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„Mit diesem Schuh rettest du Schildkröten und Delfine“

·Lesedauer: 5 Min.

Schuhe aus Algen, Trikots aus Spinnweben – die weltweite Suche nach nachhaltigen Materialien läuft. James Carnes, bei Adidas für Strategie und Nachhaltigkeit verantwortlich, über die Fahndung nach Rohstoffen von morgen.

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WirtschaftsWoche: Herr Carnes, Pioniere wie Patagonia verwenden seit mehr als 30 Jahren recyceltes Plastik für Fleece-Pullis – warum hat Adidas so lange gebraucht, das Thema zu entdecken?
James Carnes: Recyceltes Polyester verwenden auch wir schon seit gut 20 Jahren. Allerdings ging es uns lange Zeit so, wie den meisten Unternehmen der Branche – wir haben es nur in einem kleinen Teil unserer Kollektionen verwendet.

Warum?
Es fehlte ganz praktisch an den nötigen Rohstoffen wie recyceltem Plastik, sei es aus PET-Flaschen, Ozeanplastik oder Fischernetzen, um auf eine gewisse Größenordnung und damit zu einer Skalierbarkeit zu kommen. Hier hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert.

Wie gehen Sie vor?
Wir haben vor allem durch unsere Partnerschaft mit der Organisation Parley for the Oceans früh erkannt, dass wir als Hersteller unseren Beitrag leisten müssen, um das Plastikproblem zu lösen. Dazu gibt es bei uns inzwischen verschiedene Ansätze. Und es hat sich gezeigt, dass der Schutz der Meere vielen Menschen sehr wichtig ist. Ozeanplastik ist das perfekte Symbol, um auf das weltweite Plastikproblem hinzuwesen. Denn wenn ich einem Kunden sage: Dieser Schuh besteht aus recyceltem Plastik von einer Müllkippe, spricht ihn das nicht an und wird ihn auch kaum zum Nachdenken bringen. Wenn ich ihm aber sage: Mit diesem Schuh rettest du Schildkröten und Delfine, löst das etwas ganz anderes aus.

Allerdings besteht auch der immer noch aus Plastik?
Ja, das stimmt und darum wollen wir es schaffen, Plastik komplett zu vermeiden. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg. Daher ging es uns und Parley zunächst einmal darum, auf das Thema aufmerksam zu machen. Schuhe aus Ozeanplastik, von denen wir in diesem Jahr immerhin an die 20 Millionen Paare herstellen werden, waren da ein wichtiger Schritt. Schließlich landen mehr als zehn Prozent jener 350 Millionen Tonnen Plastik, die jedes Jahr produziert werden, in Meeren und Flüssen. Wir helfen jetzt dabei mit, in einigen der am stärksten vom Müllproblem betroffenen Ländern und Inselstaaten eine Infrastruktur für Recycling zu schaffen. Dies soll helfen, möglichst viel Ozeanplastik einzusammeln und ihn zu einem Rohstoff zu machen, der es auch bei den Beschaffungskosten mit herkömmlichen Kunststoffen aufnehmen kann. Inzwischen liegt der Preis nur noch geringfügig über konventionell recyceltem Polyester. Bei uns liegt heute der Gesamtanteil von recyceltem Polyester aus verschiedenen Quellen an der gesamten Kollektion bei deutlich über 50 Prozent.

Damit lösen Sie allerdings noch nicht das Problem, dass auch diese Turnschuhe und Trikots in der Umwelt oder auf Müllhalden landen?
Darum arbeiten wir auch an einem weiteren Projekt, das wir den „Circular Loop“ nennen. Hier ist das Ziel, dass aus dem Produkt selbst wieder ein neues recyceltes Produkt wird, und das hoffentlich möglichst oft. Aktuell arbeiten wir an dem Laufschuh „Futurecraft Loop“, der, statt wie bislang üblich aus unterschiedlichen nur noch aus einem einzigen Kunststoff besteht und ohne Klebstoff zusammengefügt wird. Diesen Schuh können wir dann einfacher recyceln und für einen neuen Schuh verwenden.

Es bleibt aber immer noch beim Plastik…
Ja, das ist uns bewusst. Darum soll der dritte Loop tatsächlich zu einer Art Ausgang führen, zu Materialien, die beispielswiese aus synthetischen oder biologischen Polymeren besteht, aus Hefe, Algen oder künstlichen Spinnenfäden, die womöglich nicht einmal mehr recycelt werden müssen, sondern sich nach dem Gebrauch zersetzen und praktisch zu Staub werden, auf eine Weise, die dem Planeten keinen Schaden zufügt.

Adidas ist ein Milliardenkonzern mit Millionen von Produkten – wie schnell lässt sich ein solcher Tanker wirklich umsteuern?
Sie müssen eins sehen – vor fünf Jahren hatten wir noch keinen einzigen Schuh aus Meeresplastik, heute sind es Millionen. Allein 2019 haben wir 5000 Tonnen Plastik von Stränden eingesammelt, bevor es im Meer landen konnte. Die Infrastruktur für das Einsammeln wird mit jedem Jahr besser funktionieren, entsprechend schneller wächst auch der Anteil des Materials an unseren Produkten. Unser Ziel steht – ab 2024 wollen wir ausschließlich recycelten Polyester verwenden. Und wir kommen auf diesem Weg sehr gut voran.

Das mag sein, aber es bleibt doch das Problem, dass es sich noch immer um Plastik handelt. Selbst Ihr Loop-Schuh könnte auf der Müllhalde oder im Meer landen.
Ja, deshalb suchen wir bei unserem dritten Loop nach vollständig neuen Materialien. Dabei stehen wir vor der Herausforderung, dass wir High-Perfomance-Materialien brauchen, die bestimmte Anforderungen erfüllen. Es gibt eine Reihe von natürlichen Materialien, aber die Mehrzahl davon ist nicht so gut für den Sport geeignet. Natürlich kann ich aus Baumwolle ein T-Shirt machen. Beim Sport wird es jedoch nass und ist dann nicht mehr so angenehm zu tragen. Darum bestehen unsere Trikots heute ja meistens aus Polyester.

Was könnte die Lösung sein?
Wir schauen uns gerade beispielsweise protein-basierte Garne an, dazu Fermentationsprozesse, die mit Hilfe von Bakterien und Hefe ablaufen. Wir arbeiten mit einer Vielzahl von Start-ups wie Modern Meadow zusammen, um hier zu forschen. Modern Meadow hat zum Beispiel ein lederartiges Material entwickelt. Dazu sprechen wir viel mit Wissenschaftlern über Materialien wie Algen oder das Wurzelgeflecht von Pilzen.

Wie lange wird es dauern von dieser Grundlagenforschung zu den ersten Produkten? In welcher Phase dieses Projektes sind Sie gerade – am Start eines Marathons oder erst noch beim Aufwärmen?
Wenn wir davon ausgehen, dass unrecycelter Polyester mittlerweile bei Kilometer 40 angekommen ist, also kurz vor dem Ende, dann ist sicherlich das Thema Proteine schon am weitesten. Wir stellen etwa mit Partnern bereits künstliche Seide her. Spider- oder Microsilk hätte danach die ersten Kilometer geschafft, hier haben wir bereits die ersten Schuhe produziert. Algen und Pilze liegen noch dahinter. Aber für alles gilt: wir haben das Rennen aufgenommen und sind gestartet. Und es gibt einen weiteren Aspekt: Dadurch, dass wir in das Thema eingestiegen sind, kommt eine ganz andere Dynamik hinein. Wir lenken Aufmerksamkeit auf Start-ups und Wissenschaftler. Deshalb haben auch vermeintlich kleine Produktstarts mit zunächst vielleicht 100 oder 200 Paaren eine Wirkung – sie belegen, dass wir es ernst meinen. Denn wenn wir 100 Paare schaffen, überlegen wir, wie daraus 1000 werden können. Und dann 10.000 oder gar 100.000. Und dann bekommt das Thema einen richtigen Hebel.

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