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Der Kampf um das Wasserstoffnetz beginnt

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Ohne Netz kommt der Wasserstoff nicht zum Abnehmer. Wie der Netzausbau reguliert werden soll, ist umstritten.

Die Wasserstoff-Strategie der Bundesregierung beinhaltet auch einen Aktionsplan. Um Details wird allerdings noch gerungen. Foto: dpa
Die Wasserstoff-Strategie der Bundesregierung beinhaltet auch einen Aktionsplan. Um Details wird allerdings noch gerungen. Foto: dpa

Für die Betreiber der Gas-Fernleitungen in Deutschland, zusammengeschlossen im Verband FNB Gas, ist die Sache klar: Regulierte Wasserstoffnetze sind nach ihrer Überzeugung „Grundvoraussetzung für das Entstehen eines wettbewerblichen Wasserstoffmarktes“. Mit der Regulierung könnten „mit nur wenigen legislativen Anpassungen die Weichen für den Start in die Wasserstoffwirtschaft gestellt werden“, heißt es beim FNB Gas.

Es bestehe ein breiter energie- und industriepolitischer Konsens darüber, dass bereits heute die Infrastrukturen vorbereitet werden müssten, damit der Transport von reinem Wasserstoff spätestes ab Mitte dieses Jahrzehnts zu einer real verfügbaren Option werde, sagen die Netzbetreiber. Als Grundlage dafür schwebt den Gasnetzbetreibern ein „H2-Startnetz“ vor, das sich bereits im Netzentwicklungsplan Gas 2020-2030 wiederfindet.

Der Aufbau eines Wasserstoffnetzes gilt als Grundvoraussetzung für den Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft. Von einem flächendeckenden Wasserstoffnetz ist Deutschland weit entfernt. Es gibt nur eine ganz begrenzte Zahl von Wasserstoffnetzen, insbesondere die der Unternehmen Air Liquide und Linde. Sie dienen der regionalen Versorgung industrieller Abnehmer und sind nicht der Netzregulierung unterworfen.

Während Wasserstoff derzeit nur von vergleichsweise wenigen Unternehmen aus der Chemie- und der Raffineriebranche in großem Maßstab eingesetzt wird, dürfte die Zahl der Anwender in den kommenden Jahren deutlich steigen. So setzt etwa die Stahlindustrie darauf, Wasserstoff zu nutzen, um klimaneutral zu werden. Auch im Verkehrssektor werden sich zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten ergeben. Zusätzlich wird der Import großer Mengen an Wasserstoff erforderlich.

Der Aufbau eines Wasserstoffnetzes erscheint daher unverzichtbar. Auch in der Anfang Juni von der Bundesregierung verabschiedeten Nationalen Wasserstoffstrategie (NWS) spielt das Thema daher eine Rolle.

Alle Gasnutzer sollten Kosten tragen

Grundsätzlich kommt die Netzregulierung in Betracht, wenn es sich bei dem jeweiligen Netz um ein natürliches Monopol handelt, wie das etwa bei Strom-, Wasser-, Erdgas- und auch beim Schienennetz der Bahn der Fall ist. Die Regulierung stellt eine diskriminierungsfreie Nutzung der Netze sicher, gleichzeitig garantiert sie dem Netzbetreiber ein bestimmtes Netzentgelt für die Netznutzung.

Die Gasnetzbetreiber wollen beim Aufbau einer Wasserstoffnetzinfrastruktur die Schlüsselrolle spielen. Dazu haben sie sehr gute Voraussetzungen: Sie wollen das existierende Erdgasnetz Schritt für Schritt für den Transport von Wasserstoff nutzen. „Die Gaskunden von heute sind die Wasserstoffkunden von morgen“, sagt Ralph Bahke, Präsident des FNB Gas.

Daher sei es richtig, wenn die Kosten der Transformation auch von allen Gasnutzern getragen würden – so wie das im regulierten Betrieb von Strom- und Gasnetzen üblich ist. Bahke ist im Hauptberuf Geschäftsführer des Fernleitungsnetzbetreibers Ontras.

Doch ist die Regulierung wirklich von Anfang an erforderlich? Darüber gibt es durchaus geteilte Meinungen. So warnt die Deutsche Umwelthilfe (DUH), direkt mit einem regulierten Netz einzusteigen. Selbst mittelfristig würden nur „Inselnetze“ benötigt, also Netze, die Produzenten von grünem Wasserstoff mit den Verbrauchern - etwa Stahlherstellern - verbinden. Ein großräumiger Transport von grünem Wasserstoff sei derzeit nicht absehbar, daher bedürfe es auch keiner Regulierung. Die Gasnetzbetreiber wollten vielmehr erreichen, dass die Kosten für die Umrüstung auf Wassserstoffbeimischung oder reinen Wasserstofftransport auf die Gaskunden umgelegt werden könnten. Das sei „keinesfalls gerechtfertigt“, heißt es bei der DUH.

Die Initiative Erdgasspeicher (Ines), ein Zusammenschluss der Erdgasspeicherbetreiber, warnt davor, die Regulierung der Erdgasnetze sofort eins zu eins auf die künftige Wasserstoffinfrastruktur anzuwenden.

„Die Regulierung von Erdgasnetzen ist bisher darauf ausgerichtet, großvolumige und diversifizierte Importmöglichkeiten für Erdgas zu entwickeln“, sagte Ines-Geschäftsführer Sebastian Bleschke dem Handelsblatt. „Für die Energiewende benötigen wir allerdings ein Gassystem und damit auch ein Wasserstoffsystem, die saubere Energien in großen verteilten Reserven speichern und dann zur Verfügung stellen, wenn es an erneuerbarer Energie mangelt oder Engpässe in den Energienetzen auftreten.“

Im Sinne der Energiewende sei eine unangepasste Übernahme der Erdgasregulierung für Wasserstoffnetze deshalb nicht zielführend, argumentiert Bleschke.

Bleschke propagiert daher eine „adaptive Regulierung“. Diese soll sich erst Schritt für Schritt entwickeln und den Erfordernissen, die an die neue Infrastruktur gestellt werden, anpassen. „Das verschafft uns die Möglichkeit, Netz- und Speicherinfrastrukturen im Wasserstoffsystem integriert zu entwickeln und auf Flexibilität auszurichten“, sagte Bleschke.

Die Bundesnetzagentur hat sich noch keine abschließende Meinung über eine Regulierung einer künftigen Netzinfrastruktur für Wasserstoff gebildet. Die Regulierungsbehörde hatte im Rahmen einer Marktkonsultation die Branchenakteure um ihre Einschätzung gebeten und nach eigenen Angaben bis Anfang September 63 Stellungnahmen von Industrie, Verbänden und Netzbetreibern erhalten.

„Diese Stellungnahmen sind umfangreich und in den Aussagen komplex sowie heterogen, sodass die Auswertung sicherlich noch bis Ende des Monats andauert“, sagte ein Behördensprecher. „Über die Frage, ob eine vollständige Regulierung der Wasserstoffnetze erstrebenswert ist, werden wir erst im Anschluss unsere Meinung bilden“, sagte der Sprecher weiter. Darüber zu entscheiden habe am Ende der Gesetzgeber.

Auch das Bundeswirtschaftsministerium hat sich noch nicht festgelegt. Für eine inhaltliche Aussage darüber, ob eine Regulierung von Zugang und Entgelten einer künftigen Wasserstoffnetzstruktur erforderlich sei, sei es noch zu früh, heißt es im Ministerium.