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Grenke-Betrugsvorwürfe rücken Finanzierungsstruktur in den Fokus

Jan-Patrick Barnert, Stephan Kahl und Fabian Graber
·Lesedauer: 4 Min.

(Bloomberg) -- Einige Monate bevor die Grenke AG Gegenstand von Betrugsvorwürfen eines Shortsellers wurde, hat das deutsche Leasingunternehmen liquide Mittel aufgebaut, indem seine Bankensparte Einlagenkunden anlockte.

Ende Juni meldete die Grenke Bank Einlagen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro, ein Plus von 70% gegenüber dem Vorjahr. Die Zahlungsmittel und Zahlungsmitteläquivalente der Muttergesellschaft stiegen auf 1,08 Milliarden Euro, von 434 Millionen Euro Ende Dezember, wozu auch die Emission neuer Anleihen beigetragen hat.

Jetzt sind diese Cashbestände - die zu Beginn der Coronavirus-Pandemie vorsorglich verstärkt wurden - zu einer prekären Lebensader geworden, während das Unternehmen gegen Betrugs- und Geldwäschevorwürfe des Leerverkäufers Fraser Perring kämpft. Perring sagt, Grenke nutze Akquisitionen, um die Tatsache zu verschleiern, dass ein Großteil der ausgewiesenen liquiden Mittel nicht existiere. Der Leerverkäufer gehörte zu einem Team hinter einem Bericht im Jahr 2016, der den Zahlungsabwickler Wirecard AG der Betrugs bezichtigte.

Grenke hat die Vorwürfe zurückgewiesen und erklärt, dass 80% seiner Bargeldbestände per Juni bei der Bundesbank geparkt waren. Die Vorwürfe haben jedoch ein zentrales Problem des Unternehmens offenbart: die Abhängigkeit von kurzfristigen Finanzmitteln.

“Wir glauben, dass die Finanzierungsposition von Grenke eine Kreditschwäche bleiben wird, da die Gesellschaft weiterhin auf weniger stabile und vertrauensempfindlichere Finanzierungsquellen angewiesen ist”, schrieb S&P Global Ratings in einem Bericht im Juli.

‘Aggressive’ Planung

Ein Sprecher von Grenke hat auf einen Anruf und eine E-Mail mit der Bitte um Stellungnahme nicht reagiert. Am Donnerstag teilte das Unternehmen mit, dass es die Prüfungsfirma Warth & Klein Grant Thornton für ein unabhängiges Gutachten mandatiert habe. KPMG LLP, die bereits für Grenke tätig ist, wird eine separate Prüfung durchführen.

Ebenfalls Donnerstag veröffentlichte Grenke zwei Kontoauszüge auf seiner Website, um zu belegen, dass die Firma Ende Juni rund 850 Millionen Euro auf Konten bei der Deutschen Bundesbank hatte.

Als Leasinggesellschaft hat Grenke hauptsächlich kurzfristige Vermögenswerte zu finanzieren und sich dabei auf relativ kurzfristige Finanzmittel verlassen. Per Dezember entfiel laut S&P mehr als ein Fünftel der Finanzierungsbasis des Unternehmens auf kurzfristige Wholesale-Verbindlichkeiten mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr. Laut dem Bericht, in dem die Liquiditätsplanung als „etwas aggressiver“ als die von Konkurrenten bezeichnet wurde, weist Grenke im Vergleich zu anderen Banken eine relativ niedrige stabile Finanzierungsquote auf.

Insgesamt hat Grenke Verbindlichkeiten von rund 6,1 Milliarden Euro, von denen laut einer Präsentation vom April in den nächsten Jahren rund 700 Millionen Euro jährlich wiederbeschafft werden müssen. Dies macht das Unternehmen verletzbar für Veränderungen in der Anlegerstimmung, die die Finanzierungskosten in die Höhe treiben können, beispielsweise wenn Gläubiger höhere Zinsen verlangen oder Kunden bei der Bankensparte Einlagen abziehen.

„Durch unser auskömmliches Guthaben auf den diversen Konten sind wir da gut aufgestellt, auch für die nächsten Wochen und Monate und hoffen natürlich, dass sich das insgesamt wieder normalisiert“, sagte Grenke-Vorstandsmitglied Sebastian Hirsch in der vergangenen Woche. “Dann werden wir auch an der Stelle wieder da sein, wo wir hingehören, und uns angemessen refinanzieren können.”

Auswirkung auf Anleihen

Im Moment tickt die Uhr jedoch weiter. S&P warnte letzte Woche, dass die Vorwürfe der Viceroy Research Group von Perring - ob wahr oder nicht - das kurzfristige Geschäft von Grenke mit Auswirkungen auf Liquidität und Finanzierung beeinträchtigen könnten.

Die Vorwürfe schaden auch, weil sie zu einer Zeit kommen, in der die Pandemie den Volkswirtschaften, in denen Grenke stark engagiert ist, bereits zu schaffen macht. S&P schätzte im Juli, dass das Unternehmen länger als ein Jahr überstehen könnte, sollte die Krise es von den Kapitalmärkten ausschließen. Allerdings müsse Grenke die Finanzierung des Neugeschäfts wohl einstellen und sich auf die Mittelzuflüsse aus seinen fällig werdenden Kontrakten stützen, um den Liquiditätsbedarf zu decken.

Die Aktien des Unternehmens haben fast 40% verloren, seit Viceroy seine Vorwürfe öffentlich gemacht hat, und auch die Anleihen haben gelitten. Grenkes 2023 fällige Papiere, die auf ein Volumen von 300 Millionen Euro kommen, haben letzte Woche eine Schwelle für notleidende Verbindlichkeiten überschritten, bevor sie sich bis Donnerstag auf rund 84% des Nominalwerts erholten, zeigen von Bloomberg zusammengestellte Daten. Die Bonitätsnote der Bonds liegt nur drei Stufen über Ramschniveaz, und eine Herabstufung könnte die Refinanzierung verteuern.

Grenke muss unter allen Umständen einen Vertrauensverlust von Anleihegläubigern und S&P vermeiden, da mehr als die Hälfte der Bilanz über vorrangige unbesicherte Finanzmittel finanziert wird, schrieben Analysten von Commerzbank AG in einer Notiz.

Überschrift des Artikels im Original:Grenke Fraud Claims Put Spotlight on Firm’s Funding Structure

(Ergänzt um Prüfungsfirma im 6., Kontoauszüge im 7. Absatz; Anleihenotierung aktualisiert im vorletzten Absatz)

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