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Deutsche Börse kauft Stimmrechtsberater ISS für 1,5 Milliarden Euro

·Lesedauer: 4 Min.

Mit der Akquisition setzt der Konzern auf die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Investments. Für CEO Weimer kommt der Deal zum idealen Zeitpunkt.

Pünktlich vor dem Investorentag an diesem Mittwoch gelingt Vorstandschef Theodor Weimer der erste Milliardendeal. Foto: dpa
Pünktlich vor dem Investorentag an diesem Mittwoch gelingt Vorstandschef Theodor Weimer der erste Milliardendeal. Foto: dpa

Die Deutsche Börse stemmt die größte Übernahme seit der Finanzkrise. Das hessische Unternehmen kauft für rund 1,5 Milliarden Euro eine Mehrheitsbeteiligung am amerikanischen Konzern Institutional Shareholder Services (ISS) – und setzt damit auf den Trend zu nachhaltigen Investments.

ISS ist in der Öffentlichkeit vor allem als Stimmrechtsberater bekannt, an dessen Empfehlung sich große Investoren bei Abstimmungen auf Hauptversammlung orientieren. Darüber hinaus berät ISS Unternehmen und Investoren jedoch auch bei den Themen Umwelt (Environment), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance) und verfügt in dem stark wachsenden ESG-Segment zudem über eine Vielzahl an Daten.

Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer sieht durch die Übernahme deshalb großen Wachstumschancen im Geschäft mit nachhaltigen Investments. „Gemeinsam haben ISS und die Deutsche Börse beste Voraussetzungen, um einer der weltweit führenden ESG-Akteure der Zukunft zu werden“, sagte der 60-Jährige.

Versicherer, Vermögensverwalter und Pensionskassen setzen seit einiger Zeit verstärkt auf nachhaltige Anlagen. Zudem üben Schwergewichte wie der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock Druck auf Unternehmen aus, mehr für Klimaschutz zu tun. Blackrock ist überzeugt, dass Klimarisiken immer auch Investmentrisiken sind – und dass man bessere Renditen erzielt, wenn man Klimarisiken berücksichtigt.

Alle guten Dinge sind drei

Für die Deutsche Börse ist ISS die größte Übernahme seit dem 2,8 Milliarden Dollar schweren Kauf der US-Optionsplattform ISE im Jahr 2007. Der Konzern aus Eschborn bei Frankfurt will die Akquisition mit Krediten in Höhe von einer Milliarde Euro und Barmitteln finanzieren – eine Kapitalerhöhung ist also nicht nötig.

Für Vorstandschef Weimer könnte das Timing nicht besser sein. Der ehemalige Investmentbanker hat seit seinem Amtsantritt 2018 immer wieder größere Übernahmen in Aussicht gestellt, zog jedoch zweimal bei interessanten Deals den Kürzeren.

Die erhoffte Übernahme der Devisenhandelsplattform FXall platzte genauso wie kürzlich der Kauf der Mailänder Börse. Die Borsa Italiana geht stattdessen für 4,3 Milliarden Euro an die französische Mehrländerbörse Euronext.

Doch nun kann Weimer pünktlich zum Investorentag an diesem Mittwoch seinen ersten Milliarden-Deal präsentieren. Bei der Veranstaltung, die wegen der Coronakrise vom Frühjahr in den Herbst verschoben wurde, will der Vorstandschef auch die Strategie bis ins Jahr 2023 vorstellen.

Die Deutsche Börse übernimmt nach eigenen Angaben circa 80 Prozent an ISS, wobei das komplette Unternehmen mit 2,275 Milliarden Dollar (1,925 Milliarden Euro) bewertet wird. Der bisherige Eigentümer, der Finanzinvestor Genstar Capital, und das ISS-Management halten die übrigen 20 Prozent.

Das derzeitige ISS-Führungsteam um Vorstandschef Gary Retelny investiert im Rahmen der Transaktion in das Unternehmen. Es soll die Geschäfte nach dem Abschluss der Übernahme, der im ersten Halbjahr 2021 erwartet wird, weiterhin führen.

Brisante Konstellation

Genstar hatte ISS vor drei Jahren für 720 Millionen Dollar vom Finanzinvestor Vestar Capital Partners übernommen und das Unternehmen seitdem kräftig ausgebaut. Die Mitarbeiterzahl hat sich auf rund 2000 verdoppelt. Nach eigenen Angaben hat ISS weltweit aktuell mehr als 4000 Kunden, darunter die größten Investoren der Welt.

Die Deutsche Börse hofft, dass sie mit diesen nun auch in anderen Bereichen verstärkt ins Geschäft kommt. Zudem will sie mit Hilfe von ISS das Angebot an nachhaltigen Indizes ausbauen. An diesen orientieren sich unter anderem börsennotierte Indexfonds (ETFs).

„Wir glauben, dass die Verknüpfung der ESG-Daten von ISS mit Stoxx-Indizes das Potenzial hat, um neue, leistungsstarke und innovative Lösungen zu entwickeln“, sagte ISS-Chef Retelny. Unter dem Strich erwarten beide Unternehmen bis 2023 Umsatzsynergien von 15 Millionen Euro.

Im laufenden Jahr rechnet ISS mit Nettoerlösen von mehr als 280 Millionen Dollar und einer operativen Gewinnmarge (Ebitda-Marge) von rund 35 Prozent. Bis 2023 soll der Umsatz aus eigener Kraft um fünf Prozent pro Jahr wachsen. Mit dem neuen Eigentümer im Rücken und durch weitere Zukäufe könnten die Zuwächse aber auch höher ausfallen.

Die Deutsche Börse sichert ISS zu, dass die Amerikaner auch nach der Übernahme mit ihren Daten- und Research-Angeboten unabhängig agieren können. In Zukunft könnte es somit zu der brisanten Konstellation kommen, dass die Tochter ISS als Stimmrechtsberater die Unternehmensführung des Mutterkonzerns Deutsche Börse kritisiert.

In der Vergangenheit ist dies bereits mehrfach passiert. Vor der Hauptversammlung 2018 empfahl ISS den Aktionären der Börse beispielsweise, Weimers Vorgänger Carsten Kengeter die Entlastung zu verweigern.