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Hamsterkäufe bringen den Pharmahandel an die Belastungsgrenze

Viele Bürger legen neben Lebensmitteln einen großen Vorrat an Medikamenten an. So gerät die Lieferkette aus dem Takt.

Beim Pharmahandel Kehr in Braunschweig wird gerade Paracetamol knapp. „Wir laufen hier leer, seit die WHO am Dienstag die Empfehlung gegeben hat, im Verdachtsfall auf eine Coronavirus-Infektion eher Paracetamol als Ibuprofen zu nehmen“, sagt Hanns-Heinrich Kehr, geschäftsführender Gesellschafter des inhabergeführten Unternehmens und ergänzt: „So ein Satz reicht aus, um eine Welle an Einkäufen auszulösen.“

Die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland und die damit verbundenen Einschränkungen für die Bevölkerung haben die Nachfrage nach Arzneimitteln massiv ansteigen lassen. Wie im Lebensmitteleinzelhandel sind es vor allem Hamsterkäufe von Kunden, die Sorge haben, etwaige Medikamente im Bedarfsfall nicht mehr zu bekommen.

In der Folge ordern auch die Apotheken immer mehr Medikamente beim Großhandel. „Seit Freitag letzter Woche haben wir hier geschätzt 50 Prozent mehr Bestellungen als sonst“, berichtet Pharmahändler Hanns-Heinrich Kehr.

„Wir haben am Montag in unserem Lager bei Berlin die Nachfrage eines gesamten Tages bis zum Mittag reinbekommen. So ein Ansturm ist dann kaum zu bewältigen“, beschreibt er die Lage. Auch die Großhandelsunternehmen Phoenix aus Mannheim und Noweda aus Essen bestätigen dem Handelsblatt massiv gestiegene Order-Eingänge.

So eine Situation wie jetzt hat André Blümel, Vorsitzender des Branchenverbandes Phagro, in den drei Jahrzehnten, die er in der Branche tätig ist, noch nicht erlebt: „Das geht über jede Bevorratung, die wir sonst etwa vor Weihnachten erleben, hinaus“, sagt der ehemalige Vorsitzende der Geschäftsführung der Gehe Pharmahandel GmbH.

Der Pharmagroßhandel in Deutschland ist für die Versorgung der rund 19.400 Apotheken mit Medikamenten zuständig. Im vergangenen Jahr wurden rund 1,5 Milliarden Packungen im Wert von knapp 33 Milliarden Euro in die Apotheken geliefert. Die Branche ist ein Oligopol, fünf große Unternehmen teilen sich knapp 95 Prozent des Marktes.

An der Spitze liegt Phoenix Pharmahandel mit rund 28 Prozent Marktanteil, gefolgt von der Apothekergenossenschaft Noweda, die auf mehr als ein Fünftel Marktanteil geschätzt wird. Von den drei weiteren großen Anbietern mit Milliardenumsatz sind zwei in der Hand von US-Konzernen: die zu McKesson gehörende Gehe und die zu Walgreens Boots Alliance gehörende Alliance Healthcare (früher Anzag).

Fünftes Unternehmen im Oligopol ist die genossenschaftliche Sanacorp. Der Pharmahandel Kehr zählt zu den wenigen inhabergeführten Unternehmen im Markt, die zusammen etwas mehr als fünf Prozent des Marktes bestreiten.

Komplette Lieferwanne für eine einzige Apotheke

Seit dem Ausbruch der Coronakrise wird alles, was im Zusammenhang mit einer Grippesymptomatik eingenommen werden kann, verstärkt nachgefragt, berichten die Unternehmen. Ebenso sind antivirale Mittel gefragt. Und ein Impfstoff gegen Lungenentzündungen, der möglicherweise bei einer schweren Covid-19 Erkrankung helfen kann, ist auch kaum noch zu bekommen, sagt Pharmahändler Kehr.

Namen von einzelnen Mitteln will er gar nicht mehr nennen. Denn wenn diese Namen von der breiten Öffentlichkeit gelesen werden, schnappen sich Hamsterkunden die Mittel gleich weg, meint er. „Das große Problem ist: Die Ware geht dorthin, wo die Angst am größten ist und nicht dahin, wo der Bedarf am größten ist“, sagt er.

Vergangenen Samstag sah er in seinem Betrieb eine komplette Lieferwanne voll mit Packungen eines einzigen Präparats, die an eine einzige Apotheke gehen sollte. „Diesen Wahnsinn müssen wir stoppen“, sagt Kehr: „Das hält die Logistikkette einfach nicht aus. So schnell ,wie nachgefragt wird, können die Hersteller nicht liefern.“

Wie viel mehr Umsatz die Pharmahändler derzeit machen, lässt sich branchenweit noch nicht abschätzen. „Die hohe Nachfrage bringt der Branche im Moment natürlich zusätzlichen Umsatz. Aber über den kann sich niemand wirklich freuen, weil er auf einer erhöhten Gefährdungslage der Gesundheit der Bevölkerung beruht“, sagt Phagro-Mann Blümel.

Die Systeme würden zunehmend strapaziert. „Der höhere Umsatz ist mit erheblichen Mehraufwänden und zusätzlichen Kosten verbunden, etwa wegen erhöhter Sicherheitsmaßnahmen bedingt durch das Virus oder weil man zusätzliches Personal einstellen muss. Ökonomisch betrachtet haben wir es also mit einer Sonderkonjunktur zu tun, die mit einem erheblichen Aufwand verbunden ist“, sagt Blümel.

Dabei ist die Branche grundsätzlich in der Lage, die Apotheken ausreichend mit Medikamenten zu versorgen. Lieferengpässe wegen der Coronakrise gibt es derzeit nicht, betont Blümel. „Aber durch Hamsterkäufe und übermäßige Bevorratungen wird momentan eine künstliche Verknappung geschaffen.“

Mittlerweile steuern die Beteiligten dagegen: „Wir kontingentieren im Moment fast alle Artikel, legen also eine Begrenzung der Bezugsmenge fest, sonst werden wir noch von einzelnen Apotheken leergekauft, die sich einen Vorrat hinlegen wollen“, sagt Kehr. Viele Apotheken verfahren inzwischen genauso und geben nur noch kleine Mengen an ihre Kunden ab.

„Wenn die Patienten versuchen, zu hamstern, dann setzt sich die Kette fort über die Apotheken und den Pharmahandel zum Hersteller. Am Ende geschieht das, was wir jetzt schon feststellen: dass auch die Hersteller kontingentieren“, sagt Blümel und betont: „Unser Appell ist, dass jeder nur das kauft, was er benötigt. Dann wird das System auch nicht überfordert.“