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Finanzprofessor Wieandt: „Die Folgen für das Finanzsystem werden unterschätzt“

Nach Ansicht des Finanzprofessors und Ex-HRE-Chefs Axel Wieandt ist die Bankbranche nicht ausreichend auf die Coronakrise vorbereitet.

„Die Banken, vor allem die europäischen, sind aber auch durch zehn Jahre Niedrig- und Minuszinsen geschwächt.“ Foto: dpa

Als ehemaliger Chef der Hypo Real Estate gehört Axel Wieandt zu den Bankern, die bei der Bekämpfung der Finanzkrise vor zwölf Jahren in der ersten Reihe standen. Heute lehrt der Manager als Finanzprofessor an der Wirtschaftsuniversität WHU. Wieandt fürchtet, dass die Coronakrise in eine neue Finanzkrise münden könnte und er warnt vor einer leichtfertigen Ausweitung der Kreditvergabe durch die Banken.

Herr Wieandt, erwarten Sie, dass auf die Coronakrise eine neue Finanzkrise folgt?
Ich fürchte, dass die Folgen der Pandemie für die Stabilität des Finanzsystems unterschätzt werden. Erst einmal wird die Coronakrise die Realwirtschaft treffen, danach dann aber auch die Banken. Auch in der Finanzkrise vor zwölf Jahren hat sich erst im Laufe der Zeit gezeigt, wie schwerwiegend die Schäden für die Realwirtschaft wirklich waren. Dieses Mal dürfte der Schock noch größer ausfallen als 2008/2009, weil anders als damals die Krise auch Asien trifft, und die Verschuldung in der Weltwirtschaft liegt um 40 Prozentpunkte höher.

Damals waren die Banken der Auslöser der Krise, heute gehören sie zu den Opfern. Im ersten Quartal sind zwar einige deutsche Geldhäuser in die roten Zahlen gerutscht, insgesamt zeigen sich die Manager aber noch zuversichtlich.
Die Coronafolgen treffen die Banken erst mit Zeitverzögerung. Ab dem Herbst könnte eine Welle von Insolvenzen und Kreditausfällen die Bilanzen schwer belasten. Auf ein Ausnahmeereignis wie die Coronakrise ist die Branche nicht vorbereitet, weil eine Pandemie für das Risikomanagement keine Rolle gespielt hat.

Aber die Geldhäuser haben doch seit der Finanzkrise deutlich dickere Kapitalpuffer aufgebaut und gehen sehr viel robuster in die Krise als 2008. Genügt das nicht?
Die Banken, vor allem die europäischen, sind aber auch durch zehn Jahre Niedrig- und Minuszinsen geschwächt. Eigentlich hätten die Banken in den vergangenen Jahren noch deutlich mehr Eigenkapital aufbauen müssen, um auf eine derart schwere Krise vorbereitet zu sein. Jetzt zeigt sich auch, dass die Szenarien für die Stresstests der europäischen Aufseher zu zahm waren.

Sehen Sie noch weitere Versäumnisse?
Die Europäische Zentralbank hätte stärker auf den Abbau der ausfallgefährdeten Kredite drängen sollen. Auf diesem Gebiet ist zwar einiges passiert, aber die europäischen Banken haben noch immer rund 500 Milliarden Euro an so genannten Non Performing Loans in ihren Büchern. Außerdem hätte die EZB mehr Abwicklungen und Übernahmen in der Branche forcieren sollen. Dann gäbe es heute weniger schwache Banken in Europa, und die Gefahr wäre geringer, dass das Misstrauen gegen schwächere Geldhäuser auch stärkere Institute ansteckt.

Bislang gibt es noch kaum Indizien für eine Vertrauenskrise im Finanzsystem. Wie groß ist denn nach Ihrer Meinung die Gefahr einer Ansteckungskette?
Wenn die Kreditverluste wirklich so hoch ausfallen, wie befürchtet, wird das auf den Börsenwert der Banken durchschlagen. Dann könnte sich auch rächen, dass die Eigenkapitalanforderungen für die Branche deutlich gelockert wurden, um die Banken dazu zu bringen, in der Coronakrise die Unternehmen mit Krediten zu unterstützen.

Wie ließe sich eine mögliche Vertrauenskrise verhindern?
Der Staat sollte die Banken nicht zu einer unüberlegten Ausweitung der Kreditvergabe drängen, vielmehr sollten die Institute nach marktwirtschaftlichen Kriterien entscheiden. Vielleicht ist manchmal eine schnelle Insolvenz besser, bei der die Banken die Kontrolle über das Eigenkapital der Unternehmen übernehmen, und die Sanierung mit neuer Kapitalstruktur vorantreiben. Dabei würden auch schnellere und einfachere Insolvenzverfahren helfen.

Würde das reichen?
Meiner Meinung nach braucht das gesamte System mehr Eigenkapital statt mehr Schulden. Es zeichnet sich ab, dass sich die Wirtschaft nicht so schnell erholen wird, wie zu Beginn der Pandemie von vielen erhofft. Das bedeutet, dass die Unternehmen Probleme bekommen werden, die Kredite zurückzuzahlen, die sie aufgenommen haben, um Liquiditätsprobleme zu überbrücken. Das würde wiederum auf die Banken durchschlagen. Schuldenmoratorien helfen in einer solchen Situation nicht wirklich weiter, besser wären in der aktuellen Situation Schuldenschnitte.

Das wäre ein radikaler Schritt.
Ja, aber die Finanzkrise hat gezeigt, dass es sich lohnt sich auf den schlimmsten Fall vorzubereiten. Dann kann man noch immer auf das Beste hoffen.