Deutsche Märkte geschlossen

Krisenboom am Kreditmarkt: Unternehmen saugen sich mit Fremdkapital voll

Unternehmen suchen seit Beginn der Coronakrise händeringend nach Liquidität. Dieser Trend dürfte sich bis ins dritte Quartal fortsetzen, prognostiziert die Förderbank KfW.

Der Produktionseinbruch vieler deutscher Unternehmen wegen der Coronakrise sorgt für einen erheblichen Liquiditätsbedarf der Firmen. Foto: dpa

Die Coronakrise sorgt für einen kräftigen Schub im Kreditgeschäft der Banken. Wie groß der Ansturm ist, zeigt ein Blick auf den KfW-Kreditmarktausblick für das zweite Quartal, der dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Die bundeseigene Förderbank geht davon aus, dass das Neugeschäft bei Krediten an deutsche Unternehmen im zweiten Quartal um rund zehn Prozent wachsen wird. 

Bereits im ersten Quartal hat sich die Pandemie und die dadurch ausgelöste Wirtschaftskrise im Kreditgeschäft niedergeschlagen. Die KfW schätzt den Zuwachs auf 7,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zum Vergleich: Von Oktober bis Dezember lag das Plus bei nur 3,7 Prozent. „Für das starke Kreditwachstum ist ganz klar die Coronakrise verantwortlich“, sagt die Chefvolkswirtin der Förderbank, Fritzi Köhler-Geib. 

Sie verweist auf die Zusammensetzung des Neugeschäfts: „Das Wachstum im Neugeschäft stammt praktisch ausschließlich aus kurzfristigen Krediten, die der Liquiditätssicherung dienen.“ Bei langfristigen Krediten gebe es so gut wie kein Wachstum mehr.

Üblich ist für einen Konjunkturabschwung eigentlich ein allmählich nachlassendes Interesse von Unternehmen an Darlehen, weil die Betriebe dann häufiger auf Investitionen oder Übernahmen verzichten. Doch bei akuten Schocks tritt zunächst das genaue Gegenteil ein.

„Die Unternehmen benötigen Liquidität, weil ihnen wegen des Lockdowns die Umsätze weggebrochen sind“, erläutert Köhler-Geib. Schon im März hätten breite Teile des Mittelstands erhebliche Einnahmeverluste gemeldet. „Im April dürfte dieser Effekt noch stärker durchgeschlagen haben.“ 

Kunden ziehen bestehenden Kreditlinien

Ein weiteres Motiv für die Kreditnachfrage ist nach Beobachtung von Christian-Hauke Burkhardt, Leiter Unternehmensfinanzierung der Deutschen Bank, „die kaufmännische Vorsorge, sich erst einmal Liquidität zu sichern“. Viele Banken berichten, dass ihre Kunden zu Beginn der Pandemie erst einmal Mittel aus bestehenden Kreditlinien gezogen hätten.

Doch auch wenn Liquiditätskredite derzeit im Mittelpunkt stehen, gibt es noch immer ganz normale Finanzierungen, berichtet Burkhardt, „etwa für Investitionen in die Digitalisierung“. Ihm sind sogar Fälle bekannt, in denen starke Unternehmen die Gelegenheit für Akquisitionen nutzen.

Für die deutsche Wirtschaft sind die hohen Wachstumsraten zunächst einmal ein gutes Omen. Schließlich war zu Beginn der Pandemie die Angst groß, die Banken könnten bei der Kreditvergabe zu zögerlich sein und ihre Unternehmenskunden im Stich lassen. Schließlich hatten viele Institute bereits vor Ausbruch der Coronakrise damit begonnen, ihre Sicherheitsstandards bei der Darlehensvergabe zu erhöhen – wegen der sich seit Längerem abschwächenden Konjunktur.

Doch für eine Kreditklemme, die die deutsche Wirtschaft breitflächig treffen könnte, gibt es bislang keine Anhaltspunkte, auch nicht in der vierteljährlichen Kreditumfrage der Bundesbank. Danach lag der Anteil der vollständig abgelehnten Kreditanträge im ersten Quartal dieses Jahres ebenso wie in den beiden vorangegangenen Quartalen stabil bei 13 Prozent. 

„Expansive Geldpolitik, staatliche Risikoübernahmen für Kredite und das Konjunkturprogramm erleichtern es den Banken, den Kreditzugang weitgehend offen zu halten“, heißt es im KfW-Kreditmarktausblick. Auch die KfW trägt zur robusten Verfassung des Darlehensgeschäfts bei: Bis Mittwoch meldete die Förderbank, über die das Gros der staatlich abgesicherten Darlehen geschleust wird, rund 62.800 Anträge im Gesamtvolumen von etwa 47 Milliarden Euro.

Erinnerungen an die Finanzkrise

Auch die Banken bestätigen, dass die Förderbanken mit den Hilfspaketen, bei denen der Staat große Teile des Ausfallrisikos der Banken absichert, derzeit eine wichtige Rolle spielen. „Die Kredite der KfW und anderer Förderinstitute hatten in den vergangenen Monaten einen ganz erheblichen Anteil an der Kreditvergabe. Ihre Bedeutung war verglichen mit der Vergangenheit überdurchschnittlich“, sagt Deutschbanker Burkhardt.

Angaben der Hypo-Vereinsbank (HVB) illustrieren das: Seit Mitte März sagte die Tochter der italienischen Unicredit Unternehmensdarlehen im Umfang von rund vier Milliarden Euro zu. Zur Hälfte handelte es sich dabei um Förderdarlehen. „Für Unternehmen aus hart betroffenen Branchen wie Transportwesen, Tourismus, Maschinenbau oder viele Automobilzulieferer sind die Hilfsprogramme der KfW und der Landesförderinstitute im Moment existenziell wichtig“, sagte der Chef der HVB-Unternehmensbank, Markus Beumer, dem Handelsblatt. Diese Unternehmen würden ohne staatliche Haftung „nicht immer“ Darlehen bekommen.

Bis auf Weiteres rechnet die KfW mit einer Fortsetzung des kräftigen Kreditwachstums. Denn für das dritte Quartal prognostiziert die Förderbank noch immer einen Zuwachs um acht Prozent. Das wäre in Relation zu den zehn Prozent, die für das zweite Quartal erwartet werden, zwar ein gewisser Rückgang, aber noch immer ein relativ hoher Wert.

Für eine solche Entwicklung gibt es auch historische Vorbilder: In der Frühphase der Finanzkrise 2008 gab es schon einmal einen – vorübergehenden – Krisenboom am Kreditmarkt. Damals wuchs das Kreditgeschäft über drei bis vier Quartale hinweg mit Wachstumsraten zwischen fünf und zehn Prozent.

Banken sind vorsichtig bei Neukunden

Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied: Damals ging die Krise von den Banken aus, dieses Mal von den Unternehmen. So erklärt sich, dass die Geldhäuser ihre Kredite trotz der Staatshilfen alles andere als wahllos vergeben. Mit neuen Kunden kommen die Institute häufig nur „selektiv“ ins Geschäft.

Zum einen liegt das daran, dass die Mitarbeiter der Institute häufig schon mit den Anträgen ihrer Bestandskunden gut ausgelastet sind. Ein weiteres Motiv sprach der Firmenkundenvorstand der Commerzbank, Roland Boekhout, Anfang Mai auf einer Bundesbank-Tagung an: Auch er berichtete, dass sich sein Haus eher auf Bestandskunden und „nicht oder weniger“ auf Neukunden konzentriere.

Die Bank wolle sicherstellen, dass ihre Kapazitäten für die Bestandskunden ausreichten. „Die zweite Überlegung hat etwas mit Kreditrisiko zu tun“, erklärte Boekhout. Ihre Stammkunden kenne die Bank besser und könne deren Risiken zuverlässiger einschätzen.

Bei Neukunden muss eine Bank nicht nur viel mehr Aufwand betreiben, um die notwendigen Eingangsprüfungen etwa zur Verhinderung von Geldwäsche zu erledigen. Es ist aus Sicht von Boekhout außerdem „vielleicht ein nicht so glücklicher Moment“, um für Neukunden zusätzliches Eigenkapital zu binden, „in einer Zeit, die von vielen als Vorabend einer Wirtschaftskrise gesehen wird“.

So wie Boekhout argumentieren auch andere Institute mal mehr, mal weniger offen. „Wer in diesen Zeiten keine Hausbank oder Kernbank hat und die Banken bis zuletzt mit Geschäft gegeneinander ausgespielt hat, wird definitiv Probleme bekommen“, sagt ein Firmenkundenbetreuer eines anderen Instituts.

„Wenn man nur Nebenbank ist, müssen schon außergewöhnliche Gründe dafür sprechen, jetzt mit Kapital zur Verfügung zu stehen.“ Schließlich könne niemand so genau wissen, welche Belastungen auf die einzelnen Banken selbst noch zukommen würden.

Ob die bisherigen Maßnahmen auf Dauer ausreichen, ist auch noch nicht geklärt. Denn die Banken sorgen sich in wachsendem Maße um die Eigenkapitalausstattung der von ihnen finanzierten Unternehmen. Commerzbank-Chef Martin Zielke forderte als Präsident des privaten Bankenverbands zu Wochenbeginn in einem Gastkommentar für das Handelsblatt eine Lockerung der Auflagen für staatliche Eigenkapitalspritzen an Corona-geschädigte Unternehmen.

Ähnlich äußert sich HVB-Firmenkundenchef Beumer. Der Risikoappetit der Institute werde „zunehmend“ von der Frage beeinflusst, „ob ein Unternehmen wirklich einen Kredit oder nicht auch Eigenkapital braucht“.