Deutsche Märkte schließen in 1 Stunde 11 Minute

Höhere US-Anleiherenditen machen Investoren nervös

·Lesedauer: 9 Min.

Die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen sind auf den höchsten Stand seit März gestiegen. Das birgt Gefahren für Aktienmärkte und Schwellenländer.

In den USA herrscht Alarmbereitschaft. Am nächsten Mittwoch wird Joe Biden als neuer US-Präsident vereidigt – nur zwei Wochen nachdem ein wütender Mob das Kapitol gestürmt hat. Washingtons Bürgermeisterin Muriel Bowser nannte den Aufstand einen „beispiellosen Terrorangriff“.

Eigentlich wäre dies ein Umfeld, in dem Investoren an den Finanzmärkten ihr Geld aus Aktien in Anleihen umschichten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Anleihekurse vor allem in den USA fallen und fallen.

Im Gegenzug ist die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen am Tag des Sturms auf das Kapitol vor gut einer Woche zum ersten Mal seit Mitte März vergangenen Jahres über die Marke von einem Prozent gestiegen. Seither zog sie noch weiter an auf zwischenzeitlich über 1,15 Prozent.

Das entspricht seit Jahresanfang einem Renditeanstieg um rund 0,2 Prozentpunkte und einem Kursverlust von rund zwei Prozent. Das klingt nicht nach viel, ist aber für US-Staatsanleihen eine deutliche Bewegung innerhalb so kurzer Zeit.

Carsten Klude, Chefanlagestratege bei der Privatbank M.M. Warburg, stellt fest: „Statt einer Flucht in die Sicherheit sehen wir eine Flucht aus der Sicherheit.“ Das ist umso erstaunlicher, weil das Umfeld mit den Unruhen in den USA bei gleichzeitig weiter steigenden Corona-Infektionen Anleger eigentlich dazu bringen müsste, ihr Geld in Anleihen anzulegen, bei denen sie zumindest von einer Rückzahlung des Kapitals ausgehen können.

Gerade US-Staatsanleihen gelten dabei wegen der Wirtschaftskraft der USA, der Dominanz des Dollars und auch der politischen Stabilität als sichere Anlagehäfen in unsicheren Zeiten. Trotz des von Anhängern des scheidenden US-Präsidenten Donald Trump angezettelten Aufruhrs hat der Ruf der amerikanischen Staatspapiere nicht gelitten.

Furcht vor steigender Inflation

Andy Cossor, Anleiheanalyst bei der DZ Bank, sagt dazu: „Investoren gehen offensichtlich davon aus, dass die USA die Unruhen in den Griff bekommen und Biden die US-Bürger wieder stärker einigen wird.“ Das liest Cossor daran ab, dass auch die Renditen von anderen als sicher geltenden Anleihen wie zum Beispiel deutschen Bundesanleihen gestiegen sind – wenn auch nicht so deutlich wie die in den USA.

Doch die Entwicklung hat nichts mit der politischen Stabilität, sondern mit der Wirtschaft zu tun. Konkret fürchten Investoren am Anleihemarkt, dass der designierte US-Präsident Biden die Staatsausgaben deutlich erhöht, um die Wirtschaft anzukurbeln. „Das würde die Inflation deutlich steigen lassen“, sagt Cossor. Fachleute nennen diesen Zusammenhang Reflation.

Auch für Klude von M.M. Warburg sind die gestiegenen Inflationserwartungen der Hauptgrund für den Anstieg der Anleiherenditen. Inflation ist Gift für Anleihen, weil sie an den ohnehin mageren Zinserträgen zehrt.

Außerdem machen sich Investoren Sorgen darüber, dass die US-Notenbank ihre Geldpolitik bei einer sich bessernden Wirtschaft straffen könnte, indem sie weniger US-Staatsanleihen kauft. Dieses als Tapering bekannte Phänomen würde die US-Renditen noch weiter steigen lassen.

Mehr Staatsausgaben bedeuten mehr Schulden

Die US-Renditen ziehen bereits seit Ende Oktober verstärkt an. Damals zeichnete sich ab, dass der demokratische Präsidentschaftskandidat Biden gute Chancen auf den Sieg im Rennen um das Weiße Haus hat. Seither sind die Renditen bei einer Laufzeit von zehn Jahren um 0,4 Prozentpunkte gestiegen.

Anfang der vergangenen Woche verkauften die Investoren noch mehr Anleihen, und die Renditen bekamen entsprechend einen weiteren Schub nach oben. Als Auslöser gilt, dass die Demokraten die Stichwahlen um zwei Senatorenposten im US-Bundesstaat Georgia gewannen. Damit hat die Partei von Biden jetzt nicht nur im Repräsentantenhaus die Mehrheit, sondern auch im Senat und damit im gesamten Kongress.

Das bedeutet: Biden kann seine Vorhaben leichter durchsetzen – und tatsächlich größere Fiskalpakete schnüren. Damit wird die US-Verschuldung weiter steigen.

Der US-Kongress hatte bereits zum Jahreswechsel ein neues Corona-Hilfspaket in Höhe von 900 Milliarden Dollar verabschiedet. Schon jetzt ist klar, dass dieses Paket nicht reichen wird, um die US-Wirtschaft nachhaltig zu stützen. Biden kann nun mithilfe des Kongresses mehr Hilfen durchsetzen. Die US-Bank Goldman Sachs schätzt, dass das Hilfspaket schon im Februar oder März um 750 Milliarden Dollar erhöht wird.

Biden hat zudem bereits angekündigt, die direkten Finanzhilfen für US-Bürger von bislang 600 auf 2000 Dollar je Familie zu erhöhen. Sein Wahlprogramm sieht Ausgaben von vier Billionen Dollar bis 2024 vor, zwei Billionen davon sollen investiert werden, um den Klimawandel einzudämmen und die Infrastruktur grüner zu machen.

Angst vor der Reflation

Das alles hat die Reflationsängste verstärkt. Ökonomen achten dabei besonders auf das aus den Terminmärkten abgeleitete Inflationsbarometer „Five-Year-Five-Year-Forward“. Es ist auf mehr als 2,3 Prozent und damit den höchsten Stand seit Dezember 2018 gestiegen. Das bedeutet: Investoren sehen die Inflation im Fünfjahreszeitraum ab 2026 bei etwa 2,3 Prozent. Zuletzt lag die Inflationsrate in den USA bei 1,4 Prozent.

Genau das belastet die Anleihen. Das zeigt sich nicht nur bei den Papieren mit zehnjähriger Laufzeit. Die Rendite 30-jähriger Anleihen näherte sich zum ersten Mal seit Februar vergangenen Jahres wieder der Marke von zwei Prozent.

Relativ stabil halten sich nur die Papiere mit Laufzeit von zwei Jahren bei unter 0,15 Prozent. Das bedeutet wiederum: Die sogenannte Zinskurve – der Renditeabstand zwischen kurz- und langlaufenden Anleihen – ist so steil wie seit drei Jahren nicht. Auch das ist ein Zeichen für höhere Inflationserwartungen verbunden mit einer sich erholenden Wirtschaft.

Die Aktienmärkte haben den Renditeanstieg lange ignoriert, der Dow-Jones-Index, der S & P 500 und der Index der Technologiebörse Nasdaq erreichten noch in der vergangenen Woche Rekordstände. „Die Aktienmärkte haben Corona abgehakt und spielen mit den gestarteten Impfungen gegen das Virus komplett auf eine Konjunkturerholung“, sagt dazu Klude von M.M. Warburg.

Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass die gute Stimmung an den Aktienmärkten bröckelt, weil die Flucht aus den sicheren Anleihen die Investoren an den Aktienmärkten verunsichert. So fielen die US-Aktienindizes zu Wochenbeginn am Montag gerade im Technologiebereich deutlich und konnten seither nicht mehr an ihre jüngsten Rekordhochs anknüpfen. Die Strategen der Commerzbank begründen das mit der „Angst vor dem Ausverkauf bei US-Staatsanleihen“.

Verstärkt haben diese Ängste gleich mehrere US-Notenbanker. Raphael Bostic, stimmberechtigtes Mitglied der US-Notenbank (Fed), betonte, dass er sich vorstellen kann, dass die US-Notenbank ihre Anleihekäufe im Laufe des Jahres zurückfährt. Die Fed-Mitglieder Robert Kaplan, Patrick Harker und Chales betonten, dass die Fed darüber diskutieren sollte, wann weniger Anleihekäufe angebracht seien. Gespannt blicken Investoren deshalb auf eine Rede, die US-Notenbankchef Jerome Powell an diesem Donnerstag in einem Webinar der Universität Princeton halten wird.

Die Fed hat ihre Anleihekäufe im vergangenen Jahr massiv ausgeweitet und kauft jeden Monat US-Staatsanleihen für 80 Milliarden Dollar und mit Hypotheken gedeckte strukturierte Anleihen für 40 Milliarden Dollar. Damit stützt sie den Markt erheblich. Ohne die Fed-Käufe wären die Renditen der US-Staatsanleihen sehr viel höher.

Bedrohung für Aktien und Schwellenländer

Ein deutlicher Anstieg der Inflation und der Anleiherenditen ist eine Horrorvorstellung für viele Märkte. Das zeigen Beispiele aus der Vergangenheit. Den jüngsten Aktienabsturz wegen der Angst vor steigenden Zinsen gab es Anfang Februar 2018.

Damals verlor der Dow-Jones-Index binnen eines Tages 4,6 Prozent. Zuvor waren die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen innerhalb weniger Wochen um mehr als einen halben Prozentpunkt auf ein Vierjahreshoch von fast drei Prozent gestiegen. Auslöser waren auch damals höhere Inflationserwartungen. Sie ließen bei Investoren Furcht vor stärkeren Zinserhöhungen der US-Notenbank aufkommen.

Immerhin: Ängste vor Leitzinserhöhungen brauchen die Investoren noch nicht zu haben. Die Fed hatte Ende August einen Strategieschwenk angekündigt und erklärt, dass die Inflation auch längere Zeit über der von ihr bislang favorisierten Marke von zwei Prozent liegen könne, bevor sie die Zinsen erhöht.

Belastung für Unternehmen

Seither sind jedoch mit der Hoffnung auf eine Erholung der Wirtschaft nach dem Corona-Einbruch die Inflationserwartungen an den Märkten stärker angezogen. Entsprechend hat sich die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen seit ihrem im August vergangenen Jahres erreichten Rekordtiefs von nur einem halben Prozent mehr als verdoppelt.

Doch nicht nur höhere Zinsen der Notenbanken, sondern auch Renditen bei Staatsanleihen bedeuten für Unternehmen, dass sie für ihre Schulden mehr zahlen müssen. Schließlich bewegen sich die Renditen von Unternehmensanleihen mehr oder weniger im Gleichklang mit denen von Staatsanleihen. Höhere Refinanzierungskosten zehren aber an den Gewinnen der Unternehmen und belasten deshalb auch die Aktien.

Höhere Renditen bei US-Staatsanleihen führen zudem auch oft zur einer Stärkung des Dollars, weil dann mehr Geld in die USA fließt. Das wiederum belastet die Schwellenländer, die sich zumindest zum Teil in Dollar verschulden. Mit einem höheren Dollar erhöhen sich die Auslandsschulden der Schwellenländer. Außerdem schichten Investoren ihr Geld oft aus den riskanteren Emerging Markets um, wenn sie für US-Staatsanleihen attraktivere Renditen bekommen.

Mohammed El Erian sieht „Herausforderung“ für Investoren

Diese Risiken sollten Investoren nicht außer Acht lassen, zumal gerade die US-Aktienmärkte schon als sehr hoch bewertet gelten. Ein entscheidender Grund dafür, dass Investoren die höheren Bewertungen tolerieren, ist eben, dass die Anleiherenditen – trotz des jüngsten Anstiegs – immer noch niedrig sind.

Laut dem Finanzinformationsdienst Bloomberg rechnen Analysten im Schnitt per Ende des Jahres mit einer zehnjährigen US-Rendite von 1,25 Prozent. Das bedeutet, dass die Anleihekurse noch etwas weiter fallen dürften. Institutionelle Investoren können in ihren großen Portfolios nicht auf Anleihen verzichten, aber: Sie stellen sich auf weitere Kursverluste ein.

Außerdem gelten Aktien im Umfeld der niedrigen Renditen als alternativlos. Anleger, die noch eine Chance auf Rendite haben wollen, kommen um Aktien nicht herum. Zudem setzten Investoren eben darauf, dass sich das Leben in diesem Jahr wieder normalisiert und sich die Wirtschaft erholt. Dabei helfen die massiven Hilfsprogramme der Staaten und Notenbanken, die es nicht nur in den USA, sondern weltweit gibt.

Das alles sind nach Ansicht von Mohammed El Erian, dem ökonomischen Chefberater der Allianz und Ex-Chef des weltgrößten Anleiheinvestors Pimco, nachvollziehbare Gründe für die Erwartung weiter steigender Aktienmärkte.

Aber Investoren sollten nicht zu sorglos sein und die Entwicklung am Anleihemarkt genau beobachten. Wenn der Trend zu steigenden Renditen und einer steileren Zinskurve anhält, ist das laut El Erian „eine Herausforderung“ für die Geldpolitik ebenso wie für Investoren.