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Digitale Aufklärung: Bärs Bundeszentrale ist zu kurz gedacht

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Dorothee Bär will eine Bundeszentrale für digitale Aufklärung starten – doch das ist zu kurz gedacht. Vielmehr braucht es eine Zentrale, die medien- und digitalpädagogische Kompetenzen bringt.

Margit Stumpp, 57, ist Sprecherin für Medien- und Bildungspolitik der Grünen-Fraktion im Bundestag. Früher hat sie Informations- und Medientechnik sowie technische Physik an einer Berufsschule unterrichtet, wo sie auch für die Systemadministration und die Redaktion des Lehrerfortbildungsservers zuständig war.

Die Vision einer Bundeszentrale für digitale Aufklärung der Staatsministerin für Digitalisierung ist zu kurz gedacht und droht am Gerangel der Bundesregierung zu scheitern.

Dass digitale und Medienkompetenz(en) in einer zunehmend digitalisierten Welt immer wichtiger werden, ist unstrittig – auch, und gerade, im Rahmen des staatlichen Bildungsauftrages. Doch von Seiten der Koalition kam dazu in den letzten Jahren leider sehr wenig. Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) hat kürzlich hier in der Wirtschaftswoche für eine „Bundeszentrale für digitale Aufklärung“ geworben – außer einer in Grundzügen dargelegten Vision findet sich aber noch nichts Substantielles.

Auch auf Nachfragen räumt die Staatsministerin im Wirtschaftswoche-Interview ein, dass ihr lediglich zugebilligt wurde, ein grobes Konzept zum gemeinschaftlichen Vorgehen zur Stärkung der digitalen Aufklärung auszuarbeiten, das sie am Mittwoch im Digitalkabinett vorgestellt hat. An den für den Sommer 2021 angekündigten Start der Bundeszentrale glaubt selbst der berichtsverpflichtete Staatssekretär nicht mehr.

Die mangelnde Initiativkraft von Ministerin Anja Karliczek (CDU) hat nun offensichtlich nicht nur Angela Merkel (CDU) auf den Plan gerufen, wie die jüngsten Schul- und Bildungsgipfel im Kanzleramt zeigen. Sondern jetzt fühlt sich offenbar auch Frau Bär gedrängt, sich für Bildung, zumindest im digitalen Bereich, zu engagieren. Wollte sie tatsächlich Bewegung in dieses Thema bringen, müsste sie zuerst das nachholen, was sie als Staatssekretärin im Ministerium für Verkehr und Infrastruktur eine Legislatur lang versäumt hat: sie müsste dafür sorgen, dass jede Schule über einen Breitbandanschluss verfügt.

Denn ohne die notwendige Infrastruktur kann Schule weder zeitgemäße digitale- und Medienkompetenzen vermitteln, geschweige denn digitale Medien in den Unterricht einbinden. Stattdessen scheint Frau Bär der CSU-Tradition zu folgen, unwirtschaftliche Großbehörden mit beschränktem Handlungsfeld wie die Mobilfunkinfrastrukturgesellschaft (MIG) oder die angeregte gemeinsame Gesellschaft von Energiewirtschaft und Sicherheitsbehörden zur geteilten Nutzung von Frequenzen zu gründen.

Dabei liegt ein breit angelegtes Konzept ausgearbeitet auf dem Tisch: Die Idee einer „Bundeszentrale für digitale und Medienbildung“, die die medien- und digitalpädagogischen Kompetenzen bündelt, vermittelt und fördert, ist von unserer Grünen-Fraktion bereits Anfang des Jahres ins Parlament eingebracht worden.

Nun hat die Corona-Pandemie den Bedarf an Information im Bereich Digitalisierung für Schulen, aber auch für die Breite der Bevölkerung nochmals verdeutlicht. Wir wollen pädagogischen Fachkräften und allen interessierten Erwachsenen und Heranwachsenden eine bessere Orientierung im Netz geben, qualitätsgesicherte Angebote zur Verfügung stellen und so das große und somit unübersichtliche Angebot strukturieren.

Als ehemalige Lehrerin und Schuladministratorin weiß ich aus eigener Erfahrung, aber auch aus vielen Gesprächen und Rückmeldungen sehr gut, wie wichtig eine solche Anlaufstelle wäre, um gerade auch die noch zögerlichen Kolleginnen und Kollegen zu überzeugen.

Mit einer solchen Bundeszentrale würde der Bund seinen Anspruch, den Digitalpakt Schule zum Erfolg zu verhelfen, unterstreichen. Fragen rund um Unterricht mit digitalen Inhalten und Hilfsmittel sind im Schulalltag für viele Lehrkräfte eine Herausforderung. Weil das Netz voller Angebote und unzähliger Materialien ist, verliert man leicht den Überblick. Hinzu kommt: Viele Institutionen und Projekte arbeiten nebeneinander her, so dass viele Erfahrungen und theoretische Grundlagen immer wieder neu entwickelt werden müssen.

Eine „Bundeszentrale für digitale und Medienbildung“, die als unabhängige Plattform bestehende Angebote prüft, bündelt und bekannt macht, kümmert sich um die finanzielle und konzeptionelle Unterstützung medienpädagogischer, digitalpädagogischer und informatischer Projekte; sie soll bestehende Ideen und Erfahrungen vernetzen und könnte auch die Evaluation und Begleitforschung von Projekten koordinieren.

Als niedrigschwellige Anlaufstelle für Fachkräfte und Interessierte stellt sie geeignetes Material zur Verfügung, verlinkt zu qualitätsgesicherten Bildungsangeboten und bietet pädagogisch-didaktische sowie datenschutzrechtliche Beratung an, treibt schulische Entwicklungsnetzwerke voran und informiert über gelungene Beispiele aus der Praxis. Den bestehenden Angeboten wird so eine zentrale Plattform geboten und zu deutlich größerer Reichweite verholfen. Sie sind es wert, bekannter gemacht zu werden.

Mit einer solchen Bundeszentrale für digitale und Medienbildung versetzen wir Schulen, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler in die Lage, mit digitalen Medien den Unterricht zu bereichern, aber auch, ohne Klassenraum zu lehren und zu lernen. Das hilft in Ausnahmefällen wie der aktuellen Pandemie, aber auch im geregelten Schulalltag.

Die Bundeszentrale für digitale und Medienbildung ebnet den Weg, den digitalen Wandel selbstbestimmt, kompetent und kritisch zu gestalten. Mit einem Budget von jährlich zehn Millionen Euro aus Mitteln des Bundesbildungsministeriums unter inhaltlicher Zusammenarbeit mit der Staatsministerin für Kultur und Medien und der Staatsministerin für Digitalisierung machen wird deutlich, dass kein weiteres Projekt neben bestehenden geschaffen, sondern die digitale und Medienbildung auf einen neue Stufe gehoben wird. Die Bundeszentrale wird zur Plattform, auf der bestehende qualitativ hochwertige Angebote präsentiert, gebündelt und vernetzt werden.

Daher werde ich weiter für die Umsetzung dieses durchdachten Konzeptes werben. Das ist umso dringender, je weniger substanziell sich die aktuelle Bundesregierung um dieses Problem kümmert. Die Schulen brauchen jetzt endlich tatkräftige Unterstützung und keine weiteren Nebelkerzen oder Versprechungen, die Hoffnungen und Erwartungen enttäuschen.

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