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„Der Einfluss der Notenbanken ist begrenzt“

Der frühere Chef der regionalen Notenbank in New York über die beispiellosen Eingriffe der Währungshüter in den vergangenen Tagen und wo neue Risiken drohen.

Bill Dudleys Rat ist in diesen Tagen besonders gefragt. Er war während der Finanzkrise einer der wichtigsten Notenbanker des Landes und kann nun, als Forscher der Elite-Universität Princeton, Parallelen und Unterschiede zur letzten Rezession aufzeigen.

Herr Dudley, Sie haben die Finanzkrise 2008 hautnah erlebt. Ist das, was wir heute sehen, vergleichbar?
Nein. Damals hatten wir, ausgehend vom Immobilienmarkt, einen relativ überschaubaren Einbruch der Konjunktur, der durch Probleme im Finanzsystem verstärkt wurde und zu einer scharfen Rezession führte. Diesmal haben wir einen tiefen Einbruch der Nachfrage innerhalb kürzester Zeit.

Wir haben in den letzten Wochen einen Absturz der Märkte gesehen und danach eine gewisse Beruhigung. Ist jetzt das Schlimmste vorbei?
Zunächst einmal haben die Aktionen der Notenbanken und Regierung geholfen. Aber jetzt kommt es darauf an, wie die Realwirtschaft sich entwickelt. Wir werden für den März schwache Daten bekommen, und für den April noch schlimmere. Die Frage ist, wie die Märkte das verkraften.

Was für Zahlen erwarten Sie denn?
Das erste Quartal war sicher negativ vom Wachstum her, das zweite wird sehr scharf einbrechen. Es kursieren Schätzungen, dass sich am Donnerstag bis zu zwei Millionen Amerikaner auf einmal neu arbeitslos melden könnten – das wäre ein Rekordwert. Ein Problem ist dabei, dass die offiziellen Zahlen immer relativ spät veröffentlicht werden, das verstärkt die Unsicherheit.

Also schlechte Aussichten für die Kurse?
Wir können den Verlauf der Corona-Epidemie und damit die wirtschaftlichen Folgen durch Schließung des öffentlichen Lebens kaum absehen. Wir wissen ja nicht, ob es um zwei oder vielleicht um 18 Monate geht, bis ein neuer Impfstoff entwickelt wird. Wenn sich die Situation verbessert, werden Anleger erleichtert reagieren. Wenn es schlechter läuft als erwartet, stehen die Märkte wieder am Abgrund.

In den vergangenen Tagen war ja nicht nur der Kurseinbruch das Problem, sondern zusätzlich musste die US-Notenbank (Fed) massiv in einigen Zinsmärkten intervenieren. Was war da los?
Hedgefonds hatten Staatsanleihen mit sehr hoher Verschuldung refinanziert. Als die Märkte einbrachen, verlangten die Kreditgeber mehr Sicherheiten, und dadurch kam es zu Notverkäufen und dazu, dass die Märkte zum Teil nicht mehr funktioniert haben. Die gute Nachricht ist: Wenn das alles abgewickelt ist, wird der Markt wieder normal funktionieren.

Wie beurteilen Sie denn die Aktionen der US-Notenbank und der Europäischen Zentralbank (EZB)?
Sie haben mit ihren aggressiven Aktionen das Richtige getan. Sie haben jede Menge Liquidität bereitgestellt. Aber es ist wichtig, dass die Notenbanken ihre Fähigkeiten nicht überverkaufen. 2008 wurde die Fed zum Retter der Finanzmärkte. Aber der Einfluss der Notenbanken hier ist begrenzt.

Sie können keine Nachfrage erzeugen, wenn die Geschäfte zu sind. Sie können kein Kapital und keine Umsätze bei den betroffenen Unternehmen ersetzen. Letztlich können sie nur zweitrangige Effekte lindern. Es ist wichtig, dass die Fed das ganz klar sagt. Sonst wirft man ihr vor, dass sie Maßnahmen unterlässt, die ihr gar nicht zur Verfügung stehen.

Aber könnte die amerikanische Notenbank den Unternehmen noch gezielter helfen? Etwa, indem sie Unternehmens-Anleihen kauft?
Anders als die EZB hat die Fed dazu keine Berechtigung, die müsste sie erst beim Kongress beantragen und es müsste ein neues Gesetz auf den Weg gebracht werden. Meiner Meinung nach sollte sie nicht einfach Unternehmens-Anleihen kaufen, um deren Kurse zu stützen. Aber wenn sie die Erlaubnis hat, könnte sie in Situationen eingreifen, wo der Markt nicht mehr funktioniert, wo die Unternehmen zum Beispiel Probleme haben, überhaupt neue Anleihen zu platzieren.

Könnte Sie auch Aktien kaufen?
Sie könnte um Erlaubnis bitten, ähnlich wie die japanische Notenbank börsengehandelte Aktienfonds zu kaufen. Aber ich glaube nicht, dass sie das will.

Wären denn, grünes Licht vom Kongress vorausgesetzt, auch direkte Kredite möglich, etwa, um kleinere und mittlere Unternehmen zu unterstützen?
Diese Unternehmen sind besonders betroffen, wenn Sie etwa an Restaurants, Gärtner oder Friseure denken. Es gibt Schätzungen, dass die Geschäfte in diesem Segment bis zu 80 Prozent einbrechen. Aber die Fed kann keine Kreditrisiken übernehmen, das müsste die Regierung tun. Sie wird sich auch scheuen, zu sehr in die Nähe der Finanzpolitik zu kommen. Außerdem hat sie gar keine Logistik, um diese Unternehmen zu erreichen. Eine entsprechende Organisation aufzubauen, dauert Monate, das wissen wir aus unseren Erfahrungen mit der Finanzkrise. Damals wurden auch private Unternehmen wie Blackrock und Pimco eingespannt, um Unternehmen schneller mit Geld zu versorgen. Aber dann gibt es auch noch Betrugsrisiko, nicht jeder ist ehrlich.

Wie stark steht denn das Bankensystem unter Druck?
Vor allem in den USA haben sich bisher eine Menge Unternehmen gar nicht über die Banken refinanziert, sondern zum Beispiel am Kapitalmarkt über kurzlaufende Zinspapiere. Dieses Geschäft kehrt in der Krise zurück zu den Banken. Das kann sie unter Umständen an den Rand ihrer Kapazität bringen. Sie sind ja durch Vorschriften zum Eigenkapital und zur Liquidität eingeschränkt.

Wie reagieren die Banken denn?
Nun, sie versuchen, ihre Kunden zu schützen, und damit ja auch ihr eigenes Geschäft.

Wenn Sie Europa und die USA vergleichen, wo sehen Sie größere Probleme?
Die EZB wird weiter Staatsanleihen quer durch die Eurozone kaufen. Europa hat es deutlich schwerer, dort gibt es keine einheitliche Finanzpolitik. Das lässt sich ja auch den Kursen der italienischen Staatsanleihen ablesen.

Schauen wir mal relativ weit in die Zukunft. Wenn wir die Krise überwunden haben, wie sieht die wirtschaftliche Welt dann aus? Bleibt es dann noch länger bei niedrigen Zinsen?
Das ist schwer zu sagen. Wie schnell eine Erholung möglich ist, hängt ja auch davon ab, wie viel Schaden Unternehmen und Haushalte genommen haben, wie kaputt deren Bilanzen sind. Klar ist, dass es weltweit sehr viel höhere Staatsschulden geben wird. Wir haben in den USA ja ein Haushaltsdefizit von rund Billion Dollar, daraus könnten leicht auch zwei oder drei Billionen werden. Entsprechend groß ist der Refinanzierungsbedarf, deswegen könnten die Zinsen dann etwas höher sein.

Wie blicken Sie persönlich auf den Verlauf der Pandemie?
In Europa ist der Verlauf ja besonders in Italien sehr schlecht. Aber es gibt Befürchtungen, dass es in zwei oder drei Wochen in New York genauso aussieht.

Herr Dudley, vielen Dank für das Interview!