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Warum es für Fintechs im nächsten Jahr schwieriger werden könnte

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Etliche Finanz-Start-ups kommen besser durch die Krise als vor einem halben Jahr erwartet. Doch Probleme drohen laut einer aktuellen Analyse 2021.

Knapp 85 Millionen Euro für die Berliner Neobank N26, 150 Millionen für die Düsseldorfer Kreditplattform Auxmoney und stolze 550 Millionen Euro für den schwedischen Zahlungsdienstleister Klarna. Rund sechs Monate nach Ausbruch der Coronakrise scheint es Finanz-Start-ups in Europa recht gut zu gehen. Die Investoren sind weiter aktiv und eine Pleitewelle ist nicht in Sicht. In ihrem aktuellen Fintech-Report warnt die niederländische Investment-Gesellschaft Finch Capital jedoch, dass die kommenden zwölf Monate für die jungen Unternehmen deutlich schwieriger werden könnten.

„Wir erwarten, dass sich der Wettbewerb um neues Kapital verschärft und es zu einer massiven Konsolidierung in der Branche kommen wird“, sagt Radboud Vlaar, Co-Gründer von Finch Capital. Für Stabilität habe in den vergangenen Monaten unter anderem die finanzielle Unterstützung der europäischen Regierungen gesorgt. „Wenn dieses Geld aufgebraucht ist und sie keine neuen Investoren finden, dürfte es für etliche Fintechs eng werden“, so Vlaar. Kleinere Firmen, die mit weniger als 500 Millionen Euro bewertet seien, könnten auch zu Übernahmekandidaten werden.

Dabei haben Fintechs im Vergleich zu manch anderen Start-ups derzeit klare Vorteile: Sie setzen auf digitale Geschäftsmodelle, die in Zeiten von Corona-bedingten Abstandsregeln und sozialer Distanzierung besonders gefragt sind. Und sie agieren in der Finanzbranche, die von der Krise bislang nicht so hart getroffen wurde wie andere Segmente. Zugleich sind jedoch erst die wenigsten dieser Firmen profitabel und viele Geschäftsmodelle ähneln sich. Nach Ansicht von Investor Vlaar könnte ein „Gesundschrumpfen“ dem europäischen Markt daher sogar guttun.

Auch Christian Nagel, Mitgründer des Wagniskapitalgebers Earlybird, rechnet mit einer Konsolidierung. „Nur die am besten laufenden Unternehmen werden einfach eine Finanzierung finden“, sagt er. „Die Starken werden stärker, mittelmäßig oder gar schlecht laufende Unternehmen werden es schwerer haben als vor der Krise.“ Die Fintech-Investorin und ehemalige Speedinvest-Partnerin Guzel Gumerova nennt dies das „The winner takes it all“-Prinzip. Zudem gebe es „am Markt noch immer ein Überangebot an Kapital und etliche Risikokapitalgeber haben kurz vor der Coronakrise noch neue Fonds geschlossen“, sagt sie.

Durch die Krise gestärkt

Profitieren können laut Gumerova besonders solche Unternehmen, die gut mit der Krisensituation umgegangen sind und sich schnell von Rückschlägen erholt haben. Welchen Firmen das bisher gelungen ist, leitet Finch Capital unter anderem aus der Entwicklung ihrer Mitarbeiterzahlen ab. Diese wurden auf Basis von Daten des Karrierenetzwerks Linkedin analysiert. Demnach haben Kreditplattformen die Zahl ihrer Mitarbeiter im vergangenen halben Jahr im Durchschnitt um drei Prozent reduziert. Bei Neobanken ging es im Schnitt um neun Prozent nach unten. Fintechs im Zahlungsverkehr und neuartige Broker dagegen steigerten ihre Mitarbeiterzahl im Durchschnitt um 21 und 53 Prozent.

Bei den Fintechs im Zahlungsverkehr hatte der Investor ursprünglich mit größeren Einbußen gerechnet. Doch das enorme Wachstum im Online-Handel habe die zwischenzeitlichen Rückgänge im Reisegeschäft wieder gut gemacht und auch die Reisebranche habe sich schneller erholt als gedacht. Bei Kreditplattformen erwartet Vlaar noch eine Verschlechterung: „Es dauert offenbar einige Zeit, bis kleine Unternehmen und Verbraucher ihre Kredite nicht mehr bedienen können“, so der Investor. „Auch hier machen sich staatliche Förderungen bemerkbar.“

Investorin Gumerova schaut sich neben Anbietern im Zahlungsverkehr aktuell auch Firmen im Bereich digitale Geldanlage an. „Hier können unterschiedliche Formen interessant sein, denn wegen eingeschränkter persönlicher Kontakte dürften viele traditionelle Anbieter den Markt verlassen“, sagt sie. „Wer die Krise übersteht, wird am Ende aber nicht allein vom Geschäftsmodell abhängen, sondern vor allem von den Geschäftszahlen des einzelnen Unternehmens und eine gute Führung wird zu einem wichtigen Unterscheidungsmerkmal“.

Große Übernahmen unwahrscheinlich

Chris Bartz, Vorsitzender des Fintechrats im Bundesfinanzministerium und Geschäftsführer des Fintechs Elinvar, rät den jungen Unternehmen: „Fintechs sollten ihr Geschäftsmodell auch in diesen Zeiten weiterentwickeln und nicht an der falschen Stelle sparen. Zugleich sollten sie aber die Risiken im Blick behalten und schnell reagieren können.“

Ob eine junge Firma am Ende zum Übernahmekandidat wird, hängt allerdings auch entscheidend von ihrer Größe ab. „Anders als in den USA fehlt es in Europa an Investoren, die große Übernahmen stemmen, deshalb sind Übernahmen mit einem Volumen von mehr als 500 Millionen Euro hier unwahrscheinlich“, sagt Investor Vlaar. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam gerade die Unternehmensberatung McKinsey in einer Analyse des Fintech-Markts: Die Berater rechnen damit, dass größere Fintechs ihr Geschäft mit der Übernahme kleiner stärken und ergänzen werden.