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Warum es kaum Impfstoff-Daten über Senioren gibt

Salz, Jürgen
·Lesedauer: 3 Min.

Wie die Stiko bei AstraZeneca kamen RKI-Wissenschaftler bei einer Analyse des Biontech-Impfstoffs zum Schluss, dass die Datenlage bei alten Menschen eher dünn ist. Warum gleich mehrere Hersteller kaum an Senioren testen.

Der Satz findet sich unter Punkt 8.2.3 auf Seite 27 des „Epidemiologischen Bulletins“ vom 14. Januar. Die Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts listen dort für den Biontech-Impfstoff auf, dass die Zahl der untersuchten Personen mit zunehmenden Alter abnimmt. Während rund zehntausend 16- bis 55-Jährige zur Studiengruppe gehören, waren es bei den über 75-Jährigen nur 774. Die Wissenschaftler sprechen davon, dass die „Fallzahlen teilweise weite Konfidenzintervalle aufwiesen bzw. nicht mehr statistisch signifikant waren.“ Im Klartext: Ausgerechnet bei Älteren, die am meisten unter der Coronapandemie leiden, ist die Datenlage eher dünn.

Auf Anfrage erklärt das Robert-Koch-Institut weiter, dass die Wirksamkeit auch in den höheren Altersgruppen hoch sei. Allerdings sei die Schätzung mit einer Unsicherheit behaftet, da in dieser Altersgruppe nur wenige Probanden eingeschlossen waren. Für eine sichere Schätzung hätten mehr ältere Menschen eingeschlossen werden müssen.

Auch andere Mediziner kritisieren, dass die Impfstoffe von Biontech und Moderna zu wenig an älteren Menschen getestet werden. Der Hersteller AstraZeneca, dessen Impfstoff in den nächsten Tagen in der EU zugelassen werden soll, geriet gar in den Verdacht, dass sein Vakzin nur mäßig bei Älteren wirkt. Medienberichte behaupteten, der Impfstoff habe womöglich nur eine Wirksamkeit von acht Prozent.

Der Konzern widerspricht den Behauptungen: Die Berichte seien „komplett falsch“. AstraZeneca verwies unter anderem darauf, dass die Notfallzulassung der britischen Aufsichtsbehörde für Arzneimittel (MHRA) ältere Menschen mit einschließe. Eine Studie habe gezeigt, dass der Impfstoff auch bei Senioren eine starke Immunantwort auslöse. Auch das Bundesgesundheitsministerium wies die Behauptungen zurück: Aktuelle Berichte dazu könne man nicht bestätigen, erklärte ein Sprecher am Dienstag. Auf den ersten Blick scheine es so, dass Dinge verwechselt würden: Rund 8 Prozent der Probanden der AstraZeneca-Wirksamkeitsstudie seien zwischen 56 und 69 Jahre alt gewesen, nur 3 bis 4 Prozent über 70 Jahre. Daraus lasse sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur 8 Prozent bei Älteren ableiten, so das Ministerium weiter.

Das Grundproblem bleibt jedoch: Ältere Menschen, besonders über 65 Jahre, werden kaum an den Tests von Corona-Medikamenten und Impfstoffen beteiligt. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie aus den USA, die im Journal der American Medical Association (JAMA) erschienen ist. Demnach schließen klinische Studien ältere Menschen direkt oder indirekt von den Versuchen aus, obwohl die Senioren zu den am stärksten durch die Coronapandemie gefährdeten Gruppen gehören, kritisieren die Autoren.

Sie werteten dazu 847 klinische Studien aus, die in den USA zu Corona-Medikamenten durchgeführt wurden. Untersucht wurde, ob bei der Rekrutierung von Studienteilnehmern Kriterien vorhanden waren, die ältere Personen direkt oder indirekt ausschließen. Ergebnis: 195 von 847 Studien (23 Prozent) verlangten eine ausdrückliche Begrenzung des maximalen Alters. Andere Versuche setzten den Zugang zu bestimmten Technologien, etwa Smartphones und Internet voraus oder schlossen bestimmte Vorerkrankungen aus. Dadurch sei das Risiko bei 53 Prozent der klinischen Studien hoch, dass Menschen über 65 Jahre ausgeschlossen würden.

Die Einbindung der Älteren erfordere mehr Zeit und Planung. Womöglich schreckten viele Unternehmen davor aus Kostengründen zurück, vermuten die Wissenschaftler. Ältere leiden auch häufig unter mehreren Krankheiten, Impfungen hätten mehr Nebenwirkungen – was die Tests komplizierter mache. Die Wissenschaftler fordern dennoch, Senioren mehr einzubeziehen – um ein realistisches Bild über die Wirkungen der Medikamente zu erhalten.

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