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Gaia-X: Wie Deutschland den Datenschatz heben will

·Lesedauer: 4 Min.

Europa baut eine Cloud-Allianz. Neben BMW, Bosch, Siemens ist jetzt auch Zulieferer ZF dabei, kündigt Vorstandschef Scheider an. Doch kann Gaia-X tatsächlich zum neuen „Goldstandard“ für Clouddienste werden?

Der Lkw-Fahrer ist seit Stunden unterwegs, der Tank leert sich, wo aber wäre eine gute Gelegenheit zum Nachladen? Statt Straßenschilder zu scannen oder im Routenplaner zu suchen, hilft ein Roboter weiter. Automatisch findet er die nächstbeste Tankstelle und berücksichtigt dabei Spritpreis, Wegstrecke, verbleibende Lenkzeiten und den im Tank noch vorhandenen Kraftstoff. In Echtzeit bekommt der Fahrer die Informationen geschickt, die über ein interaktives Dashboard auch Kolleginnen und Kollegen im Büro zur Verfügung stehen. „Fuelbot“ heißt dieses Programm des Technologiekonzerns ZF, das Daten auswertet und so vorausschauendes Energiemanagement ermöglichen soll.

Wie der Zulieferer aus Friedrichshafen bieten zwar immer mehr deutsche und europäische Unternehmern smarte Lösungen an, sie arbeiten in vernetzten Fabriken und haben die Industrie 4.0 weltweit bekannt gemacht – aber vom Datenlieferanten zum Datenwertschöpfer zu werden, ist ihnen bisher kaum gelungen. Sie stecken in ihren Datensilos fest. Das soll sich nun ändern. Sie wollen souverän am Steuer sitzen, statt in der Datenökonomie nur hinterherzufahren.

Es ist das komplexeste industriepolitische Vorhaben der EU

Gelingen soll dies mit Gaia-X, dem bisher wohl ambitioniertesten und komplexesten industriepolitischen Vorhaben in der EU. Benannt ist es nach der griechischen Göttin Gaia, es soll Deutschland und Europa souveräner machen im Wettbewerb mit China und den USA. Geschaffen werden soll eine europäische Cloud-Allianz, die auf europäischen Werten basiert.

Neben den 22 Gründungsmitgliedern wird Gaia-X künftig auch unterstützt von ZF, wie Vorstandschef Wolf-Henning Scheider exklusiv vorab im Wirtschaftswoche-Podcast „Chefgespräch“ mit Chefredakteur Beat Balzli ankündigte: „Wir müssen in Europa eine eigen Cloud-Infrastruktur zur Verfügung haben. Nicht nur als Datenspeicher, sondern als großes unermessliches Rechenzentrum für modernste Algorithmen der Künstlichen Intelligenz und darüber hinaus“, sagt Scheider. Europa sei in diesem Bereich „zu sehr auf Amerikaner und Chinesen angewiesen“. Europa brauche „hier eine eigene Position“, fordert Scheider.

Aktuell wird der Cloud-Markt dominiert von Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google. Die drei US-Anbieter decken etwa 75 Prozent des Public-Cloud-Marktes ab, investieren jedes Jahr etwa 50 Milliarden Euro in ihre Datenspeicher. Kaum ein großes deutsches Unternehmen kommt an diesen so genannten Hyperscalern vorbei, wenn es große Mengen seiner Daten speichern, rechnen und Big Data, künstliche Intelligenz (KI) und Internet of Things (IoT) nutzen will – sei es fürs autonome Fahren, für die robotergesteuerte Produktion oder Telemedizin.

Mit Gaia-X sollen Unternehmen, Personen und andere Stakeholder nicht nur selbst kontrollieren können, wo sie ihre Daten wann, wo und wie lange speichern. Sondern offene Standards sollen es auch erleichtern, Daten zu teilen und zu tauschen, so dass daraus Innovationen, neue Wertschöpfungsketten und Märkte entstehen können.

Gaia-X soll zum „Goldstandard für Cloud-Dienste werden“

Gaia-X könne zum „Goldstandard für Cloud-Dienste werden“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im Sommer bei der Vorstellung des Projekts mit seinem Amtskollegen Bruno Le Maire. Aus Altmaiers Initiative vor einem Jahr war schnell ein deutsch-französisches, dann ein EU-weites Projekt geworden, das inzwischen auch in Japan, Südkorea, Brasilien und Neuseeland auf Interesse stößt.

Gegründet worden ist Gaia-X im Sommer von 22 Mitgliedern, elf kommen aus Deutschland wie BMW, Bosch, Siemens, die Deutsche Telekom und SAP. Elf weitere aus Frankreich, wie der Cloudanbieter OVH und Telekommunikationsdienstleister Orange. Interimschef von Gaia-X ist Hubert Tardieu, Vorstandsberater des französischen IT-Dienstleisters Atos, Sitz der nicht-gewinnorientierte Vereinigung (AISBL) wird Brüssel sein – zur rechtskräftigen Gründung fehlt aktuell nur noch die Unterschrift des belgischen Königs.

100 neue Mitglieder machen mit – darunter ist auch ZF

Kommende Woche wird beim virtuellen Gaia-X-Summit mit Altmaier, Le Maire, der italienischen Digitalministerin Paola Pisano und EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton über den weiteren Fahrplan und Anwendungsbeispiele debattiert. Verkündet werden soll dann auch mehr als 100 weitere Mitglieder, die neben den 22 Gründern bei Gaia-X dabei sein wollen.

Dass Europa mit der Cloud-Allianz eine eigene Position entwickeln wolle, heiße aber nicht, „dass wir uns entkoppeln wollen. Ganz im Gegenteil“, stellt ZF-Chef Scheider klar. Als internationales Unternehmen müsse ZF seine Produkte weltweit auf den Markt bringen können. „Aber wenn ich zu Hause im eigenen Heimatmarkt dazu keine Infrastruktur habe, dann habe ich ein strategisches Problem.“ Deshalb unterstütze ZF Initiativen wie Gaia-X, „damit wir hier technologisch auf Augenhöhe kommen“.

Zwar arbeite ZF auch „sehr gut mit amerikanischen und chinesischen Unternehmen zusammen“, doch darauf allein dürfe man sich nicht stützen. Um die Technologie zu verstehen und zu beherrschen, müsse die Anwendung im eigenen System möglich sein. „Sonst verstehe ich irgendwann gar nicht mehr die Algorithmen, die meine Daten verarbeiten. Und dann wäre ich abgehängt, das darf nicht passieren“, sagt Scheider: „Da müssen wir in Deutschland und Europa vorne dran sein. Ich sehe gute Chancen, dass das gelingt“.

Zum Hören: Hier finden Sie den vollständigen Podcast mit ZF-Chef Scheider.