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Von Enron bis Credit Suisse: Die größten Bilanzskandale der 2000er

Wirecard ist bei weitem nicht das erste Unternehmen, das mit zweifelhaften Bilanzen für Aufsehen sorgt. Eine Chronik der Betrügereien.

Der bis dahin größte Fall von Wirtschaftskriminalität in Deutschland. Foto: dpa

Beim Finanzdienstleister Wirecard hat es 1,9 Milliarden Euro aus der Bilanz mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ gar nicht gegeben. Noch längst ist nicht alles aufgeklärt im Krimi um den Dax-Konzern aus Aschheim bei München. Doch am Donnerstag wurde bekannt, dass das Unternehmen einen Insolvenzantrag gestellt hat.

Im Dax, der Eliteklasse des deutschen Aktienmarkts, ist der Fall Wirecard beispiellos. Doch seit dem Beginn des Jahrtausends haben weltweit mehrere große Bilanzskandale für Aufsehen gesorgt. Jedes Mal ging es um Betrug, jedes Mal gab es Verluste in Milliardenhöhe. Ein Überlick.

Flowtex (2000)

Die Flowtex Technologie GmbH aus dem badischen Ettlingen wirkte wie ein solides Unternehmen. Es handelte mit Horizontalbohrmaschinen, die dazu dienten, Kabel und Rohre zu verlegen, ohne den Boden aufreißen zu müssen. Als Flowtex im Jahr 2000 an die Börse sollte, wurde jedoch klar, dass von den angeblich 3000 zu je 1,5 Millionen D-Mark verkauften Maschinen nur 270 existierten, die gleich mehrfach verkauft wurden.

Im Jahr 2000 wurde dem Geschäftsführer Manfred Schmider und weiteren Mitarbeitern Betrug nachgewiesen, der einen Schaden von rund 2,9 Milliarden Mark angerichtet hatte. Schmider wurde von einem Psychiater Größenwahn attestiert. Es war damals der bis dahin größte Fall von Wirtschaftskriminalität in Deutschland.

Enron (2001)

Der Enron-Skandal aus dem Jahr 2001 war der größte Bilanzskandal in der US-Geschichte. Das Unternehmen aus Texas war mit dem Handel von Strom groß geworden. Um die Preise zu erhöhen, manipulierte das Unternehmen zum Teil die Stromnetze und sorgte absichtlich für Blackouts.

In seinen Bilanzen versteckte Enron Schulden in Höhe von 56 Milliarden Dollar, wie 2001 herauskam. Damit galt Enron auch als größtes Versagen der Buchprüfer aller Zeiten und hat de facto das Ende von Arthur Anderson eingeläutet. Mit der Pleite wurden 78 Milliarden Dollar an Börsenwert vernichtet.

Worldcom (2002)

Nur ein Jahr nach Enron erschütterte mit Worldcom ein weiterer Bilanzskandal die USA. Unter der Führung von Bernie Ebbers hatte das Unternehmen über die Jahre massiv zugekauft und sich damit hoch verschuldet. Um das zu verstecken, ergriff auch dieser Vorstandsvorsitzende zum Bilanzbetrug und wies elf Milliarden Dollar zu viel Gewinn aus. 20.000 Mitarbeiter verloren ihren Job und ihre Pension.

Ebbers selbst wurde 2005 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Im vergangenen Jahr wurde er Ende Dezember wegen seines schlechten Gesundheitszustands entlassen und ist am 2. Februar gestorben. Als Konsequenz aus Enron und Worldcom haben die amerikanischen Gesetzgeber den Sarbanes-Oaxley Act verabschiedet, der die Strafen für Bilanzbetrug deutlich erhöht und auch die Rechnungsprüfer stärker zur Verantwortung zieht.

Parmalat (2003)

Der Bilanzskandal von Parmalat war einer der größten europäischen Bilanzskandale. Mit Luftbuchungen über angeblich verkauftes Milchpulver und Konten auf den Cayman Islands hat das italienische Unternehmen aus Parma seine Bilanz um acht Milliarden künstlich aufgebläht.

Als das Ausmaß des Skandals bekannt wurde, ging das Unternehmen in die Insolvenz. Viele Gläubiger, darunter viele private Familien, verloren ihr Geld. Der Gründer Calisto Tanzi wurde verhaftet. Das Unternehmen kam erst Jahre später unter einer neuen Führung zurück auf den Markt.

AIG (2005)

Der große US-Versicherer American International Group flog durch eine Untersuchung der US-Börsenkontrolle SEC auf. Unter dem CEO Hank Greenberg hat er in seiner Bilanz vier Milliarden Kredite als Umsatz verbucht und den Aktienkurs manipuliert, wie ein Gericht später feststellte.

Jérôme Kerviel – Société Générale (2007)

Der Händler der französischen Bank stellt den bisher absoluten Rekord für einen abhängigen Händler eines Finanzinstituts auf: Er hatte eigenmächtig mit dem Geld der Bank spekuliert und damit einen Verlust in Höhe von 4,9 Milliarden Euro aufgehäuft.

2010 wurde Kerviel von einem französischen Gericht in Paris zu fünf Jahren Haft, davon zwei ausgesetzt zur Bewährung, wegen Veruntreuung, Fälschung und betrügerischer Manipulation verurteilt.

Bernie Madoff (2008)

Der Vorsitzende der Technologie-Börse Nasdaq hatte über 50 Jahre einen Investmentfonds mit einem Schneeballsystem geführt und 44 Milliarden Dollar unterschlagen: Die hohen Renditen, die er auszahlte, finanzierte Madoff durch die Einnahmen immer neuer Kunden. Dabei bediente er sich seiner exzellenten Kontakte in die wohlhabende Gesellschaft.

Mit der Finanzkrise flog der Betrug Ende 2008 auf, als er die Renditen nicht mehr zahlen konnte. Zunächst hatte Madoff alle Schuld von sich gewiesen, doch dann sagte sein Finanzvorstand als Kronzeuge vor Gericht aus: Mehr als drei Millionen Menschen und zahlreiche Stiftungen waren von Madoff betrogen worden. 2009 wurde er zu 150 Jahren Haft verurteilt.

Lehman Brothers (2008)

Die Investmentbank gilt als das Symbol für die Finanzkrise. Lehman Brothers war wie andere stark in die Spekulation mit gebündelten Hypothekenprodukten verwickelt. Dabei wurden auch Menschen Hypotheken gegeben, die gar keine Bonität besaßen.

Als das System zusammenbrach, traf es Lehman als Erste, und es kam heraus, dass die Bank 50 Milliarden Kredite als Umsatz verbucht hatte. Die Bank ging in die Insolvenz. Der Schaden, der durch diese plötzliche Insolvenz hervorgerufen wurde, wird auf 50 bis 75 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Credit Suisse – Mosambik (2019)

Die Bank Credit Suisse hatte für Mosambik Kredite und Anleiheverkäufe in Höhe von 1,76 Milliarden Euro verwaltet. Doch die Kredite platzten und Kapital verschwand spurlos. Am 1. März 2019 reichte der mosambikanische Generalstaatsanwalt vor einem Londoner Gericht Klage gegen die Credit Suisse ein.

Mehrere einzelne Banker erklärten sich bereits für schuldig. US-Staatsanwälte versuchen derweil, der Bank als Institution eine Schuld nachzuweisen. Die Bank weist die Vorwürfe bisher zurück, kooperiert aber mit den Staatsanwälten.

Verlust in Höhe von 4,9 Milliarden Euro. Foto: dpa