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Friseure am Limit: Zwischen Schwarzarbeit und Insolvenz

Osterholt, Sina
·Lesedauer: 5 Min.

Mit dem Lockdown wachsen die Frisuren. Zumindest sollten sie das. Trotz geschlossener Salons gibt es frisch frisierte Menschen. Die Ursache ist offensichtlich: Corona befeuert Schwarzarbeit – aus Angst vor der Pleite.

Die Haare wuchern, der Ansatz ist schon längst rausgewachsen und die Spitzen brechen ab. Immer wieder kommen Friseure in die Bredouille, wenn Kunden anrufen und um einen privaten Besuch samt Haareschneiden bitten. Darauf dürfe man sich nicht einlassen, sagt der Friseur Mike Engels aus eigenen Erfahrungen. Aber: „Viele machen das aus Verzweiflung – wenn man Umsatz braucht, greift man zum letzten Strohhalm.“

Im Jahr 2020 verzeichnete die Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) in Friseursalons bei 1913 Kontrollen 866 Strafverfahren wegen Beitragsvorenthaltung und Leistungsmissbrauch. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es trotz höherer Kontrolldichte noch 764 Strafverfahren und 2018 nur 537. Geldbußen sind um das Dreifache gestiegen. Es wurden aber nicht nur Geldstrafen, sondern auch in Einzelfällen Freiheitsstrafen verhängt. Die offiziellen Zahlen stellen aber nicht die vollkommene Realität dar: „Es gibt im Friseurhandwerk viel mehr Schwarzarbeit – das Ordnungsamt darf nur nicht in den Privaträumen kontrollieren“, sagt Harald Esser, Präsident des Zentralverbandes vom Deutschen Friseurhandwerk. Gerade im Lockdown fällt das an den nachgeschnittenen Frisuren auf. Nach Angaben von dem Präsidenten müssen sowohl Friseur als auch Kunde bei der ersten Ordnungswidrigkeit 250 Euro Strafe zahlen, beim Wiederholungsfall bis 2500 Euro und wenn das professionell angeboten werde sogar 25.000 Euro.

Die Lösung für das Problem ist offensichtlich: „Um Schwarzarbeit zu verhindern, sollten die Friseure so schnell wie möglich wieder öffnen und in ihren Salons sichere Friseurdienstleistungen anbieten“, sagt Esser. Das sei vor allem im Sinne der Pandemiebekämpfung wichtig. Nur in professionellen Salons würden die Hygienestandards eingehalten werden können.

Mindestens 30 Prozent Umsatzeinbruch

In Deutschland gibt es 80.000 Friseurbetriebe mit 240.000 Mitarbeitern. Seit Mitte Dezember sind die Salons wegen der Pandemie geschlossen. „Ausgerechnet im umsatzstärksten Monat des Jahres“, so Esser. Ergebnisse einer Umfrage des Zentralverbandes vom Deutschen Friseurhandwerk zu den Corona bedingten Umsatzeinbrüchen bestätigen die wirtschaftlichen Existenzängste der Betriebe. Insgesamt haben über 1300 Friseure an der Umfrage teilgenommen. 70 Prozent der Befragten schätzen ihren Umsatzverlust für das Jahr 2020 mit 30 Prozent oder sogar mehr ein. Mehr als die Hälfte haben starke oder sehr starke Existenznöte. Nur 8 Prozent der Teilnehmer geben an, nicht an Existenzängsten zu leiden.

„Die Umsatzverluste können viele Betriebe nicht mehr schultern“, bestätigt auch Hauptgeschäftsführer Jörg Müller. Bei den staatlichen Fördermaßnahmen 2020 kam die Branche schlecht weg. Im Frühjahr flossen zwar Soforthilfen, die später vielfach aber wieder zurückgezahlt werden mussten – weil es in einem längeren Zeitraum insgesamt doch nicht so schlecht lief, wie befürchtet. Anspruch auf die Dezemberhilfen haben Friseure nicht, weil sie den halben Monat noch arbeiten konnten. Erst im Laufe diesen Monats dürfen die Finanzspritzen der Überbrückungshilfe III beantragt werden, dann sollen Abschlagzahlungen fließen und im März der Rest. Es sei zwingend notwendig, die beschlossene Überbrückungshilfe III der Bundesregierung nicht nur vorzuziehen, sondern vor allem an die Erfordernisse des Friseurhandwerks anzupassen. Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks fordert deshalb bei den Überbrückungshilfen III eine Bewertung auf Wochenbasis. Nur so wird die tatsächliche Umsatzsituation in den Salons erfasst“, sagt Müller. Darüber hinaus müsse es eine direkte Bezuschussung der Friseure geben, um zum Beispiel die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen nicht weiter zu gefährden. Und auch über eine Neubewertung der Mehrwertsteuer auf Friseurdienstleistungen sollte jetzt nachgedacht werden.

„Alle Rücklagen sind aufgebraucht, teilweise auch die Altersvorsorge – es geht um Existenzen“, bestätigt auch Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Mit Blick auf die Schließungen: „Jeder Tag verschlimmert die Lage noch weiter.“ Es dauere zu lang, bis Corona-Hilfen ankommen, und dann kompensierten sie nur einen viel zu kleinen Teil der Umsatzeinbußen. Eine Perspektive sei nötig, wann wieder aufgemacht werden könne.

Corona-Gipfel soll für Klarheit sorgen

Doch es gibt noch ein kleines Licht am Ende des Tunnels: Die Infektionszahlen gehen immer weiter runter. Schon bald könnte es Lockerungen geben. Zunächst sprechen Kanzlerin Angela Merkel und die Länder-Chefs am 10. Februar über die Corona-Lage. „Wir können nicht sofort wieder alles aufmachen, sondern müssen Prioritäten setzen“, sagt Merkel. Dies seien für sie die Kitas und Schulen. An nächster Stelle sieht Merkel die Friseure und den Einzelhandel. Aber man müsse vorsichtig sein: Wenn Deutschland zu schnell zu viel öffne, habe man das Ergebnis eines erneuten exponentiellen Wachstums.

Die Aussage der Bundeskanzlerin stimmt das Friseurhandwerk hoffnungsvoll: „Ein rascher Re-Start der Salons ist jetzt existenziell, um viele Friseurbetriebe zu retten“, sagt Esser. Ansonsten befürchtet der Präsident eine weitreichende Insolvenzwelle. Zumindest eine klare Perspektive erwartet er. Der Bund hat viele Milliarden Euros ausgegeben, aber für das Friseurhandwerk bisher noch nichts.

Auch die Kao Gruppe, führendes globales Konsumgüterunternehmen und einer der größten Anbieter salonexklusiver Haarkosmetik, fordert im Vorfeld des anstehenden Bund-Länder-Gipfels stärkere staatliche Unterstützung für die Friseurbranche. Kao beliefert allein in Deutschland über 9000 Friseursalons. „Friseure sind eine wesentliche Säule des Deutschen Mittelstands und viele von ihnen stehen mangels staatlicher Hilfen bereits jetzt vor dem finanziellen Aus“, sagt Stephan Becker, Geschäftsführer Kao Salon Division Deutschland, Österreich, Schweiz. Deshalb müsse bei den Beschlüssen der Bund-Länder-Schalte rund um die möglichen Lockerungsmaßnahmen die Wiedereröffnung der Friseursalons priorisiert werden.

Aber: Eine Öffnung unter noch strengeren Hygienevorschriften als zuletzt, wie beispielsweise einer Testpflicht vor dem Friseurbesuch, so wie in Österreich, würde der Branche wirtschaftlich kaum helfen. Aufgrund mangelnder Testkapazitäten wäre dies schwer umzusetzen und würde viele Kunden von einem Friseurbesuch abhalten. Für Friseursalons wäre das ein zweischneidiges Schwert. Zum einen würden sie aufgrund schärferer Restriktionen weniger Umsatz generieren, zum anderen wären sie zur Wiederöffnung gezwungen, da sie ansonsten von weiteren finanziellen Hilfen ausgeschlossen würden.

Da die versprochenen Gelder bisher vielerorts nicht angekommen sind, sollten auch die Überbrückungshilfen für die Friseurbranche genauer auf die individuelle Situation zugeschnitten werden und so schnell wie möglich und unbürokratisch ausgezahlt werden. Dies wäre einer Öffnung unter noch restriktiveren Bedingungen in vielen Fällen vorzuziehen. „Ansonsten werden wir in der Friseurbranche ein Betriebssterben sehen, welches es so noch nie gegeben hat“, sagt Becker.

Mehr zum Thema: Eine Branche profitiert von der Krise besonders: die Schattenwirtschaft. Ökonom Friedrich Schneider sagt, wie viel durch Schwarzarbeit erwirtschaftet wird.