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Die Energiebranche erwartet den ganz großen Ökostrom-Boom

Flauger, Jürgen Witsch, Kathrin
·Lesedauer: 5 Min.

Die Energiewirtschaft hat die Folgen der Pandemie bislang kaum gespürt. Im Gegenteil: Die Aussichten sind speziell für die erneuerbaren Energien auch 2021 bestens.

Wind- und Solarenergie boomen auch in der Krise. Foto: dpa
Wind- und Solarenergie boomen auch in der Krise. Foto: dpa

Fast alle Branchen dürften mit Blick auf die Coronakrise froh sein, dass 2020 endlich zu Ende ist. Für die Unternehmen, die sich bei erneuerbaren Energien engagieren, gilt das allerdings nicht. Im Gegenteil: Für sie war das Jahr ausdrücklich erfolgreich. Die Pandemie scheint die grüne Wende heraufbeschworen zu haben, die viele seit Jahren fordern.

Während die Aktien vieler Konzerne seit März in den Keller gingen, feiern Vestas, Encavis, First Solar und Co. einen Börsenrekord nach dem nächsten. Und auch die großen Energiekonzerne kamen glimpflich durch die Krise. Entsprechend optimistisch schaut die Branche auf 2021.

„Mit immer ambitionierteren Klimaschutzzielen ist klar, dass der Ausbau der Erneuerbaren noch schneller erfolgen muss“, hält Markus Krebber, Finanzvorstand von RWE und designierter CEO, fest. Das sei in Europa der Fall, aber auch weltweit: „Auch in den USA und Asien ist diese Entwicklung erkennbar.“

Erneuerbare Anlagen haben sich tatsächlich als krisenfest erwiesen. Politische Rückendeckung, unter anderem durch den europäischen Green Deal, verstärkten den Hype um alternative Energien. So hat die Europäische Union (EU) im Dezember das eigene Klimaziel noch einmal verschärft. Bis 2030 soll der jährliche Ausstoß von Treibhausgasen um mindestens 55 Prozent unter den Wert von 1990 sinken – bisher waren 40 Prozent angestrebt.

In Deutschland wurde im Sommer der Kohleausstieg bis spätestens 2038 beschlossen, die ersten Kraftwerke gehen vom Netz. Und zum Jahresbeginn wurde der nationale CO2-Preis eingeführt, der fossile Energieträger wie Benzin, Heizöl oder Gas belastet, um nach der Energiewende auch in den Sektoren Verkehr und Wärme die Wende zu schaffen. Noch kurz vor Weihnachten beschloss die Bundesregierung zudem höhere Ausbauziele für Wind, Solar und Biogas.

Gleichzeitig wächst der Druck von Gesellschaft, Aktivisten, Investoren und Politik in einer nie da gewesenen Geschwindigkeit. Während der vergangenen Monate war die Klimakrise nahezu das einzige Thema, das es mit Ereignissen wie dem europäischen Green Deal geschafft hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – trotz Pandemie. Dementsprechend gut sind auch die Aussichten für Konzerne, die ihr Hauptgeschäft mit grünen Energien machen.

Hohe Investitionen in Solarenergie und Windenergie

Weil Solar, Wind und Co. in vielen Ländern der Welt mittlerweile selbst billiger als Kohle, Öl und Gas sind und Regierungen ihre Klimaziele anheben, erleben erneuerbare Energien derzeit einen nie da gewesenen Aufschwung. Und immer mehr Unternehmen setzen sich Klimaziele, beschließen grüne Investitionen in Milliardenhöhe und ordnen ihre Prioritäten neu.

282,2 Milliarden US-Dollar wurden laut einem Bericht von Bloomberg New Energy Finance und der Frankfurt School of Finance im Jahr 2019 weltweit in erneuerbare Energien investiert. Damit steigen die Kapazitäten für die kommenden Jahre um satte zwölf Prozent.

184 Gigawatt (GW) an Erneuerbare-Energie-Anlagen können aufgrund der 2019 getätigten Investitionen in den kommenden Jahren gebaut werden – 20 GW mehr als 2018. Zum Vergleich: Das entspricht der Leistung von mehr als 70 mittelgroßen Kohlekraftwerken. Und 2020 dürften es nicht weniger gewesen sein.

Deutsche Konzerne wie der Wechselrichter-Hersteller SMA Solar aus Kassel konnten ihren Börsenwert seit Beginn der Pandemie im März verdoppeln. Der Umsatz erhöhte sich im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019 trotz Krise um 42 Prozent auf 514 Millionen Euro. Auch Modulhersteller wie Solarwatt verkünden mitten in der Rezension ein Rekordergebnis nach dem anderen.

Und den Schwung dürfte die Branche mitnehmen. Noch kurz vor Weihnachten beschloss die Bundesregierung höhere Ausbauziele für Wind, Solar und Biogas. Und auch sonst setzten Union und SPD erstaunlich viele der Änderungswünsche aus Wind- und Solarindustrie für die neueste Version des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) um.

Ein Knackpunkt in den Verhandlungen waren Regelungen für Wind- und Solaranlagen, die ab 2021 aus der Förderung fallen. Im Vergleich zu den Regierungsplänen gibt es hier einige Änderungen: Solaranlagen, deren Förderung ausgelaufen ist, sollen weiter ihren Strom einspeisen können, auch die Umlagebefreiung für den Eigenverbrauch bleibt.

Für ausgeförderte Windanlagen sollen Möglichkeiten des Repowerings, also den Austausch alter gegen neue Anlagen, verbessert werden. Anlagen, die sich dennoch nicht ersetzen lassen, können sich im Jahr 2022 in einer eigenen Ausschreibung für eine Förderung bewerben. Besser hätte das Jahr für die Erneuerbaren-Branche wohl nicht enden können.

Bei Eon und RWE beginnt eine neue Ära

Die großen Stromproduzenten konnten zwar 2020 nicht ähnlich zulegen, aber sie wurden zumindest durch die Pandemie nicht entscheidend gebremst. Dabei war ein Effekt schon zu spüren. RWE berichtete beispielsweise über Verzögerung bei einzelnen Projekten, weil Teile nicht geliefert wurden.

Und auch die Stromnachfrage ging zumindest während des Lockdowns spürbar zurück. Stromproduzenten wie RWE und Uniper konnten das aber ausgleichen, weil sie ihren Strom für gewöhnlich langfristig am Terminmarkt verkauft haben – und ließen sich letztlich von der Coronakrise nicht beeinträchtigen.

Bei Eon sah das etwas anders aus. Der Konzern ist seit dem Tauschgeschäft mit RWE nicht mehr im größeren Stil in der Stromproduktion aktiv, sondern in Vertrieb und Netz – und spürte da im zweiten Quartal schon eine Belastung. Verglichen mit den Einbrüchen bei Industrieunternehmen war das aber gut zu verkraften.

Und langfristig hofft Eon sogar, wie die gesamte Branche von der Coronakrise profitieren zu können – beziehungsweise von den Konjunkturprogrammen, die dadurch angestoßen wurden und die zu einem Teil auch in die Energiewende fließen sollen.

„Die Entscheidungen der EU im Zusammenhang mit dem Recovery- & -Resilience-Programm bieten große, zusätzliche Wachstumschancen für Eon“, erklärte Konzernchef Johannes Teyssen schon im Sommer: „Eon ist bereit, zum Green Deal und zum Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft beizutragen.“

Teyssen selbst wird sich daran aber nicht mehr beteiligen. Der Eon-Chef hört Ende März nach elf Jahren an der Spitze auf und übergibt an seinen Nachfolger Leonhard Birnbaum. Im Sommer folgt dann der Führungswechsel bei RWE. Dort löst Finanzvorstand Krebber den bisherigen CEO Rolf Martin Schmitz ab.

Bei den beiden großen deutschen Energiekonzernen beginnt eine neue Ära – und die wirtschaftlichen Aussichten könnten derzeit kaum besser sein.

Zum Jahreswechsel analysiert das Handelsblatt die aktuelle Lage in den wichtigsten deutschen Industrien und Dienstleitungsbranchen und gibt einen Ausblick auf die Herausforderungen des kommenden Jahres.