real-Eigentümer Metro verhandelt mit einem Konsortium aus dem Immobilienunternehmen X+Bricks und der SCP Group über einen Komplettverkauf. Der Käufer will jedoch nur einen Kern von etwa 50 bis 60 Standorten unter dem Namen Real erhalten. Rund 180 Märkte sollen an verschiedene Wettbewerber weitergereicht werden, den restlichen 40 droht die Schließung.

Für Experten ist damit aber auch im Lebensmittelhandel noch nicht das Ende der Konsolidierung erreicht. „Die Größe ist immer noch kriegsentscheidend“, sagt Handelsexperte Münch von Oliver Wyman. Kleine Ketten müssten über kurz oder lang bei großen andocken. „Den Einkaufskostennachteil bekommen sie nicht ausgeglichen.“

Auch deshalb hält sich hartnäckig das Gerücht, Amazon könnte mittelfristig eine Supermarktkette in Deutschland übernehmen, um Einkaufskompetenz zu erwerben und gleichzeitig mehr Vertrauen bei den Kunden zu gewinnen. In den USA haben sie bereits den Händler Whole Foods gekauft. Nun wartet die Branche darauf, ob sie in Europa nachziehen.