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Entwickler belasten Audi-Führung: „Die Vorgaben kamen von oben“

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Im Dieselprozess machen die Entwickler der Konzernführung massive Vorwürfe. Ex-Chef Stadler und Entwicklungschef Hatz sehen sich außerhalb der Verantwortung.

Der ehemalige Audi-Chef fühlt sich zu Unrecht auf der Anklagebank, wie seine Anwälte das Gericht wissen lassen. Foto: dpa
Der ehemalige Audi-Chef fühlt sich zu Unrecht auf der Anklagebank, wie seine Anwälte das Gericht wissen lassen. Foto: dpa

Im Prozess um die Manipulation von Dieselmotoren bei Audi hat die gegenseitige Schuldzuweisung begonnen. Mitarbeiter der Entwicklungsabteilung schoben am zweiten Verhandlungstag die Verantwortung auf die Konzernführung.

Giovanni Pamio, ehemaliger Abteilungsleiter der Motorenentwicklung, ließ über seinen Anwalt schwere Vorwürfe erheben. Der Italiener war 2002 von Fiat zu Audi gewechselt, um am besten Motor der Welt zu arbeiten, dem „Clean Diesel“.

Doch im Entwicklungslabor Neckarsulm habe er bald gemerkt, dass „der VW-Konzern von mächtigen Personen und ihren Stäben kontrolliert wurde, die von oben alles bestimmten“, sagte sein Anwalt Walter Lechner: „Von oben kamen die Vorgaben und von oben wurde abgesegnet.“ Und als Pamio half, aus dem „Clean Diesel“ einen „Schummel-Diesel“ zu machen, da „war das nicht das Projekt eines Einzelnen, sondern eine strategische Unternehmensentscheidung“, erklärte Lechner dem Gericht: „Die Frage lautet nicht, wer wusste Bescheid, sondern wer wusste nicht Bescheid?“

Pamio ist einer von vier Angeklagten im Münchener Audi-Prozess. Im Sitzungsaal der Justizvollzugsanstalt Stadelheim wird ihm die Beteiligung am millionenfachen Betrug vorgeworfen, gemeinsam mit seinen Kollegen soll er die Motorsteuerung manipuliert haben.

Im Ergebnis haben die Autos auf der Straße ein Vielfaches der erlaubten Schadstoffe ausgestoßen, nur im Labor schalteten sie auf sauber. 2015 flog die Sache auf und kostete allein Audi 800 Millionen Euro an Bußgeld, den VW-Konzern mehr als zwanzig Milliarden Euro an Strafzahlungen und die deutsche Autoindustrie ihren Ruf.

Im Wissen um die Schwere der Vorwürfe hat sich Pamio neben seinem Kollegen und ebenfalls angeklagten Entwickler Henning L. dazu entschieden, voll auszusagen. Die Ausführungen der beiden Techniker der vierten und fünften Führungsebene sind für die Mitanageklagten Wolfgang Hatz, dem ehemaligen Leiter der Motorenentwicklung, und Rupert Stadler, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden, eine schwere Belastung. Beide streiten die aktive Beteiligung am oder die Kenntnis vom Dieselbetrug ab.

Stadler wird von den Staatsanwälten ohnehin nur vorgeworfen, den Verkauf von manipulierten Fahrzeugen nach Auffliegen des Skandals nicht unterbunden zu haben. Unterlassung und mittelbare Falschbeurkundung lautet der juristische Vorwurf.

Stadler und Hatz sehen sich selbst nur als Opfer

Seit Auffliegen des Dieselskandals beteuern Stadler und Hatz, selbst Opfer einer Clique von betrügerischen Ingenieuren gewesen zu sein. Doch dem sei nicht so gewesen, sagt Pamios Anwalt. „Pamio hatte keine Entscheidungskompetenz.“ Stattdessen sei der Druck auf die Motorenentwickler stetig gewachsen, die Anforderungen der Konzernführung zu erfüllen. „Die Sorge um den Arbeitsplatz spielte eine große Rolle“, sagte Lechner, der für seinen Mandanten die Erklärung verlas.

Das habe auch für den Entwickler Henning L. gegolten, sagte dessen Anwalt. Auch er verlas die Erklärung seines Mandanten. Henning L. hatte in Pamios Abteilung als Spezialist für Abgasreinigung gearbeitet. Er habe sich nach Auffliegen des Dieselskandals dazu entschlossen, „mit offenem Visier“ zu spielen, sagte sein Anwalt. Wie Pamio habe er sich den von Audi engagierten Anwälten der Kanzlei Jones Day anvertraut und sei zweimal zu Aussagen zum US-Justizministerium nach Washington geflogen. Anschließend sagte er umfassend vor der Münchener Staatsanwaltschaft aus und wolle nun seine „Seele vom Ballast befreien“.

Demnach sei die Entscheidung zum Betrug das Ergebnis einer sich „nach und nach durchsetzenden Erkenntnis“ gewesen. Die Entwickler hätten sich in den Jahren 2008 und 2009 einem „nicht lösbaren Zielkonflikt aus unverrückbaren Vorgaben“ ausgesetzt gesehen.

Einerseits hätten sie die für den US-Markt bestimmten Modelle gesetzeskonform machen sollen. Andererseits hätten andere Abteilungen darauf gedrungen, dass die Tanks mit der zur Abgasreinigung verwendeten Ad-Blue-Mischung nicht zu groß werden durften. Das hätte wertvollen Bauraum im Auto gekostet.

Auf der anderen Seite habe der Vertrieb darauf bestanden, den Kunden ein häufiges Nachtanken mit der übel riechenden Flüssigkeit zu ersparen. Bald sei allen klar gewesen, dass es „ohne Bescheißen nicht ging“, wie ein Beteiligter in einer E-Mail festhielt. Pamio, sein Untergebener L. und dessen Kollegen entwickelten jene Schummelsoftware, die das Auto nur dann auf sauber schaltete, wenn es auf einem Prüfstand lief.

Es entstand eine Parallelwelt für die Techniker mit der Schummelsoftware als „Elephant in the room“. Während die Schummelsoftware für immer mehr Modelle zum Einsatz kam, plagten den Angeklagten L. nach den Worten seines Anwalts Schuldgefühle. Doch die „damals herrschende Unternehmenskultur“ habe es ihm unmöglich gemacht, aus dem Betrugskartell auszusteigen.

Stattdessen habe er in Präsentationen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Zielvorgaben kaum zu erfüllen waren – vergebens. Er ging wie Pamio davon aus, dass sein Vorgehen der Konzernführung bekannt gewesen sei und gebilligt wurde, und habe entsprechende Gespräche mit seinen Vorgesetzten geführt.

Hatz’ Anwalt weist die Vorwürfe zurück

„Herr Hatz hat derartiges nicht gebilligt“, und er hätte das auch „niemals geduldet“, entgegnete sein Anwalt Gerson Trüg. „Herr Hatz hat stets für Transparenz bei technischen Problemen gesorgt“, sagte Trüg. Zudem sei der Topmanager im Sommer 2009 von Audi zu VW gewechselt, die fraglichen Motoren aber erst danach mit der Schummelsoftware bespielt worden. Auch der „unspezifische und pauschale“ Vorwurf, Pamio habe sich in Sachen Software mit Hatz immer wieder abgestimmt, sei falsch. Es habe keine Telefonate in dieser Sache gegeben, sagte sein Anwalt.

Und auch Rupert Stadler fühlt sich zu Unrecht auf der Anklagebank, wie seine Anwälte das Gericht wissen lassen. Die Ermittlungen seien „grob unfair“ gewesen, das gelte insbesondere für das Abhören seines Mobiltelefons, das ihn im Sommer 2018 wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft brachte und ihn den Vorstandsvorsitz kostete. Da Stadler nicht wegen des Betrugs, sondern wegen des Unterlassens des Verkaufs manipulierter Autos nach Auffliegen des Skandals angeklagt sei, habe das ganze Verfahren eine „Schieflage“. Sie wollen das Verfahren gegen Stadler deshalb abtrennen.

Auch bestreiten seine Anwälte, dass nur Stadler den Verkauf der manipulierten Autos hätte stoppen können. „Einen roten Knopf, der ausschließlich vom Vorstandsvorsitzenden gedrückt werden kann und die Bänder still stellt, gibt es nicht“, so seine Anwälte. Vielmehr sei der Audi-Vorstand ein Kollegialorgan. Wenn denn schon eine Verantwortung zu suchen sei, dann bei den zuständigen Vorständen oder dem Gremium in Gänze.

Das zu klären wird Zeit kosten. Das Gericht hat über 180 Verhandlungstage angesetzt. Am Dienstag endete der zweite.

Der ehemalige Audi-Entwicklungschef will von den Manipulationen nichts gewusst haben. Foto: dpa
Der ehemalige Audi-Entwicklungschef will von den Manipulationen nichts gewusst haben. Foto: dpa