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Die Deutsche Börse profitiert von der Coronakrise – vorerst

Das Auf und Ab an den Finanzmärkten beschert der Deutschen Börse deutlich mehr Gewinn. Doch schon bald wird die Pandemie zu spürbaren Belastungen führen.

Die Deutsche Börse profitiert vom regen Handel in der Coronakrise. Der bereinigte Gewinn schoss im ersten Quartal um ein Drittel nach oben – auf 387 Millionen Euro. „Das außerordentliche Marktumfeld im ersten Quartal hat auch zu einem außerordentlich guten Ergebnis bei der Deutschen Börse geführt“, sagte Finanzchef Gregor Pottmeyer.

Die Kurse an den Börsen sind wegen der Ausbreitung des Coronavirus ab Februar kräftig eingebrochen, haben sich zwischenzeitlich jedoch wieder etwas erholt. Insgesamt waren die Ausschläge an den Märkten dabei größer als in der Finanzkrise – und das führte zu einem deutlich höheren Handelsvolumen.

Davon profitierte im ersten Quartal besonders die Derivatebörse Eurex. Die wichtigste Sparte der Deutschen Börse baute ihren Betriebsgewinn (Ebitda) um 45 Prozent auf 258 Millionen Euro aus. Besonders gefragt waren Aktienindexderivate – hier zogen die Nettoerlöse um satte 63 Prozent an.

Euphorie bricht bei der Deutschen Börse trotz dieser Zahlen jedoch nicht aus, denn die Folgen der Coronakrise werden in anderen Konzernsparten schon in den kommenden Quartalen zu spürbaren Belastungen führen. Trotz des starken Jahresstarts hebt das Unternehmen seine Ziele deshalb nicht an.

Die Hessen rechnen im laufenden Jahr weiter mit einem moderaten Gewinnanstieg um 8,5 Prozent auf 1,20 Milliarden Euro. Einige Analysten sind da optimistischer.

„Trotz des starken Jahresauftakts behält die Gruppe die Prognose für 2020 bei, maßgeblich da im weiteren Jahresverlauf mit Rückgängen in einigen Geschäftsbereichen wie den Nettozinserträgen bei Clearstream gerechnet wird“, erklärte die Deutsche Börse.

Die Wertpapierverwahr-Tochter Clearstream verwaltet milliardenschwere Bareinlagen von Kunden, den Großteil davon in Dollar. Da die US-Notenbank Federal Reserve ihre Zinsen im Zuge der Coronakrise gesenkt hat, wird Clearstream damit künftig weniger Zinserträge erzielen.

Im ersten Quartal konnte das niedrigere Zinsniveau durch einen deutlichen Anstieg der US-Dollar-Einlagen noch weitgehend ausgeglichen werden. Insgesamt stieg der Betriebsgewinn der zweitwichtigsten Konzernsparte Clearstream um 16 Prozent auf 155 Millionen Euro.

Dividende steht, neue Strategie kommt später

Konzernweit kletterten die Nettoerlöse um 27 Prozent auf 915 Millionen Euro, was zu großen Teilen auf den Rückenwind von den Märkten zurückzuführen ist. Darüber hinaus steuerten Zukäufe drei Prozentpunkte und strukturelle Wachstumsinitiativen acht Prozentpunkte zum Anstieg bei.

Auf das strukturelle Erlöswachstum ist Finanzchef Pottmeyer besonders stolz. „Dies stimmt uns zuversichtlich, auch in Zukunft unabhängig von der fundamentalen Entwicklung weiter nachhaltig zu wachsen.“

Darüber hinaus bestätigte die Börse, dass sie nach der virtuellen Hauptversammlung am 19. Mai wie anvisiert eine Dividende von 2,90 Euro je Aktie ausbezahlen will. Das Unternehmen geht damit einen anderen Weg als viele Banken, die auf Druck der Finanzaufsicht fürs Erste auf Ausschüttungen verzichten.

Die aktuelle Strategie der Deutschen Börse hat drei wesentliche Stoßrichtungen: organisches Wachstum, ein stärkerer Fokus auf Technologie sowie Zukäufe. Seit seinem Amtsantritt Anfang 2018 hat Vorstandschef Theodor Weimer mehrere kleine und mittelgroße Deals gestemmt. Große Übernahmen sind ihm im Gegensatz zur Konkurrenz bisher jedoch nicht gelungen. 

Anfang April erklärten Weimer und Pottmeyer in einer Telefonkonferenz mit Analysten, dass die Preise von möglichen Übernahmezielen im Zuge der Coronakrise gesunken seien. Das Unternehmen könne derzeit allerdings nur Kandidaten identifizieren und vorbereitende Arbeiten erledigen. Eine genaue Buchprüfung vor Ort sei dagegen nicht möglich. Deshalb sei es unwahrscheinlich, dass es zu Transaktionen komme, bis sich die Lage entspannt habe.

Auch die geplante Verkündung der neuen Strategie „Compass 2023“ verzögert sich wegen der Pandemie. Ursprünglich wollte Weimer sie am 28. Mai bei einer Investorenkonferenz in London vorstellen. Nun soll das Ganze irgendwann im Herbst stattfinden.

Grundsätzlich sieht Weimer keinen Bedarf, die Ausrichtung der Deutschen Börse fundamental zu ändern. „Aber wir müssen an der einen oder anderen Stellschraube ansetzen“, sagte der Vorstandschef im Februar. Der Konzern wolle sich aus bestimmten Subsegmenten zurückziehen und im Gegenzug in anderen Bereichen noch aktiver werden, etwa bei nachhaltigen Investments.