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Desaströse Konjunkturdaten halten den Dax in der Verlustzone

Prognosen und Umsatzwerte für Einzelhandel und Industrie in Europa nähren eine Befürchtung: Die Rezession in der Corona-Pandemie wird sehr deutlich ausfallen. Der Dax schließt im Minus.

Der ETF-Ratgeber 2020 im Handelsblatt-Dossier gibt Überblick rund ums Investieren in ETFs und steht als PDF-Datei zum Download bereit. Foto: dpa

Die Serie historisch schlechter Konjunkturdaten, die Anleger derzeit verdauen müssen, reißt nicht ab. Das belastet auch den deutschen Leitindex Dax. Das Börsenbarometer schloss am Freitag 1,7 Prozent tiefer bei 10.336 Punkten.

Zudem dämpfen Medienberichte die Hoffnung, dass der US-Pharmakonzern Gilead einen Durchbruch bei der Entwicklung einer Therapie zur Behandlung der Lungenkrankheit Covid-19 erzielt hat. Gilead wies den Bericht über enttäuschende Testergebnisse bei dem Mittel Remdesivir zurück, die Studie in China sei wegen mangelnder Teilnehmerzahl vorzeitig abgebrochen worden.

„Dieses Medikament hatte an den Börsen zuletzt für einen deutlichen Sprung nach oben gesorgt“, sagte Thomas Altmann, Portfoliomanager bei der Vermögensverwaltung QC Partners. „Von daher ist diese Meldung eine deutliche Warnung an alle euphorischen Investoren.“

Nur langsam vervollständigt sich das Puzzle, wie stark die Corona-Pandemie die Weltwirtschaft lähmt. So wurde am Freitag bekannt, dass der Einzelhandel in Großbritannien im März gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als vier Prozent eingebrochen ist – ein Rückgang, der selbst in der Finanzkrise 2008 nicht erreicht wurde.

Auch in Japan liegt der Einzelhandel brach: Die Händler in der Hauptstadt Tokio meldeten im März einen Rückgang der Umsätze um fast 35 Prozent. Einen ähnlichen Rückgang in diesem Ausmaß sucht man in den Zeitreihen des Finanzdienstes Bloomberg vergeblich.

Auch aus der Industrie gab es am Freitag schlechte Zahlen: Der europäische Nutzfahrzeugmarkt ist wegen der Coronavirus-Pandemie im März fast um die Hälfte eingebrochen. Mit 105.196 Fahrzeugen seien 47,3 Prozent weniger zugelassen worden als im Vorjahresmonat, teilte der zuständige Branchenverband Acea am Freitag in Brüssel mit.

Bereits im Januar und im Februar waren die Zulassungszahlen rückläufig gewesen, der Rückgang im März war nun allerdings nochmals erheblich größer. Am stärksten fielen die Rückgänge in den besonders schwer von der Covid-19-Pandemie gebeutelten Ländern Italien (minus 66,1 Prozent), Spanien (minus 64,4 Prozent) und Frankreich (minus 63,1 Prozent) aus.

Auch die vom Ifo-Institut befragten Manager schätzten ihre Lage schlechter ein und blicken auch skeptischer in die Zukunft. Der am Freitag veröffentlichte Ifo-Geschäftsklimaindex für April fiel deutlicher als erwartet: Von 85,9 Zählern im März auf jetzt 74,3 Punkte. Das ist der niedrigste jemals gemessene Wert. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Volkswirte hatten mit einem Rückgang auf 80,0 Punkte gerechnet. „Die Stimmung unter den deutschen Unternehmen ist katastrophal“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Am Donnerstag hatten bereits das GfK-Konsumbarometer in Deutschland und die Einkaufsmanagerindizes für den europäischen Dienstleistungssektor signalisiert, dass Deutschland und Europa auf eine schwere Rezession zusteuern. Die Europäische Union steuert wegen der Coronakrise auch nach den Worten von EU-Industriekommissar Thierry Breton auf einen Einbruch der Wirtschaftsleistung von fünf bis zehn Prozent zu.

Zudem richtet sich der Blick der Anleger auch auf die Bundeskanzlerin. Angela Merkel berät sich mit Vertretern von Wirtschaft und Gewerkschaften zur Coronakrise. Dabei könnte es auch um mögliche weitere Lockerungen und wirtschaftspolitische Maßnahmen gehen.

Blick auf die Einzelwerte

Deutsche Bank und Commerzbank: Die Ratingagentur Standard & Poor's (S & P) hat wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise bei der Commerzbank, der Deutschen Bank und anderen deutschen Geldhäusern den Daumen gesenkt. Bei der Commerzbank stufte S & P die Bonitätsnote um eine Note auf „BBB+“ herunter, der Ausblick bleibt „negativ“, wie die Bonitätswächter am Donnerstag mitteilten.

Bei der Deutschen Bank bestätigte S & P zwar die Einstufung der Kreditwürdigkeit mit „BBB+“, senkte aber den Ausblick auf „negativ“ von „stabil“. Während die Bonitätswächter bezweifeln, dass die Commerzbank ihre neue Strategie „Commerzbank 5.0“ inklusive des geplanten Verkaufs der polnischen Tochter M-Bank wie geplant umsetzen kann, sehen sie die Restrukturierung der Deutschen Bank im Grunde auf Kurs. Die Aktien der beiden größten deutschen Geldinstitute sanken um 6,8 Prozent (Deutsche Bank) sowie 4,1 Prozent (Commerzbank) und gehörten am Freitag zu den größten Verlierern am Aktienmarkt.

Lufthansa: Um acht Prozent abwärts ging es für die Papiere von Deutschlands größter Airline. Damit führt die Lufthansa die Verliererliste des Dax an. Mit 7,20 Euro kosteten die Aktien so wenig wie seit der Sars-Pandemie vor 17 Jahren nicht mehr. Insidern zufolge will die Fluggesellschaft Anfang nächster Woche ein staatliches Hilfspaket von bis zu zehn Milliarden Euro schnüren. Im ersten Quartal weitete sich der Verlust auf 1,2 Milliarden Euro aus. Wegen der Pandemie ist der Flugverkehr in Deutschland fast vollständig eingestellt.

Nestlé: Beim Schweizer Nahrungsmittelriesen läuft es dagegen blendend. Nestlé hat sein Wachstum im Startquartal 2020 beschleunigt. Das organische Umsatzwachstum belief sich in den ersten drei Monaten auf 4,3 Prozent, wie Nestle am Freitag mitteilte. Die Aktie legte 1,8 Prozent zu. Da die vollen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie noch nicht eingeschätzt werden könnten, halte Nestle am ursprünglichen Ausblick für das Gesamtjahr 2020 vorläufig fest. Der Konzern erwartet eine Verbesserung des organischen Umsatzwachstums und der zugrunde liegenden operativen Ergebnismarge.

Sanofi: Der französische Pharmakonzern profitiert von der kräftigen Nachfrage nach Schmerzmitteln und Fiebersenkern wegen der Ausbreitung des Coronavirus. Im ersten Quartal stieg der währungsbereinigte Gewinn um 16,1 Prozent auf 2,04 Milliarden Euro, wie Sanofi mitteilte. Der Umsatz kletterte um 6,6 Prozent auf 8,97 Milliarden Euro. Rund die Hälfte des Gewinn- und Umsatzwachstums sei auf die Corona-Pandemie zurückzuführen. Der Corona-Effekt werde aber im Laufe des zweiten Quartals abebben. Die Prognose für 2020 bestätigte Sanofi. Der Konzern hat sich eine Steigerung des Gewinns je Aktie um fünf Prozent vorgenommen. Die Papiere kletterten 1,9 Prozent nach oben.

Eni: Dem italienischen Ölkonzern haben die Corona-Pandemie sowie die kollabierenden Ölpreise im ersten Quartal einen Milliardenverlust eingebrockt. Der Nettoverlust betrug 2,9 Milliarden Euro, wie das italienische Unternehmen am Freitag in Rom mitteilte. Im Vorjahr hatte Eni noch knapp 1,1 Milliarden Euro verdient. So musste Eni den Buchwert seiner Öllagerbestände den fallenden Marktpreisen anpassen, hinzu kamen Abschreibungen auf die Öl- und Gasaktivitäten. Bereinigt erzielte Eni ein kleines Plus von 59 Millionen Euro und damit einen Bruchteil des im Vorjahr verbuchten Gewinns von 992 Millionen Euro. Die Erlöse brachen um ein Viertel auf rund 13,9 Milliarden Euro ein. Die Aktie verlor 2,9 Prozent.

Blick auf andere Assetklassen

Die Ölpreise haben am Freitag trotz zwischenzeitlichen Kursverlusten ihre Erholung vom Vortag fortgesetzt. Ausschlaggebend war am Mittwoch jedoch keine Entspannung bei Nachfrageschwäche und Angebotsüberfluss, vielmehr sorgten politische Spannungen zwischen den USA und Iran für steigende Risikoprämien bei Rohöl. Im asiatischen Handel kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zuletzt 21,57 Dollar, 1,1 Prozent plus. Die US-Sorte WTI wurde je Barrel zu 17,09 Dollar gehandelt, 3,5 Prozent plus.

Der Euro-Kurs ist am Freitag wieder leicht gestiegen. Die europäische Gemeinschaftswährung wurde am späten Nachmittag mit 1,0804 US-Dollar gehandelt. Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs am Freitag auf 1,0800 (Donnerstag: 1,0772) US-Dollar fest.

Italiens Notenbank hat am Freitag Marktinsidern zufolge ihre im Auftrag der EZB unternommenen Käufe von heimischen Staatsanleihen ausgeweitet. Die Banca d'Italia erwerbe im Schnitt etwas mehr Titel als in den vergangenen Tagen, sagte ein Primärhändler. Sie sei stärker aktiv am Markt, sagte ein zweiter Insider. Die Renditen der zehnjährigen Anleihen fielen im Tagesverlauf um rund zehn Basispunkte auf 1,899 Prozent. Zuvor waren sie noch über die Marke von zwei Prozent geklettert, als sich am Rentenmarkt Enttäuschung über die Ergebnisse des EU-Gipfels vom Donnerstag breitmachte.

Mit Agenturmaterial.

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