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Für viele Reiseanbieter wird es 2021 eng: Es drohen Insolvenzen

Schlautmann, Christoph
·Lesedauer: 4 Min.

Die leidgeprüften Urlaubsveranstalter hoffen auf die aufgestaute Reiselust der Deutschen. Für viele Pauschalanbieter und Reisebüros wird es dennoch nicht reichen.

Bis die Rekordumsatzwerte der Reiseveranstalter aus dem Urlaubsjahr 2019 wieder erreicht werden, dürfte es dauern. Foto: dpa
Bis die Rekordumsatzwerte der Reiseveranstalter aus dem Urlaubsjahr 2019 wieder erreicht werden, dürfte es dauern. Foto: dpa

Mit dermaßen leeren Firmenkassen sind Deutschlands Reiseveranstalter noch nie in ein neues Urlaubsjahr gestartet: Kurzarbeit, Gutschein-Lösungen für stornierte Pauschalreisen und Hilfen der Bundesregierung konnten 2020 die Löcher bei Weitem nicht stopfen, die der Lockdown im Frühjahr und die zahlreichen Reisewarnungen für Urlaubsziele rund um den Globus gerissen haben.

Zwischen Anfang November 2019 und Ende Oktober 2020, so ermittelte das Marktforschungsunternehmen Travel Data + Analytics (TDA), sank der Umsatz mit Pauschalurlauben in Reisebüros und auf Onlineplattformen um 67 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In den Sommermonaten, üblicherweise die Hauptsaison der Deutschen, erodierten die Erlöse sogar um 81 Prozent. 28 Milliarden Euro Umsatz gingen der Branche seit März verloren.

Und die Aussichten bleiben denkbar trübe: Im Jahr 2021 ist eine Besserung der Lage trotz der global anlaufenden Corona-Impfungen zunächst kaum in Sicht.

In der derzeit laufenden Wintersaison gebe es bislang keine Trendwende, klagt der Deutsche Reiseverband (DRV). Für die Reisezeit bis April 2021 liege der Umsatzrückgang bei über 70 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Grund: Derzeit gibt es nur wenige Reiseziele, die ohne Einreisebeschränkungen angesteuert werden können. In vielen Fällen gilt nach der Rückkehr eine Quarantänepflicht, zudem wird mindestens ein Corona-Test fällig.

Die Ausnahmen sind rar – und zudem ebenfalls mit Hindernissen verbunden: Zuletzt etwa wurden die Kanarischen Inseln erneut zum Risikogebiet erklärt, nachdem dort viele auf einen sorgenfreien Urlaub gesetzt hatten.

Ein Hoffnungsschimmer zeichnet sich für den Sommer 2021 ab, wie der DRV glaubt. „Nach der jüngsten Verfügbarkeit eines Impfstoffs steigen die Neubuchungen für die Sommerferien deutlich an“, berichtet Verbandspräsident Norbert Fiebig. Auch Tui-Chef Fritz Joussen spricht von einem hoffnungsvollen Geschäft.

Es droht ein Dumpingwettbewerb

Doch der Zuwachs bewegt sich auf einem niedrigen Niveau. Zudem kosten die Aktionsprogramme, die das Buchungsgeschäft ankurbeln sollen, voraussichtlich einiges an Marge – und das in einer Branche, die mit einer durchschnittlichen Umsatzrendite von zwei bis drei Prozent schon in guten Zeiten eher mager verdiente.

So locken Reiseveranstalter derzeit mit Frühbucherkonditionen und flexiblen Umbuchungs- und Stornierungsmöglichkeiten – ein Entgegenkommen, das vor einem Jahr in der Branche noch als Tabu galt.

Die üppigen Hilfspakete, die Marktführer Tui und der Münchener Reiseveranstalter FTI, die Nummer drei unter den Veranstaltern, aus der Steuerkasse erhielten, könnten in diesem Sommer außerdem den Dumpingwettbewerb beflügeln. Wer wie Alltours, Schauinsland oder DER Touristik auf Staatsgelder verzichtete, droht demnächst unter den Preisdruck der subventionierten Wettbewerber zu geraten.

Die entscheidende Frage wird sein, wie schnell die angekündigten Impfstoffe den geregelten Reisebetrieb wieder ermöglichen. „Wir rechnen mit einem Nachholeffekt, da viele 2020 keinen Urlaub machen konnten und diesen auf 2021 verschoben haben“, sagt DRV-Präsident Fiebig.

Bei den Vorausbuchungen für den kommenden Sommer, die bis Ende November eingingen, seien besonders Flugpauschalreisen in Richtung westliches Mittelmeer gefragt, berichtet der Verband. Gebucht würden auch wieder mehr Fernreisen als noch vor einigen Wochen. Jede neue Nachricht beeinflusse aber aktuell das Neubuchungsaufkommen in die eine oder andere Richtung.

Bis die Rekordumsatzwerte aus dem Urlaubsjahr 2019 wieder erreicht werden, dürfte es deshalb dauern. „Für 2021 sind wir verhalten optimistisch, 50 bis 60 Prozent der vormaligen Umsatzhöhe von rund 36 Milliarden Euro für den organisierten Reisemarkt erzielen zu können“, sagt Fiebig.

Schlechte Zeiten für Geschäftsreiseveranstalter

Doch selbst dieser Wert ist trügerisch, wie Marija Linnhoff vom Reisebüroverband VUSR warnt. Der Großteil der aktuell bestehenden Buchungen – insbesondere im Kreuzfahrtgeschäft – gehe auf verschobene Reisen aus dem Sommergeschäft 2020 zurück. „Für sie haben die Reiseveranstalter das Geld teilweise schon 2020 eingenommen, sodass ihnen diese Reisen 2021 kaum Buchungserlöse bringen.“

Für manche Reiseveranstalter könnte es deshalb im soeben angelaufenen Jahr selbst dann knapp werden, wenn das Reisegeschehen wieder anzieht. Insolvenzen, wie sie schon 2020 die Reisebranche erschütterten, werden deshalb auch 2021 nicht ausbleiben – zumal das staatlich verordnete Moratorium für Insolvenzanmeldungen zum Jahreswechsel ausgelaufen ist.

Mit Spannung wird allerdings erwartet, ob sich Deutschlands Reisebüros mit einem neuen Vorstoß 2021 über Wasser halten können, der vom Vertrieb der Rewe-Tochter DER Touristik kommt: Deren 500 Reisebüros verlangen seit November 2020 von Urlaubswilligen eine feste Beratungspauschale zwischen 15 und 49 Euro, die ihnen beim Abschluss der Buchung berechnet wird.

Vergütet werden soll den Reisebüros damit der während der Coronakrise stark gestiegene Beratungsaufwand. Doch ziehen die Wettbewerber nicht nach, droht den DER-Reisebüros womöglich ein drastischer Kundenschwund.

Schlechter noch als den Urlaubsanbietern wird es 2021 voraussichtlich den Geschäftsreiseveranstaltern ergehen. Weil diese Business-Agenturen oft größer sind als gewöhnliche Urlaubsbüros, reichte schon 2020 die monatlich auf 50.000 Euro limitierte Corona-Hilfe kaum aus. Im November rutschte so die schwäbische Geschäftsreisebüro-Kette Bühler mit 32 Filialen und 220 Mitarbeitern in die Pleite.

Die Misere im Business-Travel-Markt, der im vergangenen Jahr 80 Prozent Umsatz einbüßte, wird sich 2021 außerdem kaum entspannen. Denn mit einem wieder steigenden Bedarf an Geschäftsreisen, die in der Coronakrise massenhaft durch Zoom-Konferenzen abgelöst wurden, rechnet in der Branche niemand.

Schlechter noch als den Urlaubsanbietern wird es 2021 voraussichtlich den Geschäftsreiseveranstaltern ergehen. Foto: dpa
Schlechter noch als den Urlaubsanbietern wird es 2021 voraussichtlich den Geschäftsreiseveranstaltern ergehen. Foto: dpa