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Ökonom Wolff: „Euro-Rettungsfonds sollte alle Corona-Schulden übernehmen“

Der Direktor einer Brüsseler Denkfabrik, Guntram Wolff, warnt vor den Folgen der Coronakrise für die Euro-Zone und fordert die Einführung von Euro-Bonds.

Das Coronavirus wütet ausgerechnet in den EU-Staaten am heftigsten, die darauf am schlechtesten finanziell vorbereitet sind: In Italien und Spanien greift die Pandemie um sich wie nirgends sonst in Europa und die Zahl der Toten steigt rasant – und genau diese beiden Länder leiden zugleich unter hohen staatlichen Schuldenbergen.

Solch eine Mischung sei gefährlich – nicht nur für die Länder selbst, sondern auch für die Euro-Zone insgesamt, warnt der Ökonom Guntram Wolff im Interview mit dem Handelsblatt.

„Italien kann noch Schwierigkeiten an den Anleihemärkten bekommen. Die Euro-Zone muss gegensteuern, um spekulative Angriffe gegen südeuropäische Staaten zu vermeiden“, sagt der Direktor der Brüsseler Denkfabrik Bruegel.

Die bisherigen Hilfsmaßnahmen der Euro-Zone für die von der Coronakrise besonders betroffenen Mitgliedstaaten hält Wolff nicht für ausreichend. Die EZB weitete den Ankauf von Staatsanleihen – das sogenannte „Quantitative Easing“-Programm – massiv aus, um das Vertrauen der Anleger in südeuropäische Bonds zu stärken. Außerdem soll beim Euro-Rettungfonds ESM eine vorsorgliche Kreditlinie eingerichtet werden für Euro-Staaten, die mit der Corona-Krise aus eigener Kraft nicht fertig werden.

Das genüge nicht, so Wirtschaftswissenschaftler Wolff. Diese Krise sei so schwer, dass die Währungsunion nun ein Instrument in die Hand nehmen müsse, das in Nordeuropa und Deutschland bislang als vollkommen tabu gilt: Euro-Bonds. „Optimal wäre es, wenn der Euro-Rettungsfonds ESM die gesamte Corona-bedingte Verschuldung aller 19 Euro-Staaten übernehmen würde. Das würde an den Finanzmärkten großen Eindruck machen“, sagt Wolff.

Er räumte ein, dass Deutschland, die Niederlande und andere EU-Staaten Euro-Bonds trotz Coronakrise weiterhin strikt ablehnen. Wenn der Euro an den Finanzmärkten ernsthaft unter Druck gerate, müssten diese Länder ihre Haltung aber überdenken, sagt Wolff.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Wolff, die Wirtschaft ist in fast allen EU-Staaten nahezu zum Stillstand gekommen. Ist die schwerste Krise nach dem Zweiten Weltkrieg noch abzuwenden?
Eine schwere Rezession ist unvermeidlich. Wie schnell sie überwunden werden kann, hängt von der Dauer der Coronakrise ab. Wenn der Lockdown nicht länger als drei Monate dauert, dann wird sich die europäische Wirtschaft danach relativ schnell wieder erholen können. Wenn der Stillstand ein halbes Jahr oder noch länger anhält, dann werden wir eine massive Welle von Unternehmensinsolvenzen erleben. Alles hängt davon ab, ob wir die verhindern können.

Reicht das Hilfspaket der Bundesregierung aus, um die deutsche Wirtschaft vor dem Schlimmsten zu bewahren?
Ich bin zufrieden mit den bisherigen Beschlüssen in Berlin. Wenn die Krise länger als drei Monate dauert, wird die Bundesregierung aber noch etwas drauflegen und die staatlichen Transfers für Unternehmen noch einmal massiv aufstocken müssen. Sonst wäre der massenhafte Zusammenbruch von Firmen nicht mehr zu verhindern.

Wie werden hochverschuldete Länder wie Italien und Spanien die Coronakrise verkraften?
Italien kann noch Schwierigkeiten an den Anleihemärkten bekommen. Die Euro-Zone muss gegensteuern, um spekulative Angriffe gegen südeuropäische Staaten zu vermeiden.

Was soll die Euro-Zone denn tun?
Die EZB hat das sogenannte „Quantitative Easing“-Programm, also den Ankauf von Staatsanleihen, bereits massiv ausgeweitet und die Anleihemärkte damit erst einmal beruhigt. Parallel dazu könnte der Euro-Rettungsfonds ESM eine vorsorgliche Kreditlinie für hochverschuldete Euro-Staaten bereitstellen. Länder wie Italien müssten dann beim ESM ein Darlehen beantragen.

Die Regierung in Rom verlangt aber mehr: Der ESM soll ein großes Corona-Kreditprogramm für alle Euro-Staaten starten. Eine berechtigte Forderung?
Optimal wäre es, wenn der ESM die gesamte Corona-bedingte Verschuldung aller 19 Euro-Staaten übernehmen würde. Das wäre eine konsequent europäische Lösung für ein Problem, das uns alle betrifft. Es würde auf den Finanzmärkten großen Eindruck machen.

Die Feuerkraft des ESM – derzeit stehen dort maximal 410 Milliarden Euro für Kredite bereit – reicht dafür nicht aus.
Nein. Dafür müssten die Euro-Staaten das Stammkapital des ESM von derzeit 705 Milliarden Euro mindestens verdoppeln und das eingezahlte Kapital, derzeit rund 80 Milliarden Euro, entsprechend erhöhen.

Wäre so ein Corona-Stützungsprogramm nicht gleichbedeutend mit der Einführung von Euro-Bonds?
Man müsste dann wohl von Euro-Bonds sprechen, denn die Euro-Staaten würden das Zinsrisiko der Anleihen vergemeinschaften. Allerdings ist es keine volle Vergemeinschaftung, da es beim ESM Grenzen gibt. Bei der EZB geschieht dies jetzt allerdings auch schon – nur ohne politische Beschlüsse.

Wieso?
Die Anleihen der EZB könnten dauerhaft in der Bilanz der Notenbank stehen und wären somit „europäisiert“. Dies ist kein Problem – falls der inflationäre Druck steigt, müsste die EZB mit Zinsentscheidungen gegensteuern. Insgesamt halte ich es für unproblematisch, dass die EZB eine größere Bilanz hat.

Deutschland lehnt Euro-Bonds nach wie vor strikt ab und will deshalb auch kein allgemeines Corona-Kreditprogramm für alle Euro-Staaten beim ESM zulassen. Ist diese Linie auf Dauer durchzuhalten?
Deutschland, die Niederlande und andere nordeuropäische Euro-Staaten werden an dieser Linie sicher solange wie möglich festhalten, da Euro-Bonds politisch hochsensibel sind in diesen Ländern. Doch wenn der Euro an den Finanzmärkten ernsthaft unter Druck geraten sollte, dann wird Deutschland seine Haltung überdenken – zumal „Corona-Bonds“ schließlich auch für Deutschland nicht nur Haftungsrisiken, sondern auch Vorteile brächten.

Welche?
Die Vergemeinschaftung neuer europäischer Schulden aufgrund des Virus würde offen und demokratisch legitimiert beim ESM stattfinden. Der Euro-Rettungsfonds würde zu einem europäischen Schatzamt aufgewertet. Vom ESM begebene Staatsanleihen könnten Kapital im großen Stil nach Europa locken. So könnte die EU endlich einen Kapitalmarkt aufbauen, der mit der Wall Street konkurrieren kann.

Für deutsche Unternehmen würden sich damit ganz neue Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen. Der Euro würde gegenüber dem Dollar gestärkt – und damit auch die außenwirtschaftliche Souveränität der EU. Diese Aspekte werden in der Debatte über Euro-Bonds leider zu oft vergessen.