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Führender US-Ökonom warnt vor „finanzieller Instabilität im Herzen der Euro-Zone“

Mallien, Jan Wiebe, Frank
·Lesedauer: 6 Min.

Der Geldpolitik-Experte fürchtet, dass die Märkte in Europa ohne gemeinsame Anleihen nicht zur Ruhe kommen. Ausgerechnet Japan sieht er in einem Punkt als Vorbild für die EZB.

Bei Adam Posen gehen die Top-Geldpolitiker und -Ökonomen der Welt ein und aus: Er leitet das renommierte Peterson Institute in Washington. Früher forschte der 55-Jährige für die US-Notenbank Fed, war zeitweise externes Mitglied im geldpolitischen Ausschuss der Bank of England und Mitarbeiter der Bundesbank. Das Magazin „The Atlantic“ zählt ihn zur Liga der „Superstar Centralbankers“. Sein Wort findet daher Gehör. Und Posen macht sich Sorgen beim Blick nach Europa – aber andere Sorgen als viele in Deutschland.

Posen sieht eine Instabilität der Euro-Zone, weil der Anleihemarkt zu zersplittert ist. Außerdem fordert er, mit allen Mitteln eine stärkere „systemische“ Rolle von Bitcoins zu verhindern. Die Regierungen sollten Marktmanipulation bestrafen, „wie wir sie gerade bei prominenten Marktteilnehmern gesehen haben“, sagt er mit Anspielung auf den 1,5 Milliarden Dollar schweren Bitcoin-Kauf von Tesla-Gründer Elon Musk. Die Notenbanken sollten stattdessen eigene Kryptozahlungsmittel entwickeln: „Da ist die Europäische Zentralbank (EZB) der Fed in den USA voraus.“

Der Amerikaner begrüßt im Gespräch mit dem Handelsblatt, dass die Europäer den Wiederaufbaufonds formell gestartet haben, der den Staaten der Europäischen Union (EU) aus der Krise helfen soll. Die EU-Kommission nimmt dafür erstmals in nennenswertem Umfang europäische Schulden auf und gibt gemeinsame Anleihen aus.

Posen glaubt jedoch, dass das nicht reicht, um die grundlegende Schwäche der Euro-Zone zu beseitigen. Aus seiner Sicht wäre es wichtig, in höherem Volumen sogenannte sicherere Wertpapiere (Safe Assets) zu schaffen, für die alle Mitglieder der Euro-Zone haften und die dann auch geldpolitisch von der Europäischen Zentralbank (EZB) genutzt werden können.

Er kennt die Einwände gegen diese Euro-Bonds: dass so Fehlanreize gesetzt werden und einzelne Staaten ihre Verschuldung auf Kosten aller anderen aufblähen können. Posen sagt aber: „Wenn man das nicht will, muss man sich dazu bekennen, dass es im Herzen der Euro-Zone eine andauernde finanzielle Instabilität geben wird.“ Er hält diese Instabilität für weitaus gefährlicher als das Problem von Fehlanreizen. Seit die EU sich durchgerungen hat, die finanziellen Lasten der Corona-Pandemie gemeinsam zu tragen, ist das Vertrauen der Investoren in die Stabilität des Euros gestiegen, glaubt er.

„Was die Ratingagenturen sagen, ist mir egal“

Posen befürwortet den Vorschlag für ein künstliches sicheres Wertpapier für den Euro-Raum. Diesen hat Philip Lane 2018 vorgestellt, damals irischer Notenbankchef und heute Chefökonom der EZB. Die Idee lief darauf hinaus, alle Schulden zusammenzuwerfen und diese Mischung durch unterschiedliche Haftungsregeln wieder in verschiedene Risikotranchen zu unterteilen.

Sein Vorschlag fand aber wenig Zuspruch in der Politik und an den Märkten. „Ich habe Philip zunächst gesagt, dass ich da zu viel finanzielle Trickserei sehe“, erzählt Posen. Der Vorschlag sei rückblickend jedoch völlig richtig gewesen, aber am Widerstand der Regierungen gescheitert. Posen glaubt: „Die Investoren hätten sich am Ende überzeugen lassen, wenn man sieht, welchen Müll sie kaufen. Was die Ratingagenturen sagen, ist mir egal. Niemand sollte darauf etwas geben.“

Der Chef des Peterson Institute sieht vor allem die Finanzpolitik in der Pflicht, während und nach der Coronakrise für wirtschaftliche Stabilität zu sorgen. In den USA diskutieren Ökonomen aktuell kontrovers über das geplante Konjunkturpaket des neuen Präsidenten Joe Biden in Höhe von 1,9 Billionen Dollar. Der frühere US-Finanzminister Larry Summers hält es für überdimensioniert und warnt vor einer Überhitzung der Wirtschaft. Nobelpreisträger Paul Krugman geht davon aus, dass die Leute den Großteil des Geldes, das verteilt werden soll, sparen werden.

Posen meint, die Wahrheit liegt dazwischen. Er erkennt einen gewissen „Hang“ dafür, zu viel zu tun. Gleichzeitig verweist er darauf, dass in der Vergangenheit die Sparneigung nach großen Wirtschaftskrisen noch länger hoch geblieben sei. „Viele Prognosen der Wall Street scheinen davon auszugehen, dass die Sparquote wieder auf den Stand vor der Pandemie zurückgeht. Das halte ich für unrealistisch.“ Posen rechnet mit einem Anstieg der Inflation und einer gewissen „Überhitzung“ der US-Wirtschaft, „aber nicht in dem Ausmaß, wie die Leute befürchten.“ Das könnte die Fed gegen Ende 2022 dazu bringen, die Zinsen anzuheben.

Die Besetzung der Fed-Spitze als wichtiger Faktor

Er erinnert daran, dass im Februar 2022 die Amtszeit von Fed-Chef Jerome Powell ausläuft, der als gemäßigter Republikaner gilt. Sollte er von US-Präsident Joe Biden keine Verlängerung erhalten, kämen laut Posen Fed-Gouverneurin Lael Brainard oder Raphael Bostic, der Chef der regionalen Fed Atlanta, für die Nachfolge infrage. Alle drei hätten kaum Interesse, sich mit steigenden Zinsen unbeliebt zu machen, glaubt Posen.

Wenn aber die Inflation in den USA anzieht, könnte das aus seiner Sicht den „Falken“, den Anhängern einer strafferen Geldpolitik, in Europa zu früh Rückenwind geben – laut Posen eine gefährliche Entwicklung. „Ich mache mir große Sorgen, dass dies ein Faktor in der europäischen Debatte sein wird.“ Posen hofft, dass die EZB die Debatte über ihre neue Strategie und das Inflationsziel abschließt, bevor die Situation in den USA einen aus seiner Sicht „schlechten Einfluss“ auf den öffentlichen Diskurs hat.

Europa sollte seiner Meinung nach noch mehr tun, um die Wirtschaft zu stützen. Dabei denkt er weniger an die Geldpolitik. „Die Notenbanken können bei akuten wirtschaftlichen Einbrüchen sehr gut gegensteuern“, sagt Posen, „aber wenn es darum geht, eine Erholung zu beschleunigen, ist das eher so, als wenn man versucht, ein Seil zu schieben. Die Akteure machen dann nicht mehr, bloß weil das Geld billig ist.“ Finanzpolitisch könnte Europa aber stärker handeln, sagt er. Selbst ein zusätzliches Schuldenpaket von knapp 800 Milliarden Euro, was etwa der Hälfte des neuen US-Pakets entspräche, würde zu keinerlei Problem führen.

Posen beobachtet auch, dass Geld- und Finanzpolitik in den letzten Jahren immer enger zusammengewachsen sind. In Zeiten hoher Inflation gibt es einen Konflikt zwischen höheren Staatsausgaben und dem Ziel der Preisstabilität. Bei zu niedriger Inflation haben Finanzpolitik und Notenbank hingegen ähnliche Ziele.

Dennoch sei eine „formale Koordination von Geld- und Finanzpolitik“ nicht notwendig, urteilt Posen. Er sähe sonst die Gefahr, dass die Notenbank zu sehr in politische Entscheidungen hereingezogen wird: „Das ist nicht gut, und es ist nicht realistisch.“ In den USA macht der Kongress die Finanzpolitik, nicht der Finanzminister, sagt er. In Europa seien die Strukturen mit vielen Nationalstaaten und der EU als zusätzliche Ebene zu kompliziert: „Da gibt es keinen klaren Ansprechpartner.“

Ausgerechnet Japan sieht Posen als Vorbild für die EZB: Dort legt die Notenbank nicht nur den kurzfristigen Leitzins fest. Sie hält auch die gesamte Zinskurve, also das Niveau der Renditen von Staatsanleihen über alle Laufzeiten hinweg, in einem engen Korridor. „Das ist der sauberste Weg, Geld- und Finanzpolitik zu koordinieren“, sagt er zu diesem Konzept, das auch als Yield Curve Control (YCC), also als Kontrolle der Renditekurve, bekannt ist.

In den USA sei dieses Instrument zurzeit jedoch nicht notwendig, weil die Wirtschaft sich schon spürbar erholt. Posens Vision für Europa wäre aber die Schaffung von „sicheren Wertpapieren“ – und einer Yield Curve Control durch die EZB. Posen ist überzeugt: Diese Strategie ist aussichtsreicher, als auf lange Sicht mit Minuszinsen zu arbeiten.