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Finanzskandal im Vatikan: Papst Franziskus und das Geld

Gegner des Papstes sehen im Finanzskandal ein Zeichen seines Versagens im Reformprozess. Für die Mitstreiter beginnt der Umbau jetzt erst richtig.

Papst Franziskus will die Finanzinstitute des Vatikans reformieren. Foto: dpa

Weihnachten? Das ist, wenn am 25. Dezember um Schlag 12 Uhr die große Flügeltür über dem Portal des Petersdoms aufgeht und der Papst den Gläubigen auf dem Platz zuwinkt. Zumindest für die 1,3 Milliarden Katholiken auf der Welt. So auch in diesem Jahr: Viele Fernsehsender der Welt haben live übertragen, als Franziskus den Segen „urbi et orbi“ gesprochen hat – der Stadt und dem Erdkreis.
Zum siebten Mal hat er das nun schon gemacht. Gerade ist Franziskus 83 Jahre alt geworden. Er arbeitet ohne Pause, Ferien gibt es nicht. Er hat präzise Positionen zu den großen Themen der Weltpolitik, kritisiert deutlich die Flüchtlingspolitik oder mahnt nachhaltiges Wirtschaften an.

Von Anfang an wurde das Kirchenoberhaupt aus Argentinien für den eingeschlagenen Reformkurs kritisiert. Es sind die Bewahrer und Blockierer in der Kurie, die gegen Änderungen sind. Vor allem, wenn es um Geld geht. Der Kirchenstaat versucht seit etwa zehn Jahren, internationale Bestimmungen zum Kampf gegen Geldwäsche umzusetzen und die Vatikanbank IOR zu reformieren. Dazu wurde unter anderem die Finanzaufsicht AIF eingerichtet.

Gerade diese Behörde ist im Oktober in den Fokus eines neuen Finanzskandals geraten. Denn offensichtlich hatten all die extra neu eingerichteten Aufsichtsbehörden zum Erreichen von mehr Transparenz bei den Finanzen des Vatikans versagt.

Die Etappen des Skandals: Anfang Oktober durchsuchte die vatikanische Staatsanwaltschaft unangemeldet das Staatssekretariat des Vatikans und die Büros der Finanzaufsicht und beschlagnahmte Computer und Dokumente. Dann wurden fünf Mitarbeiter suspendiert, darunter der Direktor der Finanzaufsicht AIF.

Ihre Namen und Fotos und eine Kopie der internen Dienstanweisung der Gendarmerie tauchten am Tag darauf trotz des Amtsgeheimnisses in den Zeitungen auf. Als Folge reichte der Polizeichef des Vatikans, Domenico Giani, seinen Rücktritt ein.

Immobilie im Fokus

Und es ging weiter mit den Personalien: Der Vertrag des Chefs der AIF wurde nicht verlängert. Zwei Tage später legte ein Mitglied des Verwaltungsrats der AIF aus Protest sein Mandat nieder und kurz danach trat auch die Büroleiterin beim Präfekten des Wirtschaftssekretariats zurück.

Der Skandal dreht sich um eine Immobilie in London, eine ehemalige Harrods-Filiale in Chelsea, die zu Luxuswohnungen umgebaut werden soll. Das vatikanische Staatssekretariat hatte die Immobilie seinerzeit erworben, von einem dreistelligen Millionenbetrag ist die Rede, und sich dann verspekuliert. Die Vatikanbank IOR, das Istituto per le Opere Religiose, wurde um einen Kredit gebeten.

Die fünf suspendierten Vatikan-Mitarbeiter warten seit Oktober auf ihre Vernehmung, gegen sie wird wegen Unregelmäßigkeiten beim Erwerb der Immobilie ermittelt. Doch welche Vorwürfe ihnen genau gemacht werden, wurde noch nicht veröffentlicht. Mit solchen Meldungen hält sich der Vatikan sehr bedeckt. Die Spekulationen nehmen entsprechend zu. „Ein Fall wie das Immobiliengeschäft in London ist sehr schädlich für den Ruf der Kirche“, meint der Ökonom Giulio Sapelli.

„Ganz im Gegenteil“, sagt Mimmo Muolo, Buchautor und Vatikan-Experte der katholischen Tageszeitung „Avvenire“, „denn dieses Mal kam die News direkt vom Papst, das ist ganz neu.“ Er ist nicht der Einzige, der auf die Beharrlichkeit von Franziskus hinweist. Ein Kardinal hat einmal gesagt, Franziskus gelte als jemand, der stets verbindlich sei, aber seine Strategie ohne Kompromisse durchziehe. Bei seinem Ziel der Transparenz mache er keine Abstriche, meint Muolo.

Es war auf dem Flug zurück von der Reise nach Thailand und Japan Ende November. Bei der improvisierten Pressekonferenz im Flugzeug wurde Papst Franziskus deutlich. „Es hat hässliche Dinge gegeben, aber der Vatikan muss jetzt untersuchen“, sagte er ins Mikrofon, und wörtlich „es gab Fälle von Korruption da drinnen“. Er selbst habe die Anweisung zur Untersuchung gegeben.

Wieder in Rom besetzte er drei Schlüsselposten neu. Chef der Finanzaufsicht wird Carmine Barbagallo, ein Finanzexperte, der von der Banca d’Italia, der italienischen Notenbank, kommt und bis Sommer die Bankaufsicht dort leitete. Neuer Präfekt des Wirtschaftssekretariates wird der spanische Wirtschaftswissenschaftler und Jesuit Juan Antonio Guerrero Alves. Und auch die dritte Neubesetzung gilt als Garant dafür, dass die Reformarbeit weitergeht. Giuseppe Pignatone, ein berühmter Mafiajäger und bis vor Kurzem Generalstaatsanwalt in Rom, wird Präsident des Vatikan-Gerichts. „Eine bessere Wahl konnte der Papst nicht treffen“, kommentiert Carlo Marrono, Vatikanexperte des „Sole 24 Ore“.

Zurück zu den Gegnern. Einer der prominentesten Kritiker ist Gianluigi Nuzzi, der eine wöchentliche Enthüllungssendung im Berlusconi-Fernsehen hat, in der es nicht zimperlich zugeht. Und er hat gerade sein fünftes Skandalbuch über den Vatikan herausgebracht. „Giudizio universale“, „Das Jüngste Gericht“, wie Michelangelos Kopfbild in der Sixtinischen Kapelle, heißt das Werk. Seine These: Der Vatikan ist pleite.

Kein Haushaltsbericht

Meist steckt viel Luft in den Werken des selbst ernannten Inquisitors, der sich gern in Szene setzt. Wegen eines seiner Bücher während der „Vatileaks“-Affäre 2015 stand er sogar vor dem Vatikan-Gericht. Ihm wurde die Veröffentlichung geheimer Papiere vorgeworfen, das Gericht sprach in dann jedoch frei. Auch dieses Mal ist viel Interpretation und Effekthascherei im Spiel. Denn dass die Kirche auf Sparkurs gehen muss, ist seit Langem bekannt.

Seit Jahren veröffentlichte der Vatikan keinen Haushaltsbericht, doch von dem chronischen Defizit wissen alle. Es gibt keine Vorausplanungen und keine mittelfristigen Finanzaufsichten, dazu kommt in diesem Jahr, dass aus den Vereinigten Staaten weniger Geld fließt, seit die Diözesen dort hohe Entschädigungen an Missbrauchsopfer zahlen müssen.

Nuzzi behauptet auch, dass für die Immobilie in Chelsea der „Peterspfennig“ eingesetzt worden sei, also das Geld der Gläubigen für die Kirche. Auch darauf antwortete der Papst direkt auf dem Flug von Tokio nach Rom: Investitionen in Immobilien seien nicht ehrenrührig, denn wenn sie mit Gewinn verkauft würden, käme das den Armen zugute.

Setzt man die Teile des Puzzles zusammen, ergibt sich ein klares Bild. Der Papst hat die Kirche im Griff und arbeitet an der Kontrolle der Finanzen. Aber er hat Probleme bei der Umsetzung und die Reform zieht sich hin. Er wolle eine Erneuerung, auch wenn er dafür keinen sichtbaren Plan habe, erklärt Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der den Papst gut kennt. Der Papst gehe auf andere Weise vor, wolle viele Menschen integrieren und nicht von oben eine Reformagenda durchsetzen. Auch wenn sein Weg mühsam sei, bringe er Prozesse in Gang.

Finanz-Richtlinien

Wie diesen: Kurienkardinal Peter Turkson, eine der Schlüsselpersonen in Rom und Chef des Dikasteriums für ganzheitliche menschliche Entwicklung kündigte an, dass der Vatikan „bald“ ein Dokument mit Richtlinien für den Umgang mit Finanzen und für die kirchliche Vermögensverwaltung veröffentlichen werde. Und ohne das Skandalbuch von Nuzzi zu erwähnen, sagte er: „Die Polemiken rund um die Vatikanfinanzen sind schon fast zyklisch.“

Papst Franziskus habe sich ein solches Dokument „sehr gewünscht“, so der Kardinal im Gespräch mit der Wochenzeitschrift „Famiglia Cristiana“: „Der Papst will so viel Transparenz wie möglich bei der Finanz- und Vermögensverwaltung, und dass sie nach christlichen ethischen Kriterien vorgenommen wird.“

Das Dokument soll „gemeinsame Kriterien für den Umgang mit den Finanzressourcen auflisten“ und sowohl für die vatikanischen Behörden als auch für die Finanzverwaltungen der Bistümer weltweit gelten. Nicht nur Turkson beklagt, dass Behörden im Vatikan in Finanzdingen nicht zusammenarbeiteten oder nach unterschiedlichen Kriterien vorgingen. Das soll nun vereinheitlicht werden – der nächste Schritt der Reform.

Für Beobachter von außen ist es ungewohnt, sich auf die Ausdrucksweise und das Tempo der Kirche einzulassen, die nicht mit einem Industrieunternehmen oder einem Finanzinstitut zu vergleichen ist. Fakten wie die Neubenennungen und die Ankündigung des Dokuments, mit dem das Gegeneinander der kirchlichen Behörden beendet werden soll, sind für Kirchenexperten aber deutliche Indizien, wohin es geht. „Franziskus ist ein Sämann, die Ernte kommt später“, bemerkt der Vatikan-Experte Marco Politi.

Beim Papst heißt das so: „Tradition ist nicht statisch, sie ist dynamisch“, sagte er den Mitarbeitern der Kurie beim Weihnachtsgruß.