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Ford baut in Köln sein erstes europäisches Elektroauto und investiert eine Milliarde Euro

Menzel, Stefan
·Lesedauer: 6 Min.

Die Europatochter von Ford plant ab 2023 in Köln ihr erstes rein elektrisches Modell. Bis 2030 will die Marke aus den Verbrennungsmotoren aussteigen. Dabei hilft Volkswagen.

Fiesta-Produktion im Kölner Ford-Werk: Wo jetzt noch der Kleinwagen montiert wird, laufen in wenigen Jahren nur noch E-Autos vom Band. Foto: dpa
Fiesta-Produktion im Kölner Ford-Werk: Wo jetzt noch der Kleinwagen montiert wird, laufen in wenigen Jahren nur noch E-Autos vom Band. Foto: dpa

Ford macht sein Werk in Köln zum Zentrum seiner europäischen Produktion von Elektroautos. Der US-Autohersteller investiert dafür in den kommenden zweieinhalb Jahren eine Milliarde Dollar am Standort Köln. Dort beginnt Anfang 2023 die Produktion des ersten rein europäischen Elektromodells von Ford, das der Konzern mithilfe des deutschen Partners VW entwickelt. „Wir unternehmen den ersten Schritt unserer Reise in die Elektrowelt“, sagte Ford-Europachef Stuart Rowley am Mittwoch in einem Pressegespräch.

Rowley kündigte zugleich den vollständigen Rückzug von Ford Europa aus der Welt der Verbrennungsmotoren an. „Im Jahr 2030 wird es bei Pkws ausschließlich rein batterieelektrische Fahrzeuge geben“, betonte er. Dann will Ford in Europa auch keine Plug-in-Hybride mehr verkaufen. Als ersten Zwischenschritt werde es bei Ford bis Mitte 2026 ausschließlich mindestens teilelektrisierte Modelle und keine reinen Verbrenner mehr geben.

Bei leichten Nutzfahrzeugen wie Transportern und Kleinbussen lässt sich Ford mit der vollständigen Elektrifizierung des Modellangebots etwas länger Zeit. Im Jahr 2030 sollen dann mindestens zwei Drittel aller verkauften leichten Nutzfahrzeuge mindestens einen Plug-in-Hybrid-Antrieb haben oder vollständig elektrisch fahren. Wegen des höheren Gewichts der Fahrzeuge spielt der Dieselantrieb bei Transportern eine größere Rolle als bei Pkw. Ford braucht mehr Zeit, um die Antriebe komplett und durchgängig zu elektrifizieren.

Mit dem beschleunigten Elektrifizierungsplan reagiert Ford Europa auf jüngste politische Entscheidungen. So will Großbritannien von 2030 an auf Verbrenner-Pkws verzichten. Großbritannien ist der wichtigsten Markt für Ford Europa. Mit dem neuen „Green Deal“ will auch die Europäische Kommission klimaschädliche Kohlendioxid-Emissionen schneller reduzieren. Das macht eine verstärkte und beschleunigte Produktion von Elektroautos erforderlich.

Ford gilt bei der Fertigung von E-Autos bislang als branchenweiter Nachzügler. In diesem Jahr beginnt der US-Konzern in Europa mit dem Verkauf des ersten reinen Elektromodells. Der Mustang Mach-E ist allerdings ein Importmodell, das aus Nordamerika kommt. Ein speziell auf Europa zugeschnittenes Elektroangebot hat es bei Ford bislang nicht gegeben.

Enge Zusammenarbeit mit VW

Um Geld zu sparen und verlorene Zeit aufzuholen, kooperiert Ford Europa eng mit dem Volkswagen-Konzern. Der Wolfsburger Hersteller wird quasi zum Zulieferer von Ford und verkauft seine Elektro-Plattform („MEB“) an den Wettbewerber aus Köln. In der ersten Stufe hat der Vertrag ein Volumen von rund zehn Milliarden Euro, könnte sich später aber noch verdoppeln. Ford und VW haben eine Vereinbarung über die Lieferung von zunächst 600.000 MEB-Plattformen getroffen. Die Vereinbarung läuft über sechs Jahre, also für rund 100.000 Autos jährlich.

Ford und Volkswagen verhandeln über eine Ausweitung des Geschäfts mindestens auf ein zweites Modell. Sollte sich Ford tatsächlich für ein weiteres E-Autos entscheiden, würde sich das Auftragsvolumen für Volkswagen auf 20 Milliarden Euro verdoppeln. Rowley wollte sich dazu nicht weiter äußern. Details sollen seinen Angaben zufolge in den kommenden Monaten bekannt gegeben werden. Auch Volkswagen äußerte sich nicht dazu.

„Wir etablieren unseren MEB damit mehr und mehr als Standard in der E-Mobilität, auch über den Konzern hinaus“, sagte VW-Markenchef Ralf Brandstätter dazu. Durch die Öffnung der E-Plattform von Volkswagen für andere Hersteller beschleunigten sich die Skaleneffekte und die damit verbundene Senkung der Kosten für die E-Mobilität deutlich.

Frühestens 2024 könnte ein zweites Ford-Modell für Europa auf den Markt kommen, das ebenfalls auf einer VW-Basis entsteht. „Wo das erste E-Auto gebaut wird, da geht auch das zweite hin“, hieß es dazu aus Unternehmenskreisen. Mit einem zweiten E-Modell wäre auch das Kölner Ford-Werk in Zukunft ausgelastet. Dort läuft bislang der Kleinwagen Fiesta vom Band. In einer Übergangszeit sollen von 2023 an in Köln gleichzeitig Fiesta und das neue E-Modell produziert werden.

Auch wenn Ford viele Bauteile von VW bezieht, soll das Fahrzeug einen Ford-typischen Charakter bekommen. „Das Auto wird kein VW. Es wird sich deutlich abheben und unser typisches Design sowie die Ford-Fahrdynamik haben“, erklärte Rowley. Für Ford sei es in Europa wegen der vergleichsweise kleinen Stückzahlen günstiger, die MEB-Plattform von Volkswagen zu beziehen, als selbst eine Fahrzeugplattform zu entwickeln.

Personalabbau bei Ford in Köln geht weiter

„Ford setzt ein Signal, dass in Sachen Elektromobilität in Europa jetzt endlich etwas passiert“, sagte Stefan Bratzel, Professor am Center of Automotive Management (CAM) der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Der US-Konzern sei bei Elektroautos im Vergleich zu anderen Herstellern „ein klarer Nachzügler“.

Das zeige sich allein schon daran, dass Ford für sein europäisches Angebot Elektroplattformen von Volkswagen beziehe und nicht selbst entwickelt habe. Mit der Ankündigung, von 2030 an nur noch Batterie-Pkws zu produzieren, setze sich Ford bei der Umstellung auf Elektromobilität allerdings an die Spitze der Autobranche.

Das erste E-Auto könne für Ford nur ein erster Schritt sein, um einen umfassenden Einstieg in die Elektromobilität in Europa zu erreichen, ergänzte Bratzel. Mit einem E-Modell sei die Fabrik in Köln gerade einmal zur Hälfte ausgelastet. Deshalb müsse dort mindestens ein weiteres Elektroauto produziert werden.

Die Zukunft des zweiten deutschen Ford-Werks in Saarlouis sei damit überhaupt noch nicht geklärt. „Auch Saarlouis braucht etwas Elektrisches, wenn es dort weitergehen soll“, betonte Bratzel. Allein mit Verbrennermodellen bleibt die Zukunft des Werks ungewiss. In Saarlouis läuft 2025 die Produktion des Focus aus.

Bratzel sieht den Zukauf der MEB-Elektroplattform von Volkswagen nur als Übergangslösung. „Ford braucht auf Dauer eine eigene Lösung“, so Bratzel. Eine einheitliche Lösung für den gesamten Konzern in den USA und in Europa sei der richtige Weg. Ford müsse seine Elektroaktivitäten gerade auch auf dem amerikanischen Heimatmarkt verstärken und dort eine E-Plattform entwickeln, die sich genauso in Europa einsetzen lasse. „Ford muss nachlegen, das hat Konzernchef Jim Farley gerade selbst bestätigt“, betonte Bratzel.

Ford-Betriebsratschef Martin Hennig freute sich über die Entscheidung. „Für uns in Köln sprechen unter anderem die hohe Facharbeiterdichte, die exzellente Produktentwicklung und unsere Flexibilität in der Fahrzeugfertigung“, sagte er. Hennig wies zugleich darauf hin, dass der Einstieg in die Elektromobilität für Ford in Köln nicht unbedingt einfach werde.

Im Werk werde es „noch weitere Einschnitte in der Personalstruktur geben“, Ford werde den Personalabbau fortsetzen. Verantwortlich sei dafür ein grundlegender Unterschied: In der Fertigung von Elektroautos wird weniger Personal gebraucht als bei Verbrennermodellen.

Hennig sprach auch davon, dass zunächst nur Köln eine klare Zukunftsperspektive bekommen habe. „Wir können uns jetzt also nicht zurücklehnen, sondern müssen weiter solidarisch für alle unsere europäischen Standorte kämpfen“, betonte der Betriebsratsvorsitzende. Außer in Köln und Saarlouis betreibt Ford noch Werke in Spanien, Rumänien und Großbritannien.