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„FAZ“ antwortet auf Rezo-Video: Ein Lehrstück über Journalismus

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kritisiert die „Zerstörung der Presse“ des Youtubers Rezo – und liefert gutes Schulungsmaterial in Sachen Medienkompetenz.

HANDOUT - 22.05.2019, ---: Die undatierte Aufnahme zeigt den YouTuber Rezo. (zu dpa «Youtuber Rezo legt mit neuem Video nach») Foto: Privat/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa

Es ist die ausführlichste Analyse des Videos „Die Zerstörung der Presse“ des Youtubers Rezo, die es derzeit in der deutschen Presselandschaft gibt: Der Redakteur Constantin van Lijnden von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“) hat mit einigen Kollegen die einstündige Medienkritik des Internet-Bloggers seziert. Das Ergebnis präsentiert er nicht nur in einem langen Artikel, sondern auch in einem 30 Minuten langen YouTube-Video.

Dabei versucht von Lijnden gar nicht erst die FAZsche Sprödigkeit mit Youtubscher Fetzigkeit zu kaschieren, sondern klärt durch klare und teils recht deutliche Sprache auf, welche Unzulänglichkeiten ihm und seinem Team aufgefallen sind.

Rezo hatte in seinem Video nach eigener Aussage Missstände in der Presse herausarbeiten wollen, „um diese zu lösen“. „Missstände, die – wenn wir sie ignorieren würden, nicht darüber reden – genau dazu beitragen, dass das Vertrauen oder der Respekt und eben damit auch die Glaubwürdigkeit gegenüber der Presse abgebaut oder ganz zerstört wird.“

Van Lijnden lobt Rezo dann auch dafür, dass er über die fragwürdigen Praktiken der Regenbogen- und Boulevardpresse aufklärt, und sagt, dass Journalisten „vieles besser machen können“. Dann aber geht er detailliert auf Rezos Faktencheck ein und kommt zu dem Schluss, dass auch Rezo mit seinen Übertreibungen zu einem Verfall des Vertrauens in die Medien beitrage, die er selbst beklagt.

Für den Faktencheck hatte Rezo mit einem Mitglied seines Teams Artikel über ihn aus dem Jahr 2019 nach Falschbehauptungen durchkämmt. Die „FAZ“ kam dabei besonders schlecht weg: 67 Prozent der Artikel enthielten demnach Fehler, auch die die „Welt“ (54 Prozent) und die „Bild“ (52 Prozent) sahen nicht gut aus. Rezos Fazit: „Nach der Statistik sind FAZ, Bild und Welt die unglaubwürdigsten Quellen.“ Während das „Handelsblatt“ diesen Faktencheck in einer kurzen Analyse als „penibel“ bezeichnete, wird van Lijnden deutlicher: Rezo erzähle „kompletten Unsinn“.

So stellt van Lijnden etwa heraus, dass es sich oft nicht um Falschbehauptungen, sondern um Meinungsverschiedenheiten handele. Rezo kreidet etwa an, dass in einem Artikel unterstellt wird, Figuren wie er inszenierten ihre Authentizität nur, es sei alles nur „ein großes Fake-Schauspiel“. Das sei Rezo zufolge „Bullshit“: „Nicht jeder Youtuber“ sei fake und nicht „jede authentische Wirkung inszeniert“. 

Der „FAZ“-Redakteur widerspricht dem auch gar nicht: „Nirgendwo wird behauptet, dass das auf alle professionellen Youtuber zuträfe.“ Zudem sei das Wort „inszenieren“ auch korrekt verwandt: Laut Duden.de bedeutet es, einen Film „technisch und künstlerisch vorbereiten, gestalten und leiten“. Genau das mache Rezo in seinem Video. Am Ende sei es eine „Betrachtungs- und Beurteilungsfrage“.

Was van Lijnden allerdings unterschlägt ist eine weitere Duden-Definition, die in seinem Video eingeblendet ist. Danach bedeutet „inszenieren“ eben auch: „geschickt ins Werk setzen, organisieren, einfädeln“. Dieses werde „oft abwertend“ gebraucht. Van Lijnden hätte darauf genau so eingehen können wie auf Rezos Aussage, hinter Influencern stehe keine „Bearbeitungs- und Marketingmaschinerie“. Schließlich gibt es sehr wohl große Firmen, die sich mit der Reichweite ihrer Netzpromis rühmen. Auf eine Anfrage via Twitter und Mail dazu hat van Lijnden bislang nicht reagiert. Es ist aber auch, zugegebenermaßen, eine sehr spitzfindige Kritik.

An vielen Stellen ist das Video sehr entlarvend: etwa wenn ein Audio-Mitschnitt eine Behauptung von Rezo exakt widerlegt, wenn eine Falschbehauptung sich als kleiner Zitierfehler herausstellt und wenn sich die Zahl der „FAZ“-Artikel über Rezo im Archiv von der Zahl massiv unterschiedet, von der der Youtuber gesprochen hat.

Natürlich lässt sich aber auch über dieses Video wieder trefflich streiten. In den Kommentaren auf Youtube und Twitter hat das schon begonnen. Nichts desto trotz ist es äußerst sehenswert. 

Wer Rezos Video als gutes Schulungsmaterial zum Thema Medienkompetenz empfiehlt – wie es in letzter Zeit zuhauf geschah –, sollte daher auch immer das Video der „FAZ“ mitempfehlen. Schließlich lässt sich aus diesem digitalen Schlagabtausch viel über Pluralismus und Journalismus lernen. Und wenn Schulen und andere Bildungsinstitutionen diese Empfehlung wirklich beherzigen, hat Rezo am Ende vielleicht wirklich dazu beigetragen, das Vertrauen, den Respekt und damit die Glaubwürdigkeit in die Medien zu stärken.

Hier das komplette Video der Kollegen: