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„Größter Skandal des Corona-Jahres“ bis „Eltern fehlt Lobby“: So sehen Handelsblatt-Leser den Schul-Lockdown

Handelsblatt, Redaktion
·Lesedauer: 8 Min.

Wut, Enttäuschung, Hilflosigkeit: Auf die Schulschließungen reagieren die Handelsblatt-Leser mit starken Gefühlen – und guten Argumenten.

Ursprünglich sollten Schulen ab dem 10. Januar wieder öffnen. Foto: dpa
Ursprünglich sollten Schulen ab dem 10. Januar wieder öffnen. Foto: dpa

Am 29. Dezember 2020 hat das Handelsblatt in einem Kommentar zu einer schnellen Rückkehr zum Präsenzunterricht an allen deutschen Schulen aufgerufen.

Dass dies bislang nicht ohne Infektionsrisiko möglich sei, läge vor allem am „unerträglichen Attentismus“ der Kultusbehörden: Die hätten längst dafür sorgen müssen, dass auch in Klassenräumen die Abstandsregeln für den Corona-Infektionsschutz eingehalten werden können. Etwa, indem sie den Unterricht in angemietete größere Räume außerhalb der Schulen verlegen oder durch eine Teilung der Klassen mit schichtweisem Unterricht vor- und nachmittags.
Selten haben uns so viele Leserreaktionen erreicht wie zu diesem Kommentar. Ein Großteil der Leser hat der Handelsblatt-Forderung zugestimmt, andere warfen uns eine Verharmlosung der Corona-Risiken vor.

Lesen Sie hier eine Auswahl der Reaktionen

„Bildungsauftrag aufgegeben“
Vielen Dank für Ihren Kommentar zum Handelsblatt, der den meisten Eltern so aus der Seele spricht! Es ist wirklich ein Skandal wie nonchalant der Bildungsauftrag aufgegeben wurde.
Dr. Joanna Ruppel

„Die Kräfte schwinden"
Ich sitze (als Beamter) gerade an meinem Dienstrechner und versuche jetzt, wo die Kinder im Bett liegen, Arbeiten zum städtischen Jahresabschluss durchzuführen … In einer kurzen Phase der Zerstreuung nach einem nervenaufreibenden Tag mit einem Grundschul- und einem Kindergartenkind hat Google mir gerade Ihren Artikel zum Präsenzunterricht vorgeschlagen; und hierfür möchte ich mich bei Ihnen ausdrücklich bedanken! Ich denke, es gibt so viele ungehörte Familien wie meine, die alles für ihre Kinder tun, deren Kräfte aber zunehmend schwinden.
Massimo Puletto, Wuppertal

„Solidarität der Alten mit den Jungen“
Als Mutter zweier Teenager und Freundin, Bekannte und Kollegin unzähliger Menschen mit Kindern zwischen zwei und 22 Jahren bin ich seit nunmehr zehn Monaten annähernd fassungslos, mit welcher Leichtigkeit und mit welchem für mich nicht ansatzweise nachvollziehbaren (scheinbaren?) Universalkonsens junge Menschen nahezu komplett von jeglichem Leben ausgeschlossen werden. Und jeder Widerstand wird im Keim erstickt, wenn die Kanzlerin persönlich jungen Menschen die Verantwortung für das Überleben der Großeltern überträgt. Wo bleibt die Forderung nach Solidarität der Alten mit den Jungen? Warum werden nicht Rahmenbedingungen geschaffen, die es „Alten“ ermöglicht, sich bestmöglich selbst zu schützen, zum Beispiel durch spezielle Einkaufszeiten, in denen nur sie einkaufen dürfen? Warum werden nicht „Alte“ aufgefordert, sich bestmöglich zu isolieren, bis sie geimpft werden können, statt junge Menschen, die für ihre gesunde Entwicklung erheblich mehr Kontakte brauchen, wegzusperren? Warum treten Großeltern nicht lautstark und selbstverständlich mit ihren Bedürfnissen zurück, um ihren Enkelkindern die Teilnahme am Leben zu ermöglichen?
Sigrid Flues

„Lehrer sind auch Menschen“
In der Grundschule meiner Frau kamen bis kurz vor Weihnachten jeden Tag etwa 300 Personen zusammen, jeweils etwa 25 Personen sitzen viele Stunden in einem Raum. Kontakte lassen sich schon angesichts der Altersstruktur nicht vermeiden, auch wenn die Schule mit hohem Zusatzaufwand möglichst viele Hygienekonzepte umsetzt. Noch schlimmer wird es, wenn das Umfeld außerhalb der Schule betrachtet wird. Beispielsweise kommen hier viele Schüler mit öffentlichen Verkehrsmitteln und sitzen meist in völlig überfüllten Bussen und Bahnen. Von Kontaktbeschränkung kann spätestens hier keine Rede mehr sein.
Falls es Ihnen nicht bekannt sein sollte, kann ich Ihnen bestätigen, dass die Lehrer und Beschäftigten in der Schule auch Menschen sind. An der Grundschule meiner Frau sind etwa 25 Beschäftigte. Davon sind zehn kurz vor dem Rentenalter. Einige haben schwere Vorerkrankungen bis hin zu überstandenen Krebstherapien. Bei den Jüngeren, meist Frauen, steht zum Teil die Nachwuchsplanung vor der Tür. Man kann somit von einem höheren Anteil von Menschen in der Risikogruppe sprechen. Alle werden Tag für Tag zahlreichen Kontakten ohne Schutzkleidung etc. ausgesetzt. Sie treffen auf eine Bevölkerungsgruppe (Kinder), die altersbedingt noch kein wirkliches Bewusstsein für die Probleme einer Pandemie haben kann. Kann man das verantworten? Können Sie das verantworten? Wie wäre es, wenn Sie selbst sich aus Ihrem Homeoffice verabschieden und sich „an die Front“ begeben müssten? Oder, weil Sie vermutlich jünger sind, schicken Sie besser Ihre Eltern und Großeltern. Würde sich dann vielleicht ein Verständnis entwickeln, dass Bildung nicht über allem steht?
Dieter Vehreschild, Zinnowitz

„Auf Kosten der Schwächsten“
Seit Monaten rufe ich ebenfalls nach Anmietung von lokalen Räumen, Schutzmaßnahmen/-materialien für LehrerInnen und Kinder, Infrastruktur und vielem mehr. Ich empfinde das Vorgehen der (lokalen) Verantwortlichen als skandalös, sogar skrupellos auf Kosten der Schwächsten – unserer Kinder.
Als Vater von drei schulpflichtigen Kindern bin ich von der aktuellen Politik enttäuscht, verzweifelt, ohnmächtig. Auch wütend! Aber auch kritisch genug zu fragen, ob ich alles Notwendige für unsere Kinder unternehme?
Lars Temme, Frankfurt/Main

„Fahrlässige Körperverletzung“
Einen wesentlichen, wenn nicht sogar den wichtigsten Aspekt haben Sie in Ihrem Kommentar vergessen: Es gilt, Kontakte zu vermeiden. Würden Sie wie ich neben einer Schule wohnen, könnten Sie beobachten, was nach Schulschluss passiert: Gruppenbildung vor dem Dönerladen. Ganz ohne Maske. Klar, dafür kann die Politik nichts, aber ein wesentlicher Teil der Schüler kann oder will sich nicht an die AHA-Regeln halten, und darauf muss unter Gesichtspunkten des Schutzes der Gesundheit eine Antwort gefunden werden. Da kann das Konzept in der Schule noch so gut sein, das Problem sind viele Schüler selbst. Wenn man sie zu Hause lässt, ist die Gruppenbildung schon mal reduziert. Wer also die Schulöffnung fordert, muss Polizei oder Gemeindevollzugsdienst bereitstellen im Schulumfeld und umfassend kontrollieren und bestrafen. Ohne Begleitkonzepte ist die Schulöffnung im jetzigen Stand fahrlässige Körperverletzung.
Thomas Bitzer, Radolfzell

„Eltern fehlt die Lobby“
Unabhängig davon, ob und wie viel Kinder ansteckend sein sollten – diese Diskussion wird in anderen Zeitungen zur Genüge geführt, geht es genau um das, was Sie sagen: Der Stellenwert von Bildung hat den Stellenwert der Eröffnung einer Shishabar. Nachdem Familien schon in der ersten Welle am meisten unter dem Lockdown zu leiden hatten, scheint auch bis heute das Thema Bildung noch nicht in den „Top-Positionen“ der Regierung angekommen zu sein. Leider fehlt uns Eltern die Lobby.
Sandra Ruhkamp

„Nur ein Betreuungsproblem?“
Ihre Position veranlasst mich zur Frage nach der Ehrlichkeit Ihrer Argumentation. Denn vermutlich versteckt sich hinter ihr nur ein Betreuungsproblem, oder? Sollen Schulen offen bleiben, damit Kinder woanders als zu Hause sind, Unternehmungen aber geschlossen werden, um Infektionen einzudämmen? Bei diesem Gedanken drängt sich mir eine Diskrepanz zwischen dieser Betreuungsposition und der liberal-gesellschaftlichen Position des Handelsblatts auf. Warum ist der Staat überhaupt zuständig für die Kinderbetreuung und nicht die Eltern der Kinder? Ich bin der Meinung, dass unsere Tochter durchaus mehr gelernt hat in der Corona-bedingten Zusatzschulfreizeit, als Ihr Artikel skizziert.
Prof. Dr. Markus Knüfermann, Duisburg

„Große Sorgen um die Zukunft unserer Kinder“
Mein Mann und ich stimmen Ihnen in allen Punkten zu. Auch wir finden es unerträglich, was gerade von der Politik mit unseren Kindern gemacht wird. Wir sind beide voll berufstätig, und wir haben zwei Mädchen auf einem Gymnasium. Unsere Kinder müssen zur Schule gehen. Sie können nicht noch mal Monate zu Hause bleiben. Sie brauchen den Unterricht, ihre sozialen Kontakte und die Struktur. Wir machen uns große Sorgen um die Zukunft unserer Kinder!
Nora Mebus

„Schulpflicht beiderseitiges Committment“
Es scheint wirklich in Vergessenheit geraten zu sein, das die Formulierung „Pflicht“ ein beidseitiges Commitment darstellt. Simpel wird hier vom Staat formuliert: „Präsenzunterricht bieten wir zur Zeit nicht mehr an“ - und fertig. Wie wären wohl die Konsequenzen, wenn man anderweitig entsprechend agieren würde, zum Beispiel: „Bei der momentan angebotenen Lehrqualität stelle ich mein Kind dem Schuldienst nicht mehr zur Verfügung, Dankeschön, auf Wiedersehen“...wäre spannend. Wie Sie auch völlig treffend anmerken, ist die Mehrzahl der Bürger untertags mit der Bereitstellung des Lebensunterhalts beschäftigt und nicht mit Wahrnehmung des plötzlichen übertragenen Lehrauftrags den Kindern gegenüber. Hier bleiben zwangsläufig etliche Dinge auf der Strecke – auf beiden Seiten.
Markus Schmidl

„Größter Skandal des Corona-Jahres“
Ich könnte an jeden Ihrer Sätze ein dickes Ausrufezeichen machen. Als Vater zweier schulpflichtiger Kinder empfinde ich diese Ideen- und Tatenlosigkeit als den größten Skandal des Corona-Jahres (und es ist noch nicht vorbei).
Dirk Braun, Wiesbaden

„Befristete Aussetzung der Schulpflicht“
Wir als Elterninitiative „Familien in der Krise“ setzen uns für eine Corona-Politik ein, die die Situation von Kindern und Familien als besonders sensiblen Teil der Gesellschaft berücksichtigt. Wir sprechen uns, basierend auf der aktuellen Datenlage, dafür aus, dass Kitas und Schulen so schnell wie möglich wieder in einen sicheren Regelbetrieb zurückgeführt werden. Wir wissen, dass es innerhalb der Elternschaft keine einheitliche Meinung zum Thema Schulöffnung gibt. Neben den Eltern, die für eine Öffnung der Kitas und Schulen sind, gibt es auch Eltern, die Sorge vor einer Infektion haben. Um diesen Eltern entgegenzukommen, schlagen wir eine zeitlich befristete Aussetzung der Präsenzpflicht vor, wie es beispielsweise Baden-Württemberg seit September praktiziert.
Milan Renner, Berlin

„Mal Klartext sprechen“
Politiker sitzen tatenlos herum: keine Schuldigitalisierung, kein Impftempo, kein Schutz von Alten- und Pflegeeinrichtungen ... Schön, dass Sie da mal Klartext sprechen.
Dr. Jan Byok, Düsseldorf

Mehr: Lesen Sie hier den Artikel zum Schulstart.