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Der Druck durch Neuinfektionen steigt – ab Mittwoch drohen strengere Corona-Regeln

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Merkel und die Ministerpräsidenten beraten in dieser Woche erneut über die Corona-Lage. Doch sind die steigenden Fallzahlen ein geeigneter Gradmesser für neue Einschränkungen?

Bereits am Mittwoch berät die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten über die Lage. Foto: dpa
Bereits am Mittwoch berät die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten über die Lage. Foto: dpa

Vor den CDU-Spitzengremien warnte Angela Merkel am Montag erneut vor einem Kontrollverlust in der Corona-Pandemie. „Die Lage ist bedrohlich“, sagte die Kanzlerin. Offensichtlich würden die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichen, es komme nun auf jeden Tag an.

Die „Bild“-Zeitung hatte zuerst über Merkels Äußerungen berichtet, die dem Handelsblatt aus Parteikreisen bestätigt wurden. Es war die jüngste Mahnung der Kanzlerin, die das Land zuvor in ihrem Podcast auf schwierige Monate eingeschworen hatte.

In ihrer Regierungserklärung am Donnerstag im Bundestag dürfte Merkel einen ähnlichen Ton anschlagen. Außerdem will sie an diesem Mittwoch mit den Regierungschefs der Bundesländer in einer Videokonferenz über das weitere Vorgehen beraten. Steht Deutschland nach dieser Woche vor einem Lockdown wie im Frühjahr?

Dieses Szenario wollen Bund und Länder auf jeden Fall vermeiden. Doch je steiler die Kurve der Neuinfektionen nach oben schnellt, desto größer wird der politische Druck. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte, die Infektionszahlen könnten in wenigen Wochen so hoch liegen, dass es dann keine Alternative mehr zu harten Ausgangsbeschränkungen wie im Frühjahr gebe. Die Zahl der beim Robert Koch-Institut (RKI) gemeldeten Neuinfektionen überstieg zuletzt regelmäßig die Marke von 10.000 Fällen binnen 24 Stunden.

Kritik an Regierungsstrategie

Die Politik orientiert sich bei der Bewertung der Bedrohungslage stark an den Infektionszahlen – daran gibt es auch Kritik. Eine Gruppe von renommierten deutschen Gesundheitsexperten weist darauf hin, „dass die Zahl der Infektionen, die im Augenblick die öffentliche Debatte beherrscht, nicht gleichzusetzen ist mit der Krankheitsschwere der Epidemie“.

Zu dem Kreis, der sich seit dem Frühjahr in mehreren Thesenpapieren kritisch mit der Regierungsstrategie auseinandergesetzt hat, zählen ehemalige Mitglieder des Sachverständigenrats Gesundheit der Bundesregierung, Krankenkassenvertreter und Medizinprofessoren. Viele Infektionen verliefen unbemerkt oder nur mit einer leichten Beeinträchtigung, schreiben die Autoren in ihrem jüngsten Papier.

„Die Dramatik der Epidemie begründet sich erst durch die schweren Krankheitsverläufe beziehungsweise Todesfälle.“ Das bedeutet: Statt der Zahl der positiv Getesteten müsse das Augenmerk viel stärker auf der Belegung der Kliniken und den Krankheitsverläufen bei Risikogruppen liegen.

Die Karte der Bundesrepublik im täglichen Lagebericht des RKI färbt sich zunehmend in der roten Alarmfarbe ein. Immer mehr Kreise gelten als Risikogebiet, verzeichneten in den vergangenen sieben Tagen also mehr als 50 bestätigte Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. In 71 Kreisen lag die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz sogar über 100 Fällen pro 100.000 Einwohner, auf ganz Deutschland bezogen stieg sie auf 75.

Im roten Bereich liegt auch die Reproduktionszahl (R-Wert), die angibt, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Um eine Epidemie einzudämmen, muss R unter 1 sein. Seit Anfang Oktober liegt der Wert laut RKI aber deutlich über dieser Schwelle, zuletzt lag er bei 1,39.

Die täglich gemeldeten Neuinfektionen übersteigen mittlerweile die Fallzahlen aus dem Frühjahr – allerdings sind die Werte nur bedingt vergleichbar, da inzwischen viel mehr getestet wird. Doch die neue Dynamik der Pandemie lässt sich an der Positivrate ablesen: Fielen Ende August 0,75 Prozent der Corona-Tests positiv aus, lag die Rate zuletzt fünfmal so hoch. Die Gesundheitsämter sind mit der Nachverfolgung der Kontakte zunehmend überfordert.

Dagegen liegen die Kapazitäten in den Krankenhäusern weiter im grünen Bereich. Die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen stieg in der vergangenen Woche auf knapp 1300 an, laut RKI sind aber noch etwa 8300 Intensivbetten in Deutschland frei. Fünf Prozent der gemeldeten Corona-Fälle müssen gegenwärtig ins Krankenhaus, verglichen mit mehr als 20 Prozent im Frühjahr. Der Anteil der Verstorbenen unter den gemeldeten Covid-19-Fällen liegt seit Ende Juli kontinuierlich bei unter einem Prozent.

Durchschnittsalter liegt mittlerweile bei 39 Jahren

Eine Erklärung für die Unterschiede zum Frühjahr ist, dass sich nun eher junge Menschen infizieren, die statistisch gesehen nur ein sehr geringes Risiko eines schweren Covid-19-Krankheitsverlaufs haben. In den vergangenen Wochen steckten sich aber auch wieder vermehrt ältere Menschen an, das Durchschnittsalter der Fälle stieg von 32 Jahre Ende August auf 39 Jahre. Da die Erkrankung bei Älteren häufiger einen schweren Verlauf aufweise, steige nun die Anzahl an schweren Fällen und Todesfällen, so das RKI.

Auch Merkel warnte die CDU-Spitzen laut Sitzungsteilnehmern am Montag, dass Deutschland bei den Intensivbetten bald in eine „schwierige Lage“ geraten könnte. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sagte vor den Bund-Länder-Beratungen in dieser Woche dem Deutschlandfunk, er glaube zwar nicht, „dass wir noch mal eine Lockdown-Situation brauchen oder bekommen werden wie im Frühjahr“. Das gelinge aber nur, „wenn wir jetzt konzertiert als Bundesländer mit dem Bund zusammen klare Maßstäbe, die für jeden transparent sind, festlegen“.

Schutz von Risikogruppen

Die Expertengruppe um die früheren Gesundheitsweisen Matthias Schrappe und Gerd Glaeske fordert, statt Gedankenspielen über harte Kontaktbeschränkungen den Schutz von Risikogruppen stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Die aktuelle Debatte über Restriktionen und Schutzmaßnahmen konzentriere sich auf die Gesamtbevölkerung mit dem Schwerpunkt auf jüngere oder mobile Personen, schreiben sie.

Der Grundgedanke sei dabei, die Infektionsketten zu unterbrechen. „Es ist fraglich, ob dies gelingt“, heißt es in dem Papier mit Blick auf die Ausbreitung des Virus weiter.

Die Gruppe schlägt eine Reihe von Präventionsmaßnahmen für Risikogruppen vor. So sollten etwa Krankenhäuser und Pflegeheime nur noch mit FFP2-Masken, die einen hohen Schutz vor Infektionen bieten, betreten werden dürfen. Zudem müssten ältere und kranke Menschen über ihre Arztpraxen kostenlose FFP2-Masken erhalten.

Während es bei den professionellen Schutzmasken im Frühjahr große Engpässe gab, habe die Bundesregierung inzwischen große Reserven angelegt. „Es ist besser, diese aktuell einzusetzen und später zu ersetzen, als sie in Lagern zu verwalten.“

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