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Gerichtsprozess – Ex-Vorständin von VW stellt sich gegen den Konzern

VW wirft Kläger-Vertreter Louis Freeh Geheimnisverrat vor. Der bekommt Unterstützung von einer ehemaligen Vorständin des Konzerns: Christine Hohmann-Dennhardt.

Christine Hohmann-Dennhardt schien vor vier Jahren die perfekte Kandidatin für Volkswagen zu sein: Der vom Abgasskandal erschütterte VW-Konzern brauchte jemanden mit Erfahrung im Wirtschaftsstrafrecht, und die frühere SPD-Politikerin und Bundesverfassungsrichterin hatte sich bereits im Daimler-Vorstand mit der Aufarbeitung einer Korruptionsaffäre einen guten Ruf erworben. Als oberste Verantwortliche für Recht und Integrität wurde die Juristin in den VW-Vorstand berufen.

Formal gesehen musste damit sogar Manfred Döss an sie berichten, der Chefjustiziar des Konzerns. Es war, so sagt man heute in Wolfsburg, keine gute Idee. Döss verfügt über beste Beziehungen zu den Haupteigentümern von VW und ließ sich ungern etwas sagen, schon gar nicht in Rechtsfragen.

Bei den Gesprächen in der Dieselaffäre mit dem US-Justizministerium drängte er Hohmann-Dennhardt an die Seite. Ihr Versuch, den ehemaligen FBI-Chef Louis Freeh bei Volkswagen für Verhandlungen mit der US-Justiz oder Monitor zu engagieren, schlug fehl.

Im Januar 2017, nur gut ein Jahr nach ihrem Antritt, trat Hohmann-Dennhardt wieder ab. Volkswagen gab ihr zwölf Millionen Euro Abfindung mit auf den Weg, plus einer monatlichen Sofortrente von bis zu 8 000 Euro. Es war ein bitterer Abschied, mit hämischen Kommentaren für beide Seiten.

Heute sagt Hohmann-Dennhardt, schon bei Arbeitsbeginn sei ihr „ein Bürozimmer mit noch nicht besetztem Sekretariat zugewiesen worden“. Von der für die Dieselermittlungen engagierten Kanzlei Jones Day habe sie später nie Schriftliches erhalten, „nur mündliche Berichte“.

Nun gibt es ein Nachspiel vor Gericht, dessen Ursache ein Streit zwischen Volkswagen und ebenjenem Louis Freeh ist, den Hohmann-Dennhardt nach Wolfsburg holen wollte, aber es nicht schaffte.

Freeh ist aktuell als Gutachter für US-Kunden tätig, die Volkswagen im Dieselskandal verklagen. Der Konzern findet das unmöglich. Freeh sei Geheimnisträger, weil er in den Vorgesprächen zu einem möglichen Engagement als Topjurist Einsicht in VW-Interna genommen habe.

Stimmt nicht, sagt Freeh, und rief als Zeugin Hohmann-Dennhardt auf. Sie sollte bezeugen, dass Freeh keine Geheimnisse verraten konnte, weil er gar keine erhielt.

Am 1. Februar 2020 gab sie einem Gericht in Kalifornien eine Erklärung ab. „Louis J. Freeh wurde nie als Anwalt oder Berater von Volkswagen engagiert. Er wurde auch nicht von Volkswagen gebeten, dem Unternehmen juristischen Rat zu geben. Nach meiner Kenntnis hat Herr Freeh weder irgendwelche vertraulichen oder privilegierten Informationen von Volkswagen erhalten, noch bestand ein Mandatsverhältnis.“

E-Mail-Verkehr als Kontertaktik

Volkswagen kontert – mit privatem Schriftverkehr zwischen Freeh und Hohmann-Dennhardt. „Liebe Christine“, begann Freeh eine E-Mail vom 12. Januar 2016. Die Angeschriebene war da gerade in den VW-Vorstand eingezogen, kommunizierte mit dem möglichen Sonderbeauftragten Freeh aber über ihre private Gmail-Adresse.

Freeh berichtete ihr über ein zweieinhalbstündiges Treffen mit VW-Chefjustiziar Döss, bei dem einerseits Details zum Dieselskandal besprochen wurden, andererseits Freehs mögliche Rolle für dessen Lösung. Vier Tage später verfasste Freeh eine weitere lange Mail, in der er Vorschläge für Volkswagens weiteres Vorgehen machte und sogar den Entwurf einer Presseerklärung anfügte. Darin, so jedenfalls der Wunsch von Freeh, sollte seine Einstellung als Sonderermittler bei VW verkündet werden.

Die Pressemitteilung wurde nie verschickt. Freeh, so heißt es in Wolfsburg, stellte horrende Forderungen. Einerseits habe er einen Dreijahresvertrag für 15 Millionen Dollar verlangt, darüber hinaus soll er einen erfolgsabhängigen Bonus gefordert haben, abhängig vom erzielten Vergleich mit den US-Behörden. Angesichts der Milliardenbeträge, um die es ging, hätte Freeh also mehrere Hundert Millionen Dollar verdienen können.

Er bekam keinen Cent. Gleich zwei Mal, sagt Volkswagen, habe sich Freeh als Berater im Dieselskandal angeboten. Sein Aufkreuzen im Lager derjenigen, die VW nun verklagen, sei daher unlauter. Ein Konzernsprecher: „Nachdem sich Volkswagen zweimal geweigert hatte, ihn einzustellen, sollte es Herrn Freeh nicht gestattet sein, die Seite zu wechseln und dieses Insiderwissen gegen das Unternehmen zu verwenden.“