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Wie Gründer Maximilian Bittner neue Geldgeber in der Krise findet

Der Unternehmer feiert mitten in der Pandemie Erfolge mit seinem neusten Projekt: Vestiaire Collective. Der Verkauf luxuriöser Secondhand-Mode boomt, Investoren stehen Schlange.

Maximilian Bittner ist einer der großen deutschen Gründer. Und zwar im doppelten Sinne: Wer den 41-Jährigen mit den breiten Schultern trifft, denkt zuerst an einen Rugby-Spieler.

Bittner hat zwar mal Rugby gespielt, aber das ist nicht sein eigentlicher Job. Seit mehr als einem Jahr leitet er das französische Unternehmen Vestiaire Collective, eine 2009 gegründete Internetplattform für luxuriöse Secondhand-Mode mit 450 Angestellten.

Vorher war Bittner in Singapur mit dem E-Commerce-Unternehmen Lazada erfolgreich, baute das Unternehmen dort für Rocket Internet in sechs Jahren zum südostasiatischen Amazon-Pendant auf. Marktwert damals: mehr als drei Milliarden Euro.

Bittner und die Samwer-Brüder verkauften die Firma später an den chinesischen Tech-Giganten Alibaba. Seitdem müsste Bittner, der auch Anteile besaß, eigentlich nicht mehr arbeiten.

Mit Vestiaire schickt er sich nun an, den Luxusmodemarkt aufzurollen. Secondhand liegt voll im Trend. „Nachhaltigkeit ist gerade bei der jungen Generation ein wichtiges Thema“, erklärt Bittner.

Pro Woche gibt es 60.000 neue Artikel auf der Plattform, insgesamt hat sie derzeit 1,5 Millionen Artikel online, ist in 90 Ländern aktiv und zählt neun Millionen Mitglieder – darunter so schillernde Kunden wie Reality-TV-Star Kim Kardashian und viele bekannte Fußballer.

Hat Corona zu einem Einbruch der Zahlen geführt? Im Gegenteil. „Wir haben derzeit die höchsten Verkaufszahlen, die wir je hatten“, berichtet Bittner.

Im Vergleich zum Durchschnitt vom Februar gab es über alle Länder betrachtet mitten im Shutdown Zuwächse von 50 Prozent. In Frankreich lagen sie sogar bei 70 Prozent, in Deutschland zwischen 55 und 60 Prozent. „Das hat uns natürlich stolz gemacht.“

Zuwächse in der Pandemie

Bittner erklärt sich das mit einem direkten Versandservice und einer effizienteren Internetplattform. Die Coronakrise sei für viele auch Anlass gewesen, den eigenen Kleiderschrank auszumisten und mit alten Klamotten Geld zu machen. Er glaubt fest daran, dass es auch nach Corona mit dem Erfolg weitergeht.

Die Investoren scheinen das ähnlich zu sehen: Mitten in der Krise konnte Bittner 59 Millionen Euro bei einer neuen Finanzierungsrunde einsammeln. Zu den Kapitalgebern gehören die Fonds Korelya Capital, Fidelity International, Vaultier 7 und Cuir Invest.

Vestiaire Collective konnte auch deshalb zulegen, weil nicht mehr nur das oberste Luxussegment auf der Plattform angeboten wird, sondern auch Marken, die für 50 bis 150 Euro verkauft werden. „Die Leute wollen schließlich nicht nur teure Handtaschen kaufen“, erklärt Bittner den Ansatz. Deshalb gibt es nicht mehr nur Cartier, Chanel, Dior oder Louis Vuitton.

Der Deutsche war mit der Idee angetreten, das Angebot auszuweiten und zu demokratisieren. Er ließ auch Marken zu, die im oberen Niveau der Massenmode liegen – wie etwa Mango. Oder setzt auf Geheimtipps wie Sézane, eine angesagte französische Designerin, die aus Vintage-Kleidung neue Mode herstellt und begonnen hat, übers Internet zu verkaufen.

Bittner glaubt, dass Corona die Kunden nachhaltig verändern wird. „Die Krise hat die Digitalisierung beschleunigt und damit das Verhalten der Konsumenten verändert. Erstaunlich, wie schnell sich die Menschen an die neue Situation angepasst haben, digital zu arbeiten.“

Das dürfte das Online-Shopping weiter beflügeln, glaubt er – und für einen bewussteren Kleidungskonsum sorgen: weniger und nachhaltiger. Bittner selbst hat im vergangenen Jahr auch rund 30 Stücke aus seinem Kleiderschrank verkauft – und fühlt sich dadurch besser, wie er sagt.

Mit dem frischen Geld will Bittner den direkten Versand in den USA ausbauen und weiter in Asien expandieren. Der Kontinent im Osten ist mittlerweile so etwas wie seine zweite Heimat.

Nun sitzt Bittner aber im 15. Arrondissement im Pariser Süden. Dort teilen sich fast alle einen Großraum, die Tür zu Bittners kleinem Konferenzraum steht weit offen. Er tritt gern locker auf, trägt am liebsten Jeans und Turnschuhe. Sein Arbeitsdress, wie es heißt.

Bei Lazada hatte er noch 7000 Angestellte, bei den Franzosen waren es anfangs nur 350 weltweit. Innerhalb eines Jahres sind aber schon 100 dazugekommen.

Es ging Bittner nicht mehr darum, etwas Neues zu gründen – das hatte er mit Lazada schon hinter sich. Er wollte vor allem mitgestalten. „Entscheidend ist nicht, wie groß Unternehmen sind, sondern wie groß sie sein können“, meint er.

Selbst mit eingestiegen

Bittner ist kein Angestellter, sondern bei Vestiaire Collective selbst mit eingestiegen. Mit wie viel Kapital? Bleibt sein Geheimnis.

Gleich im ersten Jahr feierte er einen großen Erfolg: Vestiaire wurde in der Kategorie E-Commerce in die Liste der „Next40“ aufgenommen – der 40 erfolgreichsten Start-ups mit großem Potenzial in Frankreich.

Bittner spürte schon immer Trends auf. Das zeigt nicht nur sein Management in der Coronakrise, sondern auch schon bei Lazada. „Damals explodierte die Mittelklasse in der Region, das Mobiltelefon verbreitete sich“, blickt Bittner zurück, der sein Abitur in Schottland gemacht hat, Geschichte und Volkswirtschaft in London studierte und schließlich einen MBA in Chicago bei der Kellogg School of Management draufsetzte. Nach Stationen bei der US-Bank Morgan Stanley und der Unternehmensberatung McKinsey heuerte er bei Rocket Internet an.

Damals entdeckten die Schwellenländer die Mode. Und Alibaba wurde aufmerksam auf den Branchenneuling.

Ab 2016 investierte Alibaba in Lazada, um es 2018 komplett zu übernehmen. „Was mich ähnlich wie bei Lazada bei Vestiaire Collective gereizt hat, sind die gleichen Trends. Die Generation Z ist immer mobiler, das fängt hier erst richtig an.“

Von Anfang an setzte Bittner Nachhaltigkeit als Argument ein, um sich gegenüber der Massenmode abzuheben. Die Verkaufssummen der Plattform sind mitunter sehr groß, es wurde schon mal eine Uhr für 65.000 Euro verkauft oder ein Ring für 60.000 Euro.

Neben Asien und den USA hat Bittner auch die erste Heimat im Blick. „Der deutsche Markt unterscheidet sich, er ist wesentlich preissensibler.“ Laut Bittner ist sein Unternehmen in Europa Marktführer, mit mehr als 30 Prozent des Umsatzes in Frankreich.

Knapp zehn Prozent der Gesamtumsätze im Luxusmarkt entfallen derzeit auf Wiederverkäufe. Bis 2022 könnte sich dieser Anteil laut Experten noch verdoppeln. Das war aber noch die Schätzung vor der Pandemie. Gut möglich, dass Corona diesen Trend nun noch weiter verstärkt.

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