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Wie Digitalbanken etablierten Geldhäusern die Geschäftskunden streitig machen

·Lesedauer: 7 Min.

Online-Geschäftsbanken rüsten im Wettbewerb mit den etablierten Rivalen auf. Mit immer mehr Dienstleistungen werben sie um Mittelständler und Freiberufler. Doch es gibt ein Manko.

Der Primus ist ein Finne. Unter dem Slogan „Mehr selbst, weniger ständig“ umwirbt Holvi mit Hauptsitz in Helsinki und Berlin erfolgreich vor allem Selbstständige. Mit insgesamt 90.000 Geschäftskunden in Deutschland ist das Fintech-Unternehmen der Platzhirsch in diesem Segment unter den Neobanken.

Mitgründer Tuomas Toivonen schaut deshalb nicht mehr in erster Linie auf die Fintech-Konkurrenz. Er hat ganz andere Rivalen im Visier. „Unsere Hauptkonkurrenten sind die traditionellen Banken, die Sparkassen, Volksbanken und privaten Banken“, sagt Toivonen dem Handelsblatt.

Der Vorstoß der Finnen ist ein Angriff auf die Etablierten – und er wird nicht allein von Holvi geführt. Zahlreiche Online-Geschäftsbanken rüsten auf. Mit immer mehr Dienstleistungen wollen sie herkömmlichen Banken Kunden streitig machen. Sie setzen auf besseren Service und höhere Nutzerfreundlichkeit – und können damit durchaus punkten.

Zum Vergleich: Das letztes Jahr gegründete digitale Geschäftskunden-Angebot der Deutschen Bank namens „Fyrst“ bringt es bis Oktober dieses Jahres auf 12.000 Kunden. Die Coronakrise ließ bei vielen Firmen und Selbstständigen die Scheu vor digitalen Angeboten schmelzen.

So suchen gleich mehrere digitale Herausforderer die Kraftprobe mit den etablierten Banken. Der deutsche Markt mit seinen 3,5 Millionen Freiberuflern, Soloselbstständigen und kleinen Unternehmen reizt auch digitale Geschäftsbanken wie Penta, Kontist, Moss (früher Vanta), Qonto oder Finom. Selbst Smartphone-Banken wie N26, die primär auf Privatkunden abzielen, sind an Geschäftskunden interessiert.

Die Entwicklung kommt für Sven Korschinowski, Partner Digital Payments bei der Wirtschaftsberatungsgesellschaft KPMG, nicht überraschend. „Gründer, Selbstständige und kleine Unternehmen erfahren in der Praxis häufig Schwierigkeiten, bei traditionellen Banken ein Geschäftskonto zu eröffnen“, findet der Experte.

Doch um die Klientel für einen Wechsel zu den Start-ups zu überzeugen, müssen die jungen Firmen einen Mehrwert bieten. Nach Korschinowskis Einschätzung punkten viele mit einer schnellen, verlässlichen und unkomplizierten Kontoeröffnung. Digitale Antrags- und Verarbeitungsprozesse seien zudem nutzerfreundlich gestaltet – und weitere Dienstleistungen sollen folgen.

Ende der Zettelwirtschaft

So will die digitale Geschäftsbank Penta, die zur Finleap-Gruppe gehört, das Ende der Zettelwirtschaft einläuten. Penta-Kunden können künftig ihre Buchhaltung direkt von ihrem Bankkonto aus vorbereiten und ihr Belegmanagement digitalisieren. Möglich macht das eine Kooperation mit Datev, dem führenden IT-Dienstleister für Buchhaltung.

„Der Kunde kann mithilfe der Datev-Marktplatz-Integration seine Belege über das Konto synchronisieren, um sie dem Steuerberater online zur Verfügung zu stellen“, sagt Chief Product Officer und Geschäftsführer von Penta, Lukas Zörner, dem Handelsblatt. Auf diese Weise werden Banking und Buchhaltung zusammengeführt, was dem Unternehmer eine enorme Zeitersparnis bringe.

Das digitale Geschäftskonto von Holvi kombiniert Rechnungsstellung, Spesenverwaltung und Buchhaltungsfunktionen. Kunden des Fintechs, das 2016 von der spanischen BBVA-Gruppe übernommen wurde, sollen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und sich nicht um die Finanzverwaltung kümmern, lautet der Anspruch.

Auch das französischstämmige Fintech Qonto versucht sich auf dem deutschen Markt. „Wir bieten nicht nur ein Geschäftskonto mit Karte an, sondern versuchen, mit unserem Business Finance Management auch einen Mehrwert zu stiften“, sagte der neue Deutschland-Chef von Qonto, Torben Rabe, dem Handelsblatt. Rabe löste Philipp Pohlmann ab, der das Unternehmen überraschend im Herbst verließ.

Beispielsweise können bei Qonto Unterkonten von Konten erstellt werden, die per Mausklick mit einer eigenen IBAN versehen werden, um getrennte Zahlungseingänge sicherzustellen. Qonto wurde im Herbst 2020 mit dem Fintech Germany Award 2020 vom Finanzplatz Frankfurt für das beste ausländische Fintech auf dem deutschen Markt gekürt.

Die Zielgruppe von Qonto überschneidet sich mit dem Kundenspektrum, das auch Penta anvisiert. „Wir sind eine Alternative für Ein-Personen-Unternehmen bis hin zu Betrieben bis zu 250 Mitarbeitern“, so Rabe, ein ehemaliger Unternehmensberater, der zuvor bei dem Scooter-Start-up Bird tätig war. Ein besonderes Augenmerk gilt den Gründern. „Bei unseren 120.000 Kunden in Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland entfällt ein Drittel der Kontoeröffnungen auf Start-ups“, so Rabe.

Vor allem Freelancer und Selbstständige im Visier

Anders als Penta und Qonto setzt Kontist ähnlich wie Holvi auf Selbstständige und Freelancer. Vor wenigen Monaten wurde ein neuer Steuerservice lanciert, der alle Dienstleistungen abdecken soll, die ein klassischer Steuerberater für den Freelancer anbietet. „Mit der neuen Funktion unserer App sind Nutzer in der Lage, Steuermanagement und Buchhaltung voll automatisiert aus einer Hand zu nutzen“, sagt Kontist-Gründer Christopher Plantener. Der Kunde wisse am Ende, wie viel Steuern er zahlen müsse. Diese würden dann auch deklariert und gezahlt.

Dass Neobanken sich mit ihren zusätzlichen Diensten von den etablierten Anbietern unterscheiden, ist für den Digitalisierungsexperten Korschinowski ein Muss. „Schließlich treffen die Herausforderer auf einen bestehenden Markt mit unzähligen Banken, welche nach und nach vermeintliche oder tatsächliche Defizite aufholen werden.“

Doch Holvi sieht sich auf einem guten Weg. Gerade in der Coronakrise habe die Firma weiter Boden gutgemacht, glaubt Toivonen. Die Pandemie setze natürlich auch den Kunden von Holvi zu. Aber unterm Strich sieht Toivonen die Pandemie als großen Beschleuniger der digitalen Bankgeschäfte.

„Unsere Hauptzielgruppe, Freelancer, Freiberufler und Unternehmen bis zu zehn Beschäftigte, hat realisiert, dass es außerhalb des traditionellen Bankenmarktes gute Alternativen gibt“, glaubt Toivonen. So werde der Kundenstamm des Fintechs auch 2020 weiterwachsen. Derzeit zählt Holvi europaweit bereits rund 200.000 Kunden.

Auch Fintech-Experte Korschinowski sieht die Coronakrise als Digitalisierungsbeschleuniger, hält den Ausgang allerdings noch für offen. „Wir werden in den nächsten Monaten und Jahren massive Veränderungen sehen. Das Rad wird nicht mehr zurückgedreht“, ist er sich sicher. Aber noch sei der Ausgang nicht entschieden. „Es wird sich zeigen, ob die Neobanken mit ihrem oft innovativeren Angebot, ihrer Nutzerfreundlichkeit oder schnellen Entscheidungswegen überproportional davon profitieren – oder die etablierten Banken mit ihrer langjährigen Erfahrung, der starken Kapitalbasis und ihrem Vertrauens-Joker.“

Denn Unternehmenskredite haben bisher nur wenige Smartphone-Banken im Angebot. Auch das niederländische Fintech Finom, das erst im Oktober in Deutschland startete, hält sich beim Thema Kredite zurück. Er sehe zwar gerade im aktuellen Umfeld die große Bedeutung von Krediten für Unternehmen und Freiberufler, sagte Mitgründer Konstantin Stiskin in einem Interview. Doch mit einem zeitnahen Angebot von Finom sei nicht zu rechnen. Auch Holvi hat keine konkreten Pläne.

Dagegen geht der Chef von Qonto Deutschland das Thema offensiv an. „Kredite sind definitiv etwas, was sich unsere Kunden wünschen“, sagt Rabe. An zwei Projekten werde gearbeitet. Zum einen wolle sich Qonto um eine Banklizenz bewerben. Zudem werde derzeit eine Zusammenarbeit mit einem Partner ausgelotet. Es gebe viele spezialisierte Akteure am Markt, die Lösungen für Kredite anbieten.

Kredite sind auch für Penta ein Thema. Die Online-Bank beschwerte sich schon im Frühjahr über das sogenannte Hausbanken-Prinzip bei der Durchleitung von KfW-Schnellkrediten. Viele Penta-Kunden hatten ein Interesse an diesen Hilfskrediten, doch ihre Online-Bank konnte ihnen zunächst nicht helfen.

Nachteil Firmenkredite

Vor wenigen Tagen präsentierte Penta zusammen mit dem Fintech Banxware eine digitale Lösung für das Problem. Danach kann der Schnellkredit beantragt werden, dann prüft der Kooperationspartner Vereinigte Volksbank Raiffeisenbank als Darlehensvermittler den Kreditantrag und übermittelt ihn an die Staatsbank KfW. Das Geld landet dann auf dem Penta-Geschäftskonto.

Bei dieser Dienstleistung will es Penta derzeit belassen. „Wir planen momentan nicht, eigene Kredite zu vergeben“, sagt Zörner.

Das könnte zu einem Wettbewerbsnachteil werden. „Für Gründer und diverse mittelständische Unternehmen ist es nicht immer leicht, Kredite im gewünschten Volumen oder zu passenden Konditionen zu erhalten“, beobachtet Korschinowski. Neobanken, die hier ein gutes und faires Angebot unterbreiten können, seien im Vorteil gegenüber anderen.

Bislang hat Penta aber noch keine Nachteile erfahren. Im Gegenteil. „Wir haben jetzt 25.000 Kunden und streben 2021 weiteres Wachstum an“, meint Zörner. Nach den letzten Produkterweiterungen gebe es „für deutsche Kunden keinen Grund mehr, eine Volksbank oder Sparkasse uns vorzuziehen“, behauptet er. Nun muss er nur noch die Kunden davon überzeugen.