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Diese Politik-Influencerin verkauft Strumpfhosen mit feministischen Botschaften

Vivien Wysocki hat 28.000 Follower auf Instagram, über das Portal werden Bilder mit ihren Strumpfhosen gern geteilt. - Copyright: Saint Sass
Vivien Wysocki hat 28.000 Follower auf Instagram, über das Portal werden Bilder mit ihren Strumpfhosen gern geteilt. - Copyright: Saint Sass

Auf dem Tisch neben Vivien Wysocki steht ein Bilderrahmen, der ein Zitat der Sängerin Cher zeigt: „Mom, I am a Rich Man“. Chers' Antwort auf den Rat ihrer Mutter, doch einfach reich zu heiraten. Und für Wysocki einer der Anstöße, der sie zur Gründung motivierte: „Dieses Zitat hat mich so beeindruckt, ich habe mich darin selbst gesehen. Dann dachte ich: Ich hätte richtig Lust, in ein typisches weibliches Produkt wie Strumpfhosen so eine Botschaft einzubauen.“

Gedacht, getan. Vor anderthalb Jahren gründet sie ihre Marke Saint Sass, die Strumpfhosen mit eingängigen Sprüchen vertreibt: „Ich liebe Kleider und Röcke, ich habe schon immer gern Strumpfhosen getragen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es entweder diese klassischen Strumpfhosen-Marken gibt, die zwar gute Qualität anbieten, aber eben auch eingestaubt und konservativ wirken. Oder modernere Marken, bei denen die Qualität dann aber oftmals sehr schlecht ist“, erklärt Wysocki.

Die Fenster des kleinen Büroraums von Saint Sass in bester Berlin-Mitte-Lage zieren Schaufensterpuppen nur mit Strumpfhosen bekleidet, auf denen Sprüche wie „God Is a Woman“, „Troublemaker“ oder „Not Your Babe“ aufgenäht sind, in schwarz, neongelb oder rot. Ein Artikel kostet im Onlineshop 32,90 Euro. Ende Oktober ging eine Kooperation mit dem Sextoy-Hersteller Fun Factory auf den Markt, „Lol Fuck“ steht auf der Strumpfhose. Auf Instagram ist Saint Sass ein voller Erfolg: Zwar folgen dem Profil nur 20.000 Fans, allerdings teilen Influencerinnen wie Céline Bethmann und Julia Kammerer ihre Strumpfhosen-Outfits mit Hunderttausenden Fans.

Dass sie gründen möchte, habe Wysocki schon mit 15 gewusst. An ihrer Schule nahm sie an einem Programm teil, bei dem man eine Firma gründen konnte: „Mir hat es einfach Spaß gemacht, meine eigenen Ideen umzusetzen, das zu realisieren, was ich im Kopf hatte. Ich fand es großartig, mein eigener Chef sein zu können“, sagt sie rückblickend.

Erster Investor fand sich über Clubhouse-App

Nach dem Abitur studierte sie aber erst einmal Medienwissenschaften. Dann kam die Corona-Pandemie, ihr Leben dadurch zum Stillstand: Für ein anschließendes Masterstudium hätten ihre Noten nicht gereicht, ihre Modeljobs fielen aus, sie hatte vor allem im Ausland gearbeitet. Aufhalten ließ Wysocki sich aber nicht und beschloss daher zu gründen. Und das, obwohl niemand aus ihrer Familie ihr mit Erfahrung oder Expertise aushelfen konnte. Kurz nachdem Saint Sass online ging, stieg mit Larissa Schmid eine Co-Founderin in das Startup ein. Über die Audio-App Clubhouse, die Anfang 2021 mitten im Lockdown für kurze Zeit durch die Decke ging, fand die Gründerin ihren ersten Investor. Mehrere Business Angels sind mittlerweile an Saint Sass beteiligt, darunter der Ex-Prosiebensat.1-Spartenchef Sebastian Weil und Björn Jopen. Beide sind Gründer der Podcast-Agentur Julep und halt zusammen die Mehrheit an Saint Sass. Wie viel Geld das Startup seit der Gründung insgesamt erhalten hat, verrät Wysocki nicht.

Nach der Gründung mitten in der Corona-Pandemie musste Wysocki ihr Unternehmen durch die nächste Krise steuern. Die steigenden Energiepreise aufgrund des Krieges in der Ukraine trafen auch ihr Startup, die Produktionskosten für die Strumpfhosen sind um 30 Prozent gestiegen – bisher.

Insbesondere die kommenden Monate wollen gut geplant sein, denn die Strumpfhosen-Saison beginnt gerade erst und dauert bis Frühjahr. Planen, das geht gerade aber nur sehr kurzfristig: „Wir wissen meistens ganz genau, was wir die nächsten drei Monate machen, aber nicht die nächsten acht.“ Als junges Startup ist das umso schwieriger, es gibt keine Rücklagen, die Investoren sind weniger risikofreudig, die Reaktion der Kundinnen auf anstehende Preiserhöhungen sind nicht vorhersagbar. Ende des Jahres steht für ihre Firma daher eine neue Finanzierungsrunde an.

Mittlerweile sind sie bei Saint Sass fest zu dritt im Team, dazu kommen Praktikanten und Mini-Jobber, die sich zum Beispiel um das Einpacken der Produkte kümmern. Dass sie mit Larissa Schmid eine Co-Gründerin an Bord hat, ist für Wysocki ein großer Vorteil: „Es ist ein bisschen wie eine mentale Reinigung für mich jemanden zu haben, mit dem ich über die ganzen Probleme sprechen kann. Ich fühle mich dadurch deutlich sicherer. Larissa bringt außerdem Fähigkeiten im Bereich Finance mit, wodurch wir uns die Verantwortlichkeiten aufteilen können.“ Sich als junges Startup funktionierende interne Strukturen aufzubauen, eine große Herausforderung. Und auch an ihre neue Rolle als Chefin musste sich die 27-Jährige erst einmal gewöhnen: „Am Anfang war das für mich schon überfordernd. Ich musste lernen, dass ich mir Zeit freiräumen muss, um mein Team einzuweisen und zu betreuen.“

Selfies mit Franziska Giffey

Zeit für Abschalten und Entspannung bleibt da wenig: „Als Gründerin fit zu bleiben und einen Ausgleich zu finden, ist für mich schwierig. Ich habe für mich noch kein funktionierendes Rezept gefunden.“ Denn neben ihrer Unternehmerinnentätigkeit arbeitet Wysocki noch als Model und spricht auf Social-Media über ihr Herzensthema: Politik.

So findet man auf Wysockis Instagram-Account Beiträge über die drohende Überwachung privater Chat-Nachrichten durch die EU-Kommission. Oder ein Selfie-Video mit Franziska Giffey aus deren Limousine, sie begleitete die nun amtierende Berliner Bürgermeisterin einen Tag lang im Wahlkampf. All das tritt aber aktuell in den Hintergrund: „Für mich hat jetzt die Gründung Priorität. Man kann eben nicht in Teilzeit gründen. Ich merke aber, dass mir das Teilen von politischem Content immer noch sehr wichtig ist. Und das Modeln ist ab und zu natürlich eine willkommene und schöne Abwechslung.“

Inspiration für ihre Statement-Strumpfhosen findet Wysocki vor allem im Bild der selbstbestimmten Frau, die Widersprüchlichkeiten leben darf und soll. Denn mit der Frage, wie es sein kann, dass sich ein Model für Politik interessiert oder ihre Mitgründerin Larissa Schmid gerne pink trägt, aber sich bei Saint Sass um die Finanzen kümmert, sahen sich beide Frauen oft konfrontiert. Noch neu, aber bei den Kundinnen schon beliebt, ist die Strumpfhose mit dem Aufdruck „The Future is Female“. Dieses Ziel hat Vivien Wysocki in jedem Fall fest im Blick.