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Früher reiste er mit den Geissens um die Welt – heute will er mit Kartons die Logistikbranche verändern

Simple Idee, saftige Umsätze: Sebastian Welp geht davon aus, mit recyclebaren Lagerkisten 2023 rund sechs Millionen Euro umzusetzen. Im nächsten Jahr will er in die USA expandieren. - Copyright: Lagerkarton
Simple Idee, saftige Umsätze: Sebastian Welp geht davon aus, mit recyclebaren Lagerkisten 2023 rund sechs Millionen Euro umzusetzen. Im nächsten Jahr will er in die USA expandieren. - Copyright: Lagerkarton

Noch einmal in einem Luxus-Hotel in Miami Beach zu schlafen oder am Gardasee von einem persönlichen Kellner am Tisch bedient zu werden. Das wünscht sich Sebastian Welp schon, wenn er heute aus seinem Büro in Ahaus, NRW, aufs platte Münsterland schaut. Bevor sich der 30-Jährige mit seinem Startup Lagerkarton vor einem halben Jahr selbstständig machte, arbeitete er fünf Jahre lang für die Millionärsfamilie Geiss und ihre TV-Sendung. Bis Ende 2021 kümmerte er sich darum, dass die „Logistik hinter den Drehs“ reibungslos verläuft, indem er für die Familie nahe gelegene Grand-Hotels und Gourmet-Restaurants buchte, Routen per Bentley, Privatjet oder Helikopter plante, Ersatz-Kameras beschaffte und die Unterbringung der Crew organisierte. Er reiste mit Robert und Carmen Geiss sowie den beiden Töchtern um die Welt.

Heute dreht sich bei Welps Firma erneut alles um Logistik – nämlich um die nachhaltige Lagerung von Modeartikeln in Pappkisten. Statt pompösem Jetset-Leben nun also klimaschonender E-Commerce. „Man muss Abstriche machen. Ich habe mich entschieden, lieber etwas Eigenes zu machen“, sagt Welp schulterzuckend. Überhaupt bestreite er momentan jeden Tag mit einem „breiten Grinsen“, denn die Nachfrage nach seinen patentierten Kisten sei groß.

Amazon und Zalando bestellen bis zu 10.000 Lagerkartons pro Woche

Versandriesen wie Amazon, Zalando und About You, der Fußballverein FC Bayern und das Arbeitsbekleidungs-Unternehmen Engelbert Strauss setzen bisher auf Welps Startup. Er profitiert dabei vom Online-Boom: Seit der Pandemie steigen die Umsätze, die Händler mit dem Verkauf von Produkten übers Internet einfahren, rasant. Über 84 Milliarden Euro betrugen sie im Jahr 2022. Gemäß der Prognose des Handelsverbands Deutschland sollen die Umsätze 2023 sogar auf über 89 Milliarden klettern.

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Die Großkunden des Startups würden dem Gründer zufolge pro Woche 5.000 bis 10.000 Lagerkartons bestellen. Neben ökologischen Aspekten – die Lagerkartons bestehen aus recyceltem Altpapier – bestünden für sie preisliche Vorteile, denn Welp verkauft die zusammenfaltbaren Kartons ab zwei Euro das Stück. Im Gegensatz dazu kosten herkömmliche Lagerkisten, die meist aus Plastik oder Metall bestehen, zwischen zehn und 20 Euro. Die Entsorgung ist zudem aufwändig – Kisten müssen geschreddert und eingeschmolzen werden.

Gründer entwickelte faltbaren Karton im Familienbetrieb

Der Gründer betont, dass seine Pappkartons leicht auseinandergesteckt werden können, wenig Platz einnehmen, wenn sie nicht gebraucht werden und mindestens zehn Jahre lang nutzbar sein sollen. Insgesamt sind die Kisten in vier verschiedenen Größen erhältlich und so konzipiert, dass sie gestapelt auf Europaletten passen. Jede Papp-Box hat vorne eine Einlage, sodass Ware einfach herauszunehmen ist. Dem Gründer zufolge decken die Formate 95 Prozent der Kundenanforderungen ab.

Die Idee entwickelte Welp in dem Familienunternehmen seines Vaters, eine Textildruckerei, in der der 30-Jährige vorher seine Ausbildung zum Mediengestalter abschloss. Die Firma bedruckt Arbeitskleidung für verschiedene Großunternehmen wie den Baustoff-Händler Hagebau, Avia Tankstellen, die Deutsche Post und Ikea. Dass Kunstoff-Kisten für die Aufbewahrung von T-Shirts und Hoodies teuer und unpraktisch sind, wusste der Unternehmenserbe aus eigener Erfahrung. „Wir hatten den Anspruch, nicht nur nachhaltig zu verschicken, sondern auch nachhaltig zu lagern. Bislang fehlte aber das passende Produkt auf dem Markt“, sagt Welp. Er wurde selbst kreativ: „Ich habe mit dem Cuttermesser ein bisschen hin und her geschnippelt, bis ich den Prototyp entworfen hatte.“ Das war im Jahr 2014. Die ersten Kartons, die Welp für die Firma seines Vaters erstellte, sollen heute noch stehen.

Kontaktaufnahme per Instagram: Welp baute Youtube-Kanal für die Geissens

Daran, sich mit einem Startup selbstständig zu machen, dachte Welp nicht direkt. Bis zur Gründung vergingen fast acht Jahre, denn Welp zog es für einen Abstecher in die Entertainmentbranche – durch Zufall. Der Mediengestalter beschäftigte sich in der Textil-Firma viel mit Youtube-Merchandise, konnte Videos schneiden, Banner erstellen und kannte sich mit Designs und Layout aus. „Als junger Bursche habe ich mir täglich Videos auf Youtube angeguckt“, erzählt der 30-Jährige. Zudem interessierte er sich für die TV-Sendung der Geissens. „Mir ist aufgefallen, dass die noch keinen Youtube-Kanal haben. Ich habe dann Robert auf Instagram angeschrieben und gefragt, wie es aussieht, ob ich ihnen einen Channel erstellen könnte.“ Der Unternehmer biss an und lud Welp nach Köln ein, wo er in der Produktionsfirma sein Konzept vorstellen sollte. „Drei Wochen später saß ich mit der Familie im Flugzeug.“

Monaco, Kroatien, Italien, Bali und Florida – Welp kam ordentlich herum. Zunächst kümmerte er sich nur um Youtube, dann flog er die Drohe für die TV-Sendung, bis er zum Aufnahmeleiter ernannt wurde und die Organisation der Drehs übernahm. 2021 zog der Westfale dann einen Schlussstrich. „Ich bin total dankbar für die Zeit, aber wollte irgendwann wieder eigenständig sein und selbst festlegen, wann ich wo bin“, so der Gründer. Zurück in den väterlichen Betrieb wollte er aber nicht. Zu jung fühlte er sich und zu sehr reizte ihn die Vorstellung, ein Startup „aus dem Boden zu stampfen.“ Dazu Welp: „Ich wusste, dass mein Vater in der Zwischenzeit sehr viele von den Lagerkartons verkauft hatte, weil Hersteller, Lieferanten und Kunden davon Wind bekommen haben.“

Der Kontakt zu Robert Geiss erwies sich zudem als nützlich: Sowohl persönlich als auch unternehmerisch schienen beide auf einer Wellenlänge. Geiss, der mit seiner Bekleidungsmarke Uncle Sam 1995 einen Millionen-Exit hinlegte. Welp, der einen Bezug zur Textilindustrie hat und das Logistikgeschäft verändern will. „Ich habe mich mit Robert sehr oft über meine Business-Idee ausgetauscht“, sagt der Gründer. „Er hat mir viel mit auf den Weg gegeben, das ich auch teilweise genauso umgesetzt habe. Er hat ein Riesennetzwerk und Wissen.“ Bis heute pflegt Welp mit der Familie ein gutes Verhältnis, schreibt Nachrichten und bekommt Geburtstagsglückwünsche von Carmen. Und wenn dann mal ein Anruf von Robert kommt: „Ich habe da einen Kunden, der würde jeden Monat drei LKW-Ladungen von deinen Kisten nehmen“, dann sagt der Westfale nicht Nein.

Expansion in die USA – Startup wird Amazon direkt beliefern

Seit der Gründung von Lagerkarton im April 2022 habe sich das Geschäft inzwischen zum Selbstläufer entwickelt. Nach Angaben des Gründers nutzen die recyclebaren Kisten aktuell mehr als 1000 Unternehmen. Während er anfangs noch Kunden mit dem Auto abklapperte, erreichen ihn heute Anfragen aus den USA. Auch muss das Startup Bestellungen nicht mehr per Vorkasse finanzieren, sondern hat durch die hohe Nachfrage ein Polster gebildet. Gleichzeitig sinken die Materialkosten: Obwohl im Jahr 2022 noch ein Mangel an Papier bestand und die Preise dafür etwa durch teure Rohstoffe wie Altpapier und Zellstoff und hohe Energiekosten anstiegen, kaufe Welp sein Kartonpapier heute „so günstig ein wie noch nie“.

Anfang nächsten Jahres will Welp in die USA expandieren und dort einen zweiten Standort aufbauen. Gerade erst ist er von einer Tour durch Kalifornien zurückgekehrt, bei der er Lager von Amazon besichtigte. So soll die Zusammenarbeit mit dem Versandhändler vor Ort ausgeweitet werden: „Amazon hat gesagt, dass sie die Kartons so geil finden, dass sie von unserem Sitz in den USA direkt beliefert werden wollen“, so der Gründer.

Damit die Wachstums-Strategie gelingt, hat Welp auch einen ersten externen Investor an Bord geholt. Die Thielemann Group aus Düsseldorf beteiligt sich fortan mit einer sechsstelligen Summe an dem Startup. Ob auch Robert Geiss einmal einsteigen wird, vermag Welp nicht zu sagen. Zumal der Unternehmer mit Startup-Investments nicht die beste Erfahrung gemacht habe. Dafür betont er: „Über ein Netzwerk Kunden zu gewinnen, ist manchmal mehr wert als eine rein finanzielle Beteiligung.“ In diesem Jahr rechnet der 30-Jährige mit Umsätzen zwischen fünf und sechs Millionen Euro, ab 2024 sollen sie dann im zweistelligen Millionenbereich liegen. „Das sind die Ziele, und das wird auch so passieren“, ist sich der Gründer sicher.